Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Klassenkampf über den Wolken

Ryanair ist mit Tickets zu Tiefpreisen zur zweitgrössten Airline Europas geworden. Nun aber begehren die Beschäftigten gegen die schlechten Arbeitsbedingungen beim irischen Konzern auf.

Von Daniel Hackbarth

Wir bitten Sie um Ihre Aufmerksamkeit: Ihre Ryanair-Flugbegleiterin verdient wenig und im Krankheitsfall sogar noch weniger. Wir wünschen einen wunderbaren Flug! FOTO: GETTY

Fliegen ist anscheinend nie schöner gewesen als heute, Klimawandel hin oder her: Weltweit hat sich die Zahl der Fluggäste in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht, allein 2017 wuchs der globale Luftverkehr um 7,6 Prozent. Diese Entwicklung wird wohl sogar noch an Dynamik gewinnen – dabei ist der Massentourismus über den Wolken bereits jetzt eine ökologische Katastrophe. Längst ist ein Flug in die Ferien nichts mehr, was sich nur Reiche leisten können: Billigairlines verkaufen Tickets zum Discounterpreis, erschwinglich für fast alle.

Kein Unternehmen hat diese Entwicklung so vorangetrieben wie Ryanair. Deren Chef Michael O’Leary machte aus einer mickrigen Regionalfluggesellschaft die zweitgrösste Airline des Kontinents: Beförderte Ryanair 1999 noch rund 7 Millionen Passagiere, waren es im vergangenen Jahr bereits 129 Millionen. Heute hat nur die deutsche Lufthansa mit 130 Millionen mehr Fluggäste in Europa.

Doch die unternehmerische Erfolgsstory hat ihre Schattenseiten. Am vergangenen Freitag erlebte Ryanair den grössten Streik der Firmengeschichte, europaweit gingen PilotInnen auf die Barrikaden. Der Schwerpunkt der Aktionen lag in Deutschland, wo allein 250 Ryanair-Flüge ausfielen, aber auch in Irland, Schweden und Belgien traten die PilotInnen in den Ausstand. Dreissig Jahre lang hatte O’Leary sein Unternehmen bedingungslos auf Wachstum getrimmt, ohne auf die Angestellten in Cockpit und Kabine Rücksicht zu nehmen.

Der Boss ist ein Rüpel

Niemand verkörpert den ultrakapitalistischen Wind bei Ryanair besser als Firmenchef O’Leary selbst. Seine Biografie liest sich wie eine Story aus dem Märchenbuch des Neoliberalismus: O’Leary begann seine Karriere zunächst als Steuerberater von Firmengründer Tony Ryan, der ihm bald die Leitung seines defizitären Unternehmens übertrug. O’Leary reduzierte radikal die Kosten und setzte auf niedrige Preise; diese aggressive Strategie ermöglichte die Expansion von Ryanair und zwang auch etablierte Konkurrenten wie Lufthansa zur Gründung von Tochtergesellschaften, die ebenfalls Billigflüge anbieten.

Angesichts dieser Strategie überrascht es wenig, dass der Ire auch die Rechte seiner Angestellten für Teufelszeug hält: Erst müsse die Hölle gefrieren, ehe er mit Gewerkschaften verhandeln würde, verkündete O’Leary vor ein paar Monaten. Seinem Aufstieg zum Milliardär hat all dies offenkundig nicht geschadet.

Die finanziellen Verhältnisse der Ryanair-Beschäftigten sind dagegen weitaus bescheidener: Die deutschen PilotInnen verdienen im ersten Berufsjahr rund 39 000 Euro brutto, KopilotInnen 25 000. Deutlich schlechter noch ist die Lage des Kabinenpersonals: Zwischen 700 und 1300 Euro netto erhält einE FlugbegleiterIn monatlich. In dem Konflikt geht es aber dem Cockpit- wie dem Kabinenpersonal nicht nur um mehr Gehalt; ein Hauptstreitpunkt sind die zwielichtigen Konstruktionen, mit deren Hilfe Ryanair seine Beschäftigten anstellt, um Kosten zu sparen.

So sind viele Ryanair-PilotInnen gar nicht beim irischen Konzern angestellt, sondern arbeiten selbstständig – zumindest auf dem Papier. So verdienen sie im Krankheitsfall nichts und müssen die Sozialversicherung selbst bezahlen. In Deutschland ermittelte deswegen schon die Staatsanwaltschaft. Zudem hat der finanzielle Druck, der auf den Angestellten lastet, auch Konsequenzen für die Flugsicherheit, wie Thomas Steffen sagt, Sprecher von Aeropers, des Berufsverbands der Schweizer PilotInnen: «Solche Modelle können dazu führen, dass ein Pilot auch mal fliegt, obwohl er krank ist, weil er weiss, dass er sonst nichts verdient.»

Rechtliche Grauzonen

Ryanair bedient zwar den Flughafen Basel, hat aber bislang noch keine Beschäftigten in der Schweiz; mittelfristig könnte sich dies aber ändern, weshalb Aeropers die aktuellen Arbeitskämpfe aufmerksam verfolgt. Die andere grosse Billigairline, Easyjet, sei, so Steffen, dagegen «recht vorbildlich», was die PilotInnenverträge angehe.

Bei den FlugbegleiterInnen von Ryanair ist es unter anderem in Portugal und Spanien schon zu Streiks gekommen. In Deutschland verhandeln zurzeit noch die Gewerkschaften Ufo und Verdi mit dem Unternehmen. «Was die grossen Airlines angeht, ist Ryanair schon die krasse Ausnahme», sagt Ufo-Sprecher Daniel Flohr: «Wir haben noch keine Fluggesellschaft erlebt, die sich so lange gegen Gewerkschaften und Gesamtarbeitsverträge gesträubt hat und versucht, rechtliche Grauzonen auszunutzen.» Letzteres gilt vor allem für die Verträge der FlugbegleiterInnen: Für diese soll nach Auffassung des Unternehmens nämlich generell irisches Arbeitsrecht gelten, was für die Beschäftigten etwa im Krankheitsfall Lohneinbussen bedeutet.

Ob die Verhandlungen Ergebnisse zeitigen werden, ist schwer abzusehen. Die deutschen Gewerkschaften stellen sich nach den Erfahrungen in Südeuropa zumindest schon mal darauf ein, dass es bald zu Streiks kommen könnte. Ohne Druck von unten dürfte bei dem irischen Unternehmen ohnehin nichts gehen: «Das Thema Mitbestimmung ist etwas, womit man sich bei Ryanair nur beschäftigt, wenn man dazu gezwungen ist», sagt Daniel Flohr.

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