Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Bärlauchpesto und imaginäre Biografien

Die beiden Künstlerinnen Chantal Michel und Olivia Notaro suchen auf unterschiedlichen Wegen den direkten Kontakt zu ihrem Publikum. Zwei Ausstellungsbesuche in Thun.

Von Fredi Bosshard

Jeden Samstag gegen Abend ist in der Thuner Villa Gerber Vernissage. Chantal Michel empfängt die AusstellungsbesucherInnen im Eingangsbereich mit einem Glas Prosecco. Einige Arbeiten aus fotografischen Zyklen der Künstlerin hängen an den Wänden. Michel empfiehlt, den Rundgang im Dachgeschoss der Villa zu beginnen.

Das historische Gebäude liegt am Guisan-Platz in Fussdistanz vom Bahnhof, unweit der zweigeteilten Aare und des Kulturlokals Café-Bar Mokka (siehe Musikbeilage, WOZ Nr. 42/12). Hinter der Villa, dort wo einst die Fabrikationsgebäude für die «Gerber-Chäsli» standen, klafft ein grosses Loch, und daneben wächst das Projekt Rex aus dem Boden. Die Baugrube für die Überbauung Puls ist ausgehoben. «Von der Fondueproduktion zum urbanen Zentrum» steht auf der Infotafel. Geplant sind 4120 Quadratmeter Verkaufsfläche, 780 Quadratmeter Gastrobereich, 540 Quadratmeter für Dienstleistungen, 97 Wohnungen, 54 Einheiten für betreutes Wohnen und 247 Parkplätze.

Geschichten vom verlorenen Glück

Die Villa Gerber steht unter Denkmalschutz und kann stehen bleiben, doch ein Teil dient jetzt als Baubüro. Chantal Michel belebt seit Anfang Juni die restlichen Räume. Die aus Bern stammende Künstlerin hat eine glückliche Hand, wenn es Gebäude zu finden gilt, die sich für Zwischennutzungen eignen. Vor vier Jahren hat sie das Schloss Kiesen in der Nähe von Thun bespielt, 2005 das leer stehende Hotel Schweizerhof in Bern, im Jahr darauf das verwunschene Grand Hotel auf dem Bürgenstock.

Auch in der Villa Gerber gelingt es Michel mühelos, die BesucherInnen in ihre Märchen- und Traumwelt zu entführen. Im rustikal-rohen Dachstock sieht man sie und ihr beinahe identisches Alter Ego in einer Videoprojektion von 2002 im weiss getupften Fünfziger-Jahre-Kleid am Meer sitzen und in die Unendlichkeit blicken. Chantal Michel hat viele Gesichter. Sie schlüpft in unterschiedlichste Rollen und lässt geschlechtsspezifische Vorgaben hinter sich.

Model der eigenen Fantasie

In einem kleinen, weiss getünchten Raum dient eine abgerundete Wand als Projektionsfläche für das neue Video «Hélène et Paul», das eine vergangene glückliche Zeit festhält. Die Off-Stimme erzählt von den kleinen wichtigen Dingen des Lebens. Es ist eine Geschichte über das verlorene Glück zum Rousseau-Jahr.

Chantal Michel taucht immer mal wieder unter den BesucherInnen auf, erzählt Geschichten zur Entstehung der Videos und Tafelbilder, auf denen sie als Model ihrer Fantasien zu sehen ist. Oft gleich im Doppel, damit es «nicht so einsam ist», wie sie sagt. Die Ausstellung ist Retrospektive und Blick in die Zukunft zugleich. Die Räume verändern sich von Woche zu Woche.

Im zweiten Obergeschoss hat Michel Zimmer im Stil der fünfziger und sechziger Jahre möbliert und ihre Kunst gleich integriert. Da gibt es das stilvolle Kleiderzimmer, ein Büro, ein schwülstiges Hotelzimmer und ein karges Schlafzimmer mit komfortabler Bücherwand. Selbst die Küchenschränke sind echt Resopal. Auf der Ablage liegen Ausstellungsattrappen der Gerber-Klassiker «Heidi», «Negerli» und «Chalet».

Doch es ist nicht Käseduft, der die Nasen der BesucherInnen zu umschmeicheln beginnt. Chantal Michel bittet zum Abendessen in das Kellergewölbe. An langen Tischen ist für die rund zwanzig Personen aufgedeckt. Diesen Samstag hat die Künstlerin eine Kürbiscremesuppe vorbereitet, gefolgt von einem ausgezeichneten Bärlauchpestorisotto. Dazu gibts Rotwein und hinterher Gugelhopf und Café. Ein guter Freund trägt auf, und schon bald gesellt sich Michel zu den Gästen. «Seit ich koche, bin ich glücklich», meint sie, nur so lerne sie die Leute kennen und erhalte Feedbacks auf ihre Arbeiten, wie es in Galerien und Museen nicht möglich ist.

Bei ihr ist die Ausstellung nur inklusive Essen zu haben. Wenn alles gutgeht, kann sie so bis Ende 2013 weiterwirtschaften, weiterarbeiten, die Ausstellung verfeinern und jeweils samstags die Gäste bekochen.

Geschichten vom imaginierten Leben

Ein kurzer Spaziergang entlang der Aare und zum See führt direkt ins Kunstmuseum Thun zu Olivia Notaro, der aktuellen Preisträgerin der in Köniz beheimateten Stiftung Frauenkunstpreis.

Notaro verfolgt ähnliche Ziele wie Chantal Michel – auch sie sucht den Kontakt zu den MuseumsbesucherInnen. Deswegen hat sich die zwischen Bern und London pendelnde Künstlerin im Foyer und im Ausstellungsraum je einen Arbeitsraum eingerichtet. Dort ist sie während der Öffnungszeiten anzutreffen. Ihr Wohnmobil steht direkt neben dem Museum. Es ist ihr dritter Arbeitsplatz, und er ist ebenfalls ins künstlerische Konzept eingebunden.

Im Kunstmuseum Thun sind momentan im Rahmen von «This Is a Women’s World» die Arbeiten von zehn Künstlerinnen zu sehen, allesamt Preisträgerinnen der Stiftung Frauenkunstpreis, die seit 2001 Künstlerinnen aus der Region Bern und angrenzenden Kantonen auszeichnet.

Porträts von weiblichen Kunstschaffenden aus den Sammlungsbeständen des Museums fügen diesen Arbeiten eine weitere spannende Perspektive hinzu: Die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aktiven Frauen werden mit Anmerkungen zu ihrer Person in ihrem sozialen Umfeld eingebettet.

Vor einer Wand mit zwölf von ihr ausgesuchten Frauenporträts – alle von Männern gemalt und normalerweise in der Sammlung des Kunstmuseums verborgen – hat Olivia Notaro ihre Staffelei aufgebaut.

Notaro ist ausgebildete Trompe-l’Œil-Malerin, sie arbeitet mit optischen Täuschungen. In der Serie «Déjà-vu» kopiert sie Elemente aus der Umgebung in gefundene Porträtbilder. Im Foyer hat sie ein namenloses Herrenporträt an die Wand gehängt; jetzt ist sie dabei, den Hintergrund der Umgebung im Kunstmuseum anzupassen. So wird der Unbekannte von «Moment #11», der auch schon in einer Londoner Ausstellung den Hintergrund einer Wand angenommen hat, in unterschiedliche und sich verändernde Zusammenhänge eingebunden.

Im Ausstellungsraum des Thuner Kunstmuseums verwendet Notaro für «Present #3» ein Frauenporträt aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, das sie im Brockenhaus erstanden hat. Sie erzählt, wie sie einen Teil des Schmucks, den die Porträtierten auf den Gemälden an der Wand des Kunstmuseums Thun tragen, unauffällig und dezent in das von ihr bearbeitete Bild überträgt. So malt sie den Unbekannten eine sich fortentwickelnde imaginäre Biografie.

Die Ausstellung «Villa Gerber» von Chantal Michel ist jeweils am Samstag ab 18 Uhr geöffnet. Der Besuch ist nur auf Anmeldung unter 
Telefon 031 311 21 90 möglich. Ausstellung 
und Diner: 45 Franken. www.chantalmichel.ch

Die Ausstellung «This Is a Women’s World. 
10 Jahre Frauenkunstpreis» im Kunstmuseum Thun dauert noch bis 25. November. 
www.kunstmuseumthun.ch

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