Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Der Aufstand der Flight Attendants

Die Swiss hat in den letzten fünf Jahren rund 1,3 Milliarden Franken Gewinn erzielt. Beim Personal kommt davon nichts an, im Gegenteil: Die Fluggesellschaft will Sparrunden durchdrücken. Und stösst damit bei den MitarbeiterInnen auf grossen Widerstand.

Von Jan Jirát

Auf Kollisionskurs: Die MitarbeiterInnen der Swiss kämpfen gegen die Sparmassnahmen der Geschäftsleitung und desavouieren die eigenen Gewerkschaften. Foto: Swiss

Bei der Swiss proben die MitarbeiterInnen den Aufstand. Jüngstes Beispiel sind die Flight Attendants. Sie haben vorletzte Woche mit einer Mehrheit von über achtzig Prozent einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abgelehnt. Diesen hatte ihr Personalverband Kapers im letzten Jahr mit der Swiss-Geschäftsleitung ausgehandelt. Das Kabinenpersonal muckte mehr oder weniger geschlossen gegen die Swiss-Spitze und seinen eigenen Verband auf.

Vor den Flight Attendants haben auch die LangstreckenpilotInnen und das Bodenpersonal GAV-Verhandlungen mit der Geschäftsleitung abgebrochen. Was ist nur los im hochrentablen Konzern, der in den vergangenen fünf Jahren einen Gewinn von rund 1,3 Milliarden Franken erzielt hat (allein im vergangenen Jahr waren es 264 Millionen Franken)?

Traumjob mit Schattenseiten

«Wir heissen Sie am schönsten Arbeitsort der Welt willkommen», begrüsst die Swiss auf ihrer Website angehende Flight Attendants. Dem Beruf haftet noch immer das Traumjobimage an. Man reist in der Welt umher und lernt dabei neue Orte und Menschen kennen. Tatsächlich ist der Beruf äusserst populär, die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Auf die zwanzig freien Plätze des monatlichen Ausbildungskurses melden sich jeweils weit über hundert Interessierte.

Doch der Job in der Flugzeugkabine hat seine Schattenseiten. Angefangen beim Lohn, der bei EinsteigerInnen, die zwei Fremdsprachen sprechen, bei 3300 Franken brutto liegt. Hinzu kommen soziale Einschränkungen, weil die Arbeitseinsätze stark flexibilisiert sind und die Einsatzpläne erst eine Woche vor Beginn des neuen Arbeitsmonats bekannt gegeben werden. «Es ist unmöglich, in einem Sportverein zu spielen oder in einem Chor zu singen», sagt eine langjährige Flugbegleiterin, die anonym bleiben möchte. Ein weiteres Problem ist die sogenannte Overduty, die Überschreitung der vorgeschriebenen Flugdienstzeit. «Gerade der beliebte Flug nach Miami ist problematisch.» Da die Swiss die Destination mit einem Airbus A330 anfliege, der für das Kabinenpersonal keine Kajütenbetten aufweise, sondern nur Sitze, betrage die zugelassene Flugdienstzeit maximal 12,5 Stunden. «Im Winterflugplan wird diese Zeit wetterbedingt praktisch auf jedem zweiten Flug überschritten. Sobald klar ist, dass es zur Overduty kommt, müssten wir uns eigentlich weigern mitzufliegen und den Flug canceln. Das nehmen leider die wenigsten in Kauf.»

Vor diesem Hintergrund setzten die rund 3500 Flight Attendants grosse Hoffnungen in den neuen GAV. Und wurden enttäuscht. Zentrale Forderungen wie ein 13. Monatsgehalt sowie eine zweite Nacht bei Flügen nach Miami wurden nicht berücksichtigt. Hinzu kam der Abzug von zwei Ferientagen. Das sorgte beim Kabinenpersonal für derart viel Unmut, dass es den GAV wuchtig ablehnte.

«Unser Hauptaugenmerk lag bei der Sicherheit, die der GAV für die nächsten vier Jahre geboten hätte», sagt Georg Zimmermann von Kapers. Die Basis habe anders entschieden. Der bestehende GAV laufe nächstes Frühjahr aus, der Spielball liege nun bei der Swiss. Für Zimmermann liegt die Hauptursache der Ablehnung in einem Vertrauensproblem. «Die Geschäftsleitung der Swiss hat es nicht geschafft, unseren Mitgliedern ihre Sparstrategie plausibel zu erklären.»

In Zürich wie in Frankfurt

Das deutliche Nein der Flight Attendants ist nicht die einzige Turbulenz, der die Geschäftsleitung um Swiss-Chef Harry Hohmeister ausgesetzt ist. Mitte März lehnten auch die LangstreckenpilotInnen einen neuen GAV ab – sie entschieden sich mit satter Mehrheit von über siebzig Prozent gegen die Empfehlung ihrer Gewerkschaft Aeropers. Mehrarbeit, weniger Ferientage und Einschnitte bei der Pensionskasse waren für die Ablehnung ausschlaggebend. Als Ursache nennt auch Aeropers-Geschäftsführer Henning Hoffmann ein «Vertrauensproblem» sowie das fehlende Verständnis für den Sparkurs der Konzernleitung. Bereits im Herbst hat das Bodenpersonal seine GAV-Verhandlungen abgebrochen. Der Grund waren wiederum umfangreiche Sparmassnahmen, etwa verlängerte Arbeitszeiten und die Erhöhung des Pensionsalters von 63 auf 64 Jahre.

Der Ärger der MitarbeiterInnen über den Sparkurs ist angesichts der jährlichen Gewinne der Swiss nachvollziehbar. Die Geschäftsleitung hält trotzdem vehement am Sparkurs fest: «Wir müssen einem Strukturwandel in unserer Branche begegnen. Es versteht sich, dass dies keine einfachen Entwicklungen sind», sagt Swiss-Pressesprecherin Susanne Mühlemann auf Anfrage und ergänzt: «Der Wettbewerb in der Airlinebranche spielt sehr stark.» Er verschärfe sich durch europäische Konkurrenz von Billigfluglinien sowie von «aggressiv expandierenden Anbietern aus den Golfstaaten».

Ein weiterer Grund für den Kostendruck kommt vom Mutterkonzern Lufthansa aus Frankfurt und trägt den Namen Score. So heisst ein 2012 beschlossenes Sparprogramm, an dem sich die Tochtergesellschaft Swiss mit 115 Millionen Franken beteiligen muss. Score soll bis 2015 Einsparungen von 1,5 Milliarden Euro und eine Umsatzrendite von acht Prozent bringen. Nur so lasse sich die alternde Flugzeugflotte durch neue Maschinen ersetzen, lautet das Erzählmuster der Lufthansa-Konzernleitung. Demselben Muster folgt man auch bei der Tochter Swiss: «Um nachhaltig wirtschaften zu können und aus eigener Kraft investitionsfähig zu bleiben, um Arbeitsplätze zu sichern und weiter aufzubauen, müssen wir eine Umsatzrendite von rund acht Prozent erwirtschaften, also einen Gewinn von rund 450 Millionen Franken», sagt Pressesprecherin Mühlemann.

Hoffen auf den Mindestlohn

Doch die MitarbeiterInnen der beiden Fluggesellschaften kaufen ihren ManagerInnen diese Erzählung nicht ab. Während bei der Swiss die GAV-Verhandlungen vorerst stocken, sind die Lufthansa-PilotInnen mit ihren Forderungen um bessere Arbeitsbedingungen einen Schritt weiter gegangen, haben letzte Woche gestreikt und drohen mit weiteren Streiks nach Ostern. Von der deutschen Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit kommt denn auch die pointierteste Kritik an Score: In einer Medienmitteilung heisst es, das Sparprogramm sei eine «Gehirnwäsche» und ein «Märchen». Dem Gesamtkonzern gehe es angesichts des letztjährigen Gewinns von über einer Milliarde Euro und einem Cashflow von weit über drei Milliarden Euro im Branchenvergleich sehr gut. Das Ziel von Score sei «ganz offenbar nicht die Finanzierung von Investitionen, sondern die extreme Steigerung der Dividende auf nahezu eine Milliarde Euro und somit die Bedienung des Kapitalmarktes».

Ein Streik ist bei der Swiss zurzeit noch undenkbar. Doch die MitarbeiterInnen haben ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit gesetzt. Das Umfeld ist angesichts des Konkurrenzdrucks in der Tat schwierig. Aber solange die Geschäftsleitung eines hochprofitablen Konzerns einzig mit Sparmassnahmen auf Kosten seines Personals reagiert, muss sie mit Widerstand rechnen und sich Alternativen überlegen.

Vielleicht erhalten die Flight Attendants schon bald von ganz anderer Seite Unterstützung in ihrem Bestreben nach besseren Arbeitsbedingungen: von den Schweizer Stimmberechtigten, sofern diese am 18. Mai die Mindestlohninitiative annehmen.

Kabinenpersonal

Fragwürdige Praxis

Aus Kostengründen setzt die Swiss vermehrt auf ausländische Flight Attendants, intern als FOR bezeichnet. Das hat der «Sonntag» (heute: «Schweiz am Sonntag») vor zwei Jahren publik gemacht. Der Spareffekt erklärt sich dadurch, dass die FOR «für einen deutlich tieferen Lohn als ihre Schweizer Crew-Kollegen» arbeiten, da diese nicht dem Schweizer Arbeitsrecht unterstehen. Deshalb unterhält die Swiss Stützpunkte in Tokio, Bangkok, Bombay, Delhi, Schanghai und Beijing. Die FOR kommen überdies auf Flügen nach Dubai und Johannesburg zum Einsatz. Gegenüber der WOZ teilt die Swiss mit, dass «derzeit 220 Kabinenmitarbeitende von insgesamt 3650 unter FOR-Verträgen angestellt sind». Zu diesen Verträgen selbst will die Fluggesellschaft keine näheren Angaben machen.

Die Swiss rechtfertigt die FOR-Strategie nicht durch Kostengründe: «Mit dem Einsatz lokaler Crews auf unseren Flügen in bestimmte Märkte geht es primär darum, den sprachlichen und kulturellen Bedürfnissen der Kunden gerecht zu werden.» Wie bereits der «Sonntag» bemerkte, ist diese Begründung bei Destinationen wie Johannesburg und Dubai, wo eben keine lokalen Crews eingesetzt werden, fragwürdig.

Der bestehende Gesamtarbeitsvertrag des Kabinenpersonals, der noch bis April 2015 gültig ist, beinhaltet eine sogenannte Unterwanderungsquote der FOR von zehn Prozent, die zurzeit klar eingehalten wird. Einigen sich die Swiss und ihr Kabinenpersonal nicht auf einen neuen GAV, fällt die Quote weg.

Jan Jirát

Was weiter geschah: Nachtrag vom 16. Juli 2015

Unzufriedene Flight Attendants

Falls Sie dieser Tage in einer Maschine der Swiss in die Ferien düsen, könnte es sein, dass Sie die eine oder der andere Flight Attendant um Trinkgeld bittet. Dazu jedenfalls sah sich gemäss «20 Minuten» letzte Woche ein Maître de Cabine nach einem Flug von Malaga nach Zürich veranlasst. Immerhin, so der Flugbegleiter, seien ganze 33 Franken spendiert worden.

Mit der Aktion machte er auf den Kampf des Kabinenpersonals für bessere Arbeitsbedingungen aufmerksam. Vor einem Jahr lehnten die Flight Attendants einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ab, den ihr Personalverband Kapers mit der Swiss-Konzernleitung ausgehandelt hatte. Seit Mai 2015 ist nun ein neuer GAV in Kraft. «Angesichts des drohenden vertragslosen Zustands haben sich viele unserer Mitglieder für die Sicherheit entschieden, die ein neuer GAV bietet», sagt Harry Kreienbühl, Vizepräsident der Kapers. Immerhin erhalte das Personal neu einen halben dreizehnten Monatslohn. Dass die Spesenvergütung um 25 Prozent gesenkt wurde, sei allerdings eine «bittere Pille».

Die Trinkgeldaktion zeigt, dass offenbar längst nicht alle Flight Attendants mit dem neuen GAV zufrieden sind. NeueinsteigerInnen müssen etwa eine weit schlechtere Lohnentwicklung als bisher in Kauf nehmen.

Letztes Jahr erwirtschaftete die Lufthansa-Tochter einen satten Gewinn von 347 Millionen Franken – fast ein Drittel mehr als 2013.

Jan Jirát

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