Editorial : Jeder Zeit ihre Droge

Nr. 18 -

Warum ein Dossier zum Thema Drogen, und das zum Tag der Arbeit? Die Jahre, als Zürich als «Needle Park» Schlagzeilen machte, scheinen in weiter Ferne. Auf dem Sorgenbarometer der hiesigen Bevölkerung rangieren die Drogen nicht einmal mehr auf den ersten zehn Plätzen. Ein Besuch bei Ruth Dreifuss in Genf lässt Zweifel an der Dringlichkeit rasch verfliegen. Die ehemalige Bundesrätin berichtet von ihrem Engagement für eine globale Wende in der Drogenpolitik. Sie soll unter dem Aspekt der Gesundheit statt der Repression betrachtet werden. Sorgen bereitet Dreifuss die Situation auf der Krim, wo nach der russischen Annexion Tausende Heroinabhängige in die Illegalität gestossen werden. Hoffnung setzt sie auf Pilotprojekte zur Cannabisregularisierung.

Auf der Spur der Drogen lernt man, wie scheinbar naturgegebene Märkte von den Staaten eröffnet oder geschlossen – und so der Mafia überlassen werden. Dass auch Drogenkartelle wie Grosskonzerne funktionieren, zeigt das Sinaloa-Kartell des kürzlich verhafteten Joaquín «El Chapo» Guzmán: Statt Steuern zahlt es Schmiergelder, mit Wohltätigkeit macht es Marketing. Mit den Zusammenhängen zwischen Kapitalismus und Drogenpolitik hat sich der Sozialwissenschaftler Günter Amendt beschäftigt. Diesen Mai erscheint eine Sammlung seiner Vorträge, in unserem Dossier finden Sie einen Vorabdruck zum Thema Alltagsdoping. Womit wir definitiv am Arbeitsplatz gelandet sind. Nach dem Motto «Jede Zeit hat ihre Droge» sind die Pharmafirmen daran, die Beschäftigten mit Optimierungsmedizin fit zu trimmen.

Wir wünschen Ihnen einen nüchternen oder heiteren, antreibenden oder wegdriftenden, auf alle Fälle befreienden 1. Mai!