Alltagsdoping : Explosion oder Implosion

Nr. 18 -

Was hat Doping am Arbeitsplatz mit der Wirtschaftskrise zu tun? Günter Amendt hat sich wie kein Zweiter für solche Fragen interessiert. Seine Vorträge zur Drogenpolitik erscheinen nun als Buch. Hier ein Auszug zur Pharmakologisierung des Alltags.

Aus der Serie «Victor», 2006 © Chantal Michel

Es ist auffällig, welchen Bedeutungswandel der Begriff «Doping» im Verlauf einer relativ kurzen Zeit erfahren hat. Als ich Mitte der achtziger Jahre die zunehmende Pharmakologisierung des Alltags zu beschreiben begann und dabei von «Alltagsdoping» sprach, war das kritisch gemeint. Ich wollte auf etwas aufmerksam machen, was ich für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung hielt. Heute wird, wenn es darum geht, den steigenden Konsum von Medikamenten zur Regulierung des Alltags zu erklären, wie selbstverständlich von Doping gesprochen.

Mit Alltagsdoping ist in der Regel der Umgang mit synthetischen Drogen aus den Labors der Pharmaindustrie gemeint. Auf sie will ich mich hier konzentrieren, allerdings nicht ohne festzuhalten, dass die traditionellen Drogen des Alltags – vom Kaffee über den Tee zum Nikotin und zur breiten Palette an Alkoholika – ebenfalls Dopingmittel sind beziehungsweise als solche verwendet werden.

Derzeit gilt Alkohol mit Blick auf die Trinkgewohnheiten von Jugendlichen als Problemdroge Nummer eins. Man wird das Phänomen besser verstehen, wenn man es als Symptom einer tiefer liegenden Störung des Risikobewusstseins begreift. Die erhöhte Risikobereitschaft vieler Jugendlicher beim Umgang mit Drogen sagt einiges darüber aus, welche Rolle sie sich selbst im gesellschaftlichen Gefüge zuweisen und welche Erwartungen sie an ihre Zukunft haben. Wenn ich diese Zukunft nicht sehe, gibt es keinen Grund, mein riskantes Konsumverhalten aufzugeben. Diese innere Einstellung beeinflusst auch das Lernverhalten von Jugendlichen. Wenn ich mir keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechne, habe ich auch keinen Grund, kostbare Lebenszeit in die Ausbildung zu investieren.

Diejenigen aber, die mit einem Platz im Produktionsprozess und der Aussicht auf eine berufliche Karriere belohnt wurden, finden sich in einem Konkurrenzsystem wieder. Deshalb ist eine steigende Zahl von Erwerbstätigen bereit, im Kampf um den Arbeitsplatz und die Stellung in der betrieblichen Hierarchie ihre Wettbewerbsfähigkeit mithilfe von Drogen zu erhöhen.

Kognitive Fähigkeiten steigern

Erstmals hat sich 2009 eine von der Deutschen Angestelltenkrankenkasse in Auftrag gegebene Studie mit «Doping am Arbeitsplatz» befasst. Auch die Autoren der Studie sehen einen inneren Zusammenhang zwischen Art und Ausmass des Drogenkonsums und den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen. Arbeit wird, «nicht zuletzt aufgrund sich rasch entwickelnder Informations- und Kommunikationstechnologien, zunehmend orts- und zeitflexibel sowie lösungs- und projektorientierter». Damit wachsen die Anforderungen an die berufliche Leistungsfähigkeit. Sie ist nicht mehr primär von den körperlichen, sondern «sehr entscheidend auch von den kognitiven und psychischen Ressourcen» abhängig, als da wären: schnelle Auffassungsgabe, gutes Erinnerungsvermögen, lebhafte Kreativität, fokussierte Aufmerksamkeit, Ausdauer und Stressresistenz.

Um diesen Anforderungen zu genügen, greifen organisch und psychisch Gesunde zu Medikamenten, die für Kranke entwickelt wurden: «Im Vordergrund steht folglich nicht die Heilung, sondern die Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit.» Das ist gemeint, wenn von Gehirndoping, Mind Doping oder Enhancement die Rede ist.

Im Zentrum der Studie steht die Beschäftigung mit Wirkstoffen zur Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten sowie des psychischen Wohlbefindens. Es mehren sich die Hinweise, dass Ritalin in studentischen Milieus als Hilfsmittel zur Steigerung der Lernleistung besonders populär ist. Aber auch Berufsgruppen wie Manager, «Börsianer», Journalisten, Mediziner und so weiter, die aufgrund von anhaltendem Leistungsdruck hohem Stress ausgesetzt sind, sind zu den Usern zu rechnen. Hinzuzufügen wäre, dass Ritalin längst auch in Clubs und auf Partys als «smart drug» geschätzt wird.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass Doping am Arbeitsplatz weniger verbreitet ist, als das öffentliche Gerede vermuten lässt. Immerhin dopen fünf Prozent der befragten Erwerbstätigen im Alter zwischen zwanzig und fünfzig Jahren. Zwei Millionen Deutsche haben bereits Erfahrungen mit das Hirn aktivierenden Substanzen, und 800 000 gesunde Beschäftigte schlucken, um den Alltag zu bewältigen, regelmässig Pillen. Die Ergebnisse dürften auf die Schweiz übertragbar sein.

Dass der Ärzteschaft beim Gegensteuern eine besondere Verantwortung zukommt, ist richtig und doch falsch: Denn zum einem ist davon auszugehen, dass die Beschaffung der gewünschten Substanzen an der Ärzteschaft vorbei immer häufiger über das Internet abgewickelt wird. Zum andern sind wir alle von der Pharmakologisierung des Alltags betroffen und folglich auch verantwortlich. Denn wir sind es, die in letzter Instanz entscheiden, ob wir das Angebot, das die Sozialingenieure der Pharmaindustrie für uns bereitstellen, annehmen oder nicht.

Es geht darum, eine Haltung in dieser Frage zu entwickeln. Und das ist alles andere als einfach. Seitdem ich mich mit Alltagsdoping beschäftige und je tiefer ich in die Problematik eindringe, desto mehr sehe ich mich mit Ambivalenzen konfrontiert, die es mir schwer machen, Position zu beziehen.

Ich möchte das an einem Statement des österreichischen Kollegen Christoph Langmann verdeutlichen. Der Leiter des Instituts für Suchtprävention meinte: «Der chemische Glückscocktail aus Endorphinen, Oxytocin und Dopamin in unserem Hirn entsteht vor allem dort, wo Menschen soziale Kontakte haben, wo sie Anerkennung finden und geliebt werden. Ich habe kein Problem damit, dass man dem chemisch nachhilft. Ich bezweifle aber, dass das auf Dauer geht.» Christoph Langmanns Zweifel, was die Dauer betrifft, teile ich, doch anders als er habe ich ein grundsätzliches Problem damit, «dass man dem chemisch nachhilft». Und ich will mir dieses Problembewusstsein, das eingestandenermassen auf einem tiefen Misstrauen gegenüber den Aktivitäten der Pharmaindustrie beruht, auch nicht ausreden lassen.

Verzweiflung runterschlucken

Noch hat der Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten bei Arbeit, Sport und Spiel nicht US-amerikanische Ausmasse erreicht – weder in Deutschland noch in der Schweiz. Doch auch hier könnte sich schon bald ein vergleichbarer Mentalitätswandel vollziehen, der die Ärzte veranlasst, bei der Verordnung weniger strenge Massstäbe anzulegen, und potenzielle User veranlasst, sich über das Netz selbst zu versorgen.

Im Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es auch nicht substanzgebundene Formen des Dopings am Arbeitsplatz gibt. Ich spreche von den oft fragwürdigen Methoden des Motivationstrainings, dem sich Erwerbstätige, aber auch Arbeitsuchende unterziehen beziehungsweise unterziehen müssen. Auch da geht es um die Freisetzung von Endorphin und Dopamin. Auch da kommt es zu unerwünschten Nebenwirkungen, wenn die Motivation zusammenbricht, weil die Belohnung – der Karrieresprung oder der Arbeitsplatz – ausbleibt.

Wie sich die Wirtschaftskrise auf die Psyche der Menschen auswirken wird und wie sie ihre Ängste verarbeiten werden, ist eine offene Frage. Irgendwann und irgendwie werden sich die angestauten Ohnmachtsgefühle entladen. Möglich, dass die Menschen sich zu wehren beginnen und aufbegehren. Möglich, dass sie sich entschliessen, die Gegenmacht ihrer Gewerkschaften zu mobilisieren. Möglich auch, dass sie sich neonazistischen Parteien anschliessen. Alles ist möglich, doch wahrscheinlich ist, dass sie ihre Verzweiflung nach innen wenden, dass sie resignieren und depressiv werden oder in den Suizid flüchten. Noch wahrscheinlicher ist, dass sie ihren Frust und ihre Verzweiflung – flüssig oder pillenförmig – einfach runterschlucken.

Explosion oder Implosion – darauf wird es hinauslaufen.