Kelis : Essen reinigt unsere Seelen

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Die New Yorker Sängerin Kelis hat beim Kochen ihren inneren Frieden gefunden. Das hört man ihrem neuen Album «Food» an.

Klassische Rezepte der afroamerikanischen Küche: Kelis präsentiert auch eine TV-Kochsendung. Foto: Bodega Pictures

«Auch wenn meine Haut schon mal straffer war und ich früher um einiges schlanker: Ich fühle mich heute viel besser als mit 21», sagt Kelis. Das komme daher, dass sie rundum zufrieden sei: «Das Leben meint es gut mit mir. Peace! Das sagen die Leute zwar immer, aber die wenigsten wissen eigentlich, was es genau bedeutet. Frieden ist ganz schön unterbewertet.»

Peace, Frieden, ist bei Kelis gleichbedeutend mit häuslichem Frieden. Etwas, das sich die New Yorker Musikerin nach 2009 anlässlich der Trennung von ihrem Lebensgefährten, dem Rapstar Nas, und der anschliessenden Geburt ihres Sohnes Knight erst mühsam erkämpfen musste. Ihre eigene Karriere köchelte zu diesem Zeitpunkt eher auf kleiner Flamme. Kelis fühlte sich damals fremdbestimmt als Künstlerin, mit zu vielen Leuten, die mitreden wollten.

Woher kommt diese Reife?

Dabei hatte ihre Karriere so vielversprechend begonnen. Kelis war gerade zwanzig Jahre alt, als sie mit ihrem Debüt «Kaleidoscope» (1999) schlagartig berühmt wurde. Das Album, produziert von Pharrell Williams und Chad Hugo, läutete ein Jahrzehnt des futuristischen R ’n’ B ein, und ihre frühen Hits «Caught out there» und «Bossy» trugen ihr den Ruf einer Krawallschachtel ein. Ein Image, das ihr selbst nicht behagte. 2010, nach fünf Alben, dachte sie ans Aufhören. Zum Glück für uns hat sie sich anders entschieden – gegen die Mühlen des Mainstreams und für mehr künstlerische Freiheit.

Gefunden hat Kelis diese beim unabhängigen britischen Label Ninja Tune. Dort veröffentlicht die 34-Jährige nun «Food», ein tief entspanntes, mild melancholisches und furztrockenes neues Werk mit einer Extraportion Soul. Die Musik auf «Food» wächst langsam, die dreizehn Songs schmeissen sich nicht aufdringlich an die HörerInnen ran, sie klingen auf unterhaltsame Art weise, nie zu abgehangen. Woher kommt diese Reife? «Auf meiner Seele lastet nichts», sagt Kelis im Gespräch mit der WOZ. «Das Leben macht mir keine Angst. Ich bedaure auch nicht, was ich bisher gemacht habe. Und ich fürchte mich nicht vor dem, was noch kommen wird.»

Wohlbefinden fängt bei Kelis mit gutem Essen an: «Gesunde Ernährung geht uns alle an, auch wenn wir es vielleicht nicht wahrhaben wollen.» Kelis macht sich inzwischen auch im Fernsehen Gedanken übers Essen, beim Cooking Channel hat sie eine eigene Kochsendung namens «Saucy & Sweet», in der sie klassische Rezepte der afroamerikanischen Küche präsentiert. Auch für «Food» hat Kelis alle Songs komponiert und zusammen mit dem Musiker und Produzenten Dave Sitek von TV on the Radio im Studio arrangiert.

Köstliches aus Abfällen

Die musikalische Nahrungsaufnahme beginnt bei Kelis ganz klassisch mit einem Song über das Frühstück. «This is the real thing / Welcome to the world», singt sie im Refrain des Tracks «Breakfast». Zum Essen hat Kelis seit ihrer Kindheit in Harlem eine äusserst innige Beziehung. «Essen wurde bei uns zu Hause grossgeschrieben», erinnert sie sich. «Zusammen mit meinen drei Schwestern versammelte ich mich immer am Tisch zum Nachtessen. Egal was sonst noch los war in unserem Leben, der Termin war fix. Unbewusst strukturiert er noch heute meinen Alltag. Essen definiert unsere Kultur.»

Soulfood, die Spezialitäten der afroamerikanischen Küche, sorgten genauso wie ein eigenes Schönheitsideal für die Emanzipation der Schwarzen, weiss Kelis: «Als wir noch Sklaven waren, haben uns die Weissen kaum Nahrung zugestanden. Zu essen bekamen meine Vorfahren Küchenabfälle, all das, was die Weissen nicht mochten – mit dem Ergebnis, dass aus diesen Abfällen etwas Köstliches zubereitet wurde.»

Letztlich gehe es aber weniger um die Ingredienzien als um die Essenz einer bewussten Ernährung: «Essen reinigt unsere Seelen. Wenn einem alles weggenommen wird, die traditionelle Küche bleibt. Soulfood ist unverkäuflich. Mögen die Verhältnisse noch so düster sein, das Essen bleibt uns. Mit diesem Gefühl bin ich aufgewachsen.»

Mit schmachtender Stimme

Noch für die Generation ihrer Eltern bedeutete Essen ein Stück Normalität in der gesellschaftlich schwierigen Existenz. Und diese Geschichte schwingt auf «Food» in jedem Song, in jeder Zeile mit. Auch die Musik lehnt sich an die grosse Zeit des Sechziger-Jahre-Soul an: Bläsersätze, Kelis’ schmachtende Stimme und Gesangsarrangements mit Call-and-response-Struktur zeigen, dass die Künstlerin genau hingehört hat und allerlei Nützliches aus der Vergangenheit in die Gegenwart transferiert.

Frühstück, Lunch und Abendessen, Hauptgang und Dessert: Tagesabläufe und Menüfolgen mögen althergebracht sein, aber Kelis präsentiert sich auf «Food» auch als emanzipierte und unabhängige Frau, die haargenau weiss, was sie will. «Mit zunehmendem Alter wird mir immer stärker bewusst, was mir im Einzelnen fehlt», sagt sie . «Der Song ‹Friday Fish Fry› handelt etwa davon, dass ich Dinge in meinem Sinn durchsetze.»

Nachhaltige Songs

Auch daher eignen sich ihre programmatischen Sätze vom häuslichen Frieden und ihrer Zufriedenheit gut zum Nachdenken über die oft mit Tragik verbundene Reife im Showbusiness. Was bleibt einem nach fünfzehn Jahren im Rampenlicht? Mit guter Musik sei es wie mit einem guten Essen, findet Kelis: Man müsse sich noch Jahre später daran erinnern. Sie pocht auf Nachhaltigkeit: «So wie das Musikgeschäft geführt wird, tragen Songs nur zum Kurzzeitgedächtnis der Konsumenten bei. Mir selbst kam in meiner fünfzehnjährigen Karriere mehrmals das Gefühl abhanden, warum ich überhaupt mit dem Singen angefangen hatte. Meine Wünsche, meine Beweggründe sind mir heute weit wichtiger als das Airplay meiner Songs im Radio oder der Wunsch eines Managers, provozierende Fotos von mir zu veröffentlichen.»

Sie habe es nie darauf angelegt, berühmt zu werden, sagt Kelis: «Es ist einfach passiert. Und dann musste ich selbst sehen, wie ich damit klarkomme.» Oft denke sie dabei an einen Rat, den ihr die Mutter mitgegeben hat: «Lass dir die Freude am Singen nicht nehmen», habe sie immer gesagt. «Die hat die Welt dir nicht gegeben, also kann sie sie dir auch nicht klauen.»

Kelis: Food. 
Ninja Tune