Nr. 16/2014 vom 17.04.2014

Die Rote Linie, die Rattenlinie und die Ignoranz

Propaganda ist mächtiger als journalistische Recherche. Das zeigt – wieder einmal – eine Enthüllungsgeschichte über den Giftgaseinsatz vom letzten August in Syrien.

Von Toni Keppeler

Die neuste Nummer der «London Review of Books» enthüllt einen Skandal: US-Präsident Barack Obama sei nach dem Giftgasangriff auf den syrischen Ort Ghuta mit mutmasslich über tausend Toten im August vergangenen Jahres bereit gewesen, einen massiven Raketenschlag gegen Baschar al-Assad und seine Armee anzuordnen. Dann aber habe ihn sein eigener Geheimdienst zurückgepfiffen. Die Spione glaubten, herausgefunden zu haben, dass nicht syrische Regierungstruppen den chemischen Kampfstoff Sarin eingesetzt hatten, wie es von der westlichen Presse allenthalben nahegelegt wurde. Tatsächlich sei die islamistische Al-Nusra-Miliz dafür verantwortlich, und die Türkei habe dabei geholfen.

Die chemische Waffe sei über eine Schmugglerroute nach Syrien gelangt, die Obama gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan Anfang 2012 vereinbart habe. Auf ihr sollten Bestände aus den Waffenarsenalen des gestürzten libyschen Autokraten Muammar al-Gaddafi an syrische Rebellen verschoben werden. Im Geheimdienstjargon hiess diese Route «Rat Line», die Rattenlinie. Nach einem Überfall auf das US-Konsulat in Benghasi im September 2012 seien die USA aus diesem gemeinsamen Projekt ausgestiegen, was Erdogan sehr erbost habe. Er habe die Rattenlinie weiter genutzt und versucht, mit dem Sarinangriff die USA zu einem Militärschlag gegen Assad zu zwingen. Obama selbst hatte vorher seine berühmte Rote Linie gezogen und dabei für den Fall eines Giftgaseinsatzes das direkte Eingreifen der US-Armee angedroht.

Das hört sich fast an wie eine Räuberpistole aus der Welt der Geheimdienste, verfasst von einem Anhänger von Verschwörungstheorien. Doch die «London Review of Books» ist ein seriöses Blatt und der Autor des Texts Seymour Hersh, die lebende Legende unter den investigativen JournalistInnen. Man sollte mit einem weltweiten Aufschrei rechnen. Doch der blieb aus. Nicht einmal die «New York Times», die den Reporter ein paar Jahre unter Vertrag hatte, widmete dem Skandal auch nur eine Zeile.

Hersh ist es gewohnt, dass seine brisantesten Enthüllungen übersehen werden. «Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viele Geschichten über dummdreiste Auslandsaktivitäten der USA veröffentlicht», schrieb er der WOZ. «Sie wurden von der bürgerlichen Presse routinemässig ignoriert.» Berühmt wurde der Mann mit seinen Recherchen zum Massaker von My Lai, begangen 1968 von US-Soldaten an über 500 vietnamesischen ZivilistInnen. Als er den Vorfall 1969 aufgrund von Zeugenaussagen rekonstruierte, nannte man ihn einen Lügner. Niemand wollte die Geschichte veröffentlichen. Am Ende tat es ein kleiner linker Nachrichtendienst. Ein Jahr später bekam Hersh dafür den Pulitzerpreis.

Viele seiner Geschichten sind problematisch. Sie stützen sich auf Aussagen anonym bleibender InformantInnen. Im juristischen Sinn kann er selten etwas beweisen. Fotos wie die zu seinen Enthüllungen über die Folterpraktiken im irakischen Gefängnis Abu Ghraib gibt es nur selten. Oft kann Hersh seine Sicht der Dinge nur plausibel machen. Und was ist plausibler? Seine Darstellung des Giftgasangriffs in Syrien und von Obamas ausgebliebener Reaktion? Oder die weithin geglaubte Theorie, nach der Assad ausgerechnet dann chemische Kampfstoffe einsetzte, als Obama gerade seine Rote Linie gezogen hatte?

Reicht es aus, dass Regierungen und ihre PR-SpezialistInnen eine ihren Interessen dienende «Wahrheit» wieder und wieder wiederholen, damit diese schon gefressen wird – von den Medien genauso wie von der Öffentlichkeit? So wie heute die russischen Medien und die dortige Bevölkerung eine ganz andere Version der Vorgänge in der Ukraine glauben als – in ihrer Mehrheit – die westlichen? Ja, es reicht aus. Man muss sich nur an die Präsentation von «Beweisen» für Massenvernichtungswaffen des Irak erinnern, mit der der damalige US-Aussenminister Colin Powell im Februar 2003 die Uno und die ganze Welt foppte. Eine glatte Lüge, die den Zweiten Irakkrieg möglich machte.

In der Theorie gehört es zu den Aufgaben von JournalistInnen, staatliche Propaganda als solche zu entlarven. In der Praxis aber sind es nur wenige EinzelkämpferInnen, die es auch tun. Alle anderen sind zu bequem, zu ängstlich oder zu angepasst. Und wenn so ein Einzelkämpfer nach langen Recherchen eine andere Wahrheit ans Licht bringt, ist der Nachrichtenstrom längst weitergeflossen, und niemand interessiert sich dafür. «Glücksfälle» wie Hershs My-Lai-Recherchen, die die Haltung der US-AmerikanerInnen zum Vietnamkrieg wesentlich beeinflusst haben, sind die Ausnahme.

Sein Text über die Rote Linie und die Rattenlinie wurde am Wochenende brandaktuell: Am Freitag soll in Syrien wieder Giftgas gegen ZivilistInnen eingesetzt worden sein; diesmal nicht Sarin, sondern ein weniger gefährliches Chlorgas. Es soll um die hundert Verletzte gegeben haben, das staatliche Fernsehen sprach auch von Toten. Die Regierung macht die Al-Nusra-Miliz für den Angriff verantwortlich, al-Nusra sagt: «Die Regierung war es.» Wir sollten mit Schuldzuweisungen vorsichtig sein.

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