Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Im Bastelraum der Erkenntnis

Er begreift sich eher als Petrischale für seine Fantasiepilze denn als Autor. Und seine Instrumente sind mitunter schräg gestimmt. Trotzdem berührt Chad VanGaalens Musik.

Von Daniela Weinmann

«Kinderkacke in Plastikwindeln entsorgen, das ist doch nicht normal, oder?», fragt der kanadische Indiemusiker Chad VanGaalen in einem Videointerview mit Radio KEXP aus Seattle. Windeln existierten nicht im Rock-’n’-Roll-Walhalla – bis Chad VanGaalen im Holozän erschien. Mit seinem neuen Album «Light Information» meldet er sich nun zurück.

Wer ist der Mann, der es wagte, Indie mit Windeln zu konfrontieren? VanGaalen hat das Image des Papis abonniert, in Interviews kommt er rasch auf seine Töchter zu sprechen. Machostrukturen kümmern ihn nicht, er singt über das, was ihm vor der Nase liegt (oder, in diesem Fall, in die Nase steigt). Während der Arbeit an «Diaper Island» (2011) wurde er Vater. Als ihn der Moderator von KEXP auf den Albumtitel anspricht, meint er, dass es ihm beim Wickeln seltsam vorgekommen sei, wie mit Kot umgegangen werde. «Mein Album heisst ‹Diaper Island›, weil ich von der Müllinsel im Ozean erfahren habe. So entstand das Bild einer riesigen Insel aus herumtreibenden Plastikwindeln.» Sagts und trötet in seine Mundharmonika – und bedient gleichzeitig mit den Füssen seine selbstbemalten Trommeln. Die Gitarre ist bedenklich schräg gestimmt. Aber die Songs berühren.

Wenn VanGaalen ein Album aufnimmt, verschwindet er in seinem Studio Yoko Eno in Calgary. Er ist eine One-Man-Band, ein Do-it-yourself-Musikproduzent und ein Zeichentrickfilmer, der auf seinem eigenen Kosmos insistiert. Synthesizer gesellen sich zu gebastelten Instrumenten, Spielen und Experimentieren werden bei ihm grossgeschrieben. Seine Musik rumpelt, hebt überraschend ab und schwebt. Singen tut er wie der junge Neil Young. Wem das zusagt, der braucht nicht lange, um VanGaalens Musik zu verfallen. Länger dauert es, den Denker im Gebastel auszumachen. VanGaalen scheint sich eher als Petrischale für seine Fantasiepilze denn als Autor zu begreifen. Doch wie das Beispiel «Diaper Island» zeigt, geht es ihm um das Private ebenso wie um das Politische.

Jetzt nur nicht den Kopf verlieren

Auf seinem neuen Album bleibt Chad VanGaalen diesem Grundsatz treu. Der Albumtitel ist vieldeutig und könnte mit «verdauliche Information» wie auch als Aufruf zum «Datenanzünden» übersetzt werden. «Light Information» ist keine leichte Kost. Wie «Diaper Island» zoomt das Album zwischen Familie und Gesellschaft hin und her. Informationstechnologie ist ein Thema, die Töchter sind älter geworden, die Grosseltern auch. Jüngst musste VanGaalen seinen Vater beerdigen. Und wie steht es um die Liebe zwischen zwei Menschen, die ihre Nachkommen und ihre Vorfahren pflegen müssen? Offenbar nicht allzu gut: Im Song «Pine and Clover» entwirft er eine Fantasiefigur, die auf Gesicht und Geschichte verzichtet, um ihrem Partner strategisch das Gefühl zu vermitteln, geliebt zu werden. Im selbst animierten Videoclip nimmt die Gestaltwandlerin stets die Form ihres Partnertierchens an, bis sie diesem das Herz aus der Brust reisst, worauf sie gleichmütig dessen verwesenden Körper imitiert.

Chad VanGaalen fordert zur Stellungnahme auf. Im Song «You Fool» singt er: «The last thing you said / Wasn’t real / It was lip-synced instead» (deine letzten Worte waren nicht real, sondern nur lippensynchronisiert). Da bist du nun, ein Schatten dessen, woran du glaubst, heisst es weiter. Die Menschen, die auf dem Album besungen werden, sind nicht gut beieinander. Schon im ersten Song «Mind Hijacker’s Curse» erscheint eine körperlose Dame, die es weder aushält, geliebt zu werden, noch es verkraftet, allein zu sein. VanGaalen siedelt sie in einem Science-Fiction-Szenario an. Vielleicht spricht er längst nicht mehr zu Menschen, sondern schon mit einer künstlichen Intelligenz, einem Bot.

Im Song «Old Heads» erhalten die Menschen sogar neue Prothesenköpfe – und niemand, so singt er, trauert den alten Köpfen nach. Denn die neuen funktionieren ja gut, oder nicht? VanGaalen selbst hält wenig von dieser Ewigkeitsfantasie des Transhumanismus. Gerüchten zufolge besitzt er nicht einmal ein Mobiltelefon. Es scheint ihm auch so recht schwerzufallen, den Kopf nicht zu verlieren: Verlorene Körperteile führen als Motiv durch seine gesamte Diskografie. Auf «Light Information» werden sie zur Metapher für die dauernde digitale Zerstreuung. Haltung bewahren und im Körper bleiben – das hängt bei ihm zusammen.

Vatersein als Freiraum

Den letzten Song «Static Shape» hat Chad VanGaalen mit seinen Töchtern aufgenommen. Es ist das zuversichtlichste, wildeste Stück des Albums. Darin singt er davon, wie er versucht, das Vertrauen in seine Mitmenschen zu bewahren. Früher habe er sich bemüht, sich anzupassen, doch dazu hätte er zu viele wichtige Dinge zurücklassen müssen. Er scheint damit besonders seine Kinder zu meinen. Auf das Albumcover hat er ein Lagerfeuer gezeichnet, das von einem Geländer umfasst ist. Ein rätselhaftes Bild. Hilfreich ist dieses Geländer kaum, muss es doch glühend heiss sein. Und überhaupt ist nicht klar, was es da soll: Chad VanGaalen hat mit «Light Information» erneut bewiesen, dass sein Denken kein Geländer braucht.

Am 24. Oktober 2017 stellt Chad VanGaalen im Bad Bonn in Düdingen sein neues Album vor.

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