Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Ein Phantom namens Mengele

Der deutsche Doktor und die Puppen: Die argentinische Schriftstellerin und Regisseurin Lucía Puenzo hat ihren Roman «Wakolda» verfilmt. Dabei kommen ihr die eigenen Motive in die Quere.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Es ist mir egal, wer er ist», raunt die Mutter bald nach der Niederkunft. Er, das ist der Doktor aus Deutschland, der sich als Helmut Gregor ausgibt und gerade ihre zu früh geborenen Zwillinge gerettet hat. Wir befinden uns im Jahr 1961, in einem abgeschiedenen Gasthaus in Argentinien. Was die Mutter in ihrer Dankbarkeit ausblendet: So ganz selbstlos war es nicht von dem Herrn Doktor, sich als Geburtshelfer zu anerbieten. Denn daheim in Deutschland gehörten Zwillinge zu den bevorzugten Objekten seiner Experimente an lebenden Menschen. Damals war er allerdings noch unter seinem richtigen Namen bekannt: Josef Mengele (1911–1979).

Der «Todesengel von Auschwitz» als Lebensretter am Wochenbett: Die durchaus obszöne Ironie dieser Szene ist natürlich beabsichtigt, und sie zeigt, dass sich Lucía Puenzo mit ihrem Film «El secreto de Wakolda» sehr bewusst in die Grauzone zwischen dem historisch Verbürgten und seiner fiktionalen Ausmalung manövriert. Das rettet diesen Film zwar nicht. Aber es macht deutlich, dass die argentinische Regisseurin und Schriftstellerin den Nazidoktor bloss in der grausigen Legende auferstehen lässt, als die er längst durch die Popkultur geistert.

Der Eugeniker und seine Lolita

Lucía Puenzo hat diese Geschichte schon einmal erzählt, in ihrem Roman «Wakolda» (2012), den sie nun unter eigener Regie verfilmt hat. Wie schon in ihren ersten beiden Filmen kreist sie wieder im Schwebezustand der Adoleszenz – aber auch hier erreicht sie nicht mehr die fiebrige Intensität ihres Erstlings «XXY». Da schliesst sich also dieser deutsche Arzt einer argentinischen Familie an, deren zu klein gewachsene jugendliche Tochter Lilith sein wissenschaftliches Interesse weckt. Als die Familie in Bariloche ein Gasthaus eröffnet, zieht der freundliche Doktor (Àlex Brendemühl) als erster Dauergast dort ein – und beginnt seine Studien an dem Mädchen (Florencia Bado).

Der Film macht kein grosses Geheimnis daraus, dass es sich bei dem Fremden um den untergetauchten Doktor Mengele handelt. Die Familie jedoch ahnt lange nichts, und für die Tochter wird er gar zum väterlichen Freund. Ein bisschen «Lolita» spielt also auch hinein, einfach mit wissenschaftlichem statt sexuellem Begehren: Dieser Mengele ist Humbert Humbert als Eugeniker. Von ihm bekommt Lilith die Aufmerksamkeit, die ihr sonst fehlt, weil sie auf der deutschen Schule in Bariloche von den MitschülerInnen nur als Zwerg verlacht wird. Wieder so ein ironischer Dreh: Ausgerechnet beim Chefeugeniker der «Herrenrasse» sucht Lilith also Zuflucht vor den pubertären Herrenmenschen auf der Schule.

Die Frage habe sie immer beschäftigt, sagt Lucía Puenzo beim Gespräch am letztjährigen Filmfestival in Cannes: «Warum hat unsere Regierung diesen Leuten die Tür geöffnet?» Mehr noch als die politischen Hintergründe hat sie dann allerdings das Schweigen der argentinischen Zivilbevölkerung umgetrieben: «Diese Leute teilten ihren Alltag mit diesen Männern, die als Lehrer oder Ärzte für sie arbeiteten und von denen sie anfangs vielleicht wirklich nicht wussten, wer sie waren. Doch selbst wenn es ihnen erst mit der Zeit klar wurde, dass das deutsche Nazis sein mussten: Ich verstehe nicht, wie sie dann einfach weiter schweigen konnten.»

Bei ihren Recherchen habe sie viel über die deutschen Gemeinden in Argentinien gelernt: «Diese Leute waren vor dem Krieg oft noch stärker nationalsozialistisch eingestellt als die Menschen in Deutschland. Und nach dem Krieg waren sie bereit, die Nazis als Helden zu empfangen – und ihnen beim Untertauchen zu helfen.»

Gerade um Josef Mengele hat sich ein ganzes Repertoire an Legenden entsponnen, seit er nach seiner Flucht nach Südamerika zum gejagten Phantom wurde – eine populäre Mythologie, die vor allem im Kino bis heute nachwirkt. Von der Folterszene in «Marathon Man» bis zu neueren Horrorfilmen wie «The Human Centipede» hat sich der deutsche Doktor mit seinen unmenschlichen Experimenten längst von der historischen Figur gelöst und sich ins popkulturelle Inventar des Bösen gespielt.

Kolportage mit schlechtem Gewissen

Und da beginnen die Probleme für «El secreto de Wakolda». Denn Lucía Puenzo will mit ihrem Film zwar nicht die Legenden fortschreiben, die sich um den Doktor des Grauens ranken – und tut dann doch nichts anderes als das, wenn sie als Leitmotiv eine Puppe mit mechanischem Herzen einbaut. Liliths Vater tüftelt an einer solchen Porzellanpuppe, und es ist Mengele, der ihn zur Massenproduktion drängt und sich sogleich als Investor ins Spiel bringt. Das Treiben des Eugenikers, das sich in der Obsession mit den mechanischen Puppen spiegelt: Im Roman mag dieses metaphorische Spiel funktionieren, aber im Film handelt sich Lucía Puenzo damit genau jene Effekte des Grusels ein, die sie sonst so sorgsam zu vermeiden vermag.

So haben wir einen Film, der mit dem Grauen spekuliert – dabei aber alles tut, um ja nicht den billigen Horror zu bedienen. Es ist Kolportage, aber mit schlechtem Gewissen. Und auch sonst passt wenig zusammen: Die deutschen Dialoge klingen hölzern, und der Soundtrack beschwört mit Warren Ellis und Nick Cave eine heimelige Präriestimmung wie aus einem ganz anderen Film.

Vielleicht ist Lucía Puenzo in der Literatur auf Dauer besser aufgehoben. Wenn sie an Festivals eingeladen wird, ist es für sie jedenfalls keine Frage, ob ihr eine Buchmesse oder ein Filmfestival lieber ist: «Die Buchmesse! Immer.» Die Welt der Literatur sei ihr einfach sympathischer: «Wenn Schriftsteller sich treffen, reden sie miteinander über Literatur. Wenn Filmregisseure sich treffen, reden sie nur über Geld.»

«El secreto de Wakolda» läuft 
ab 15. Mai 2014 in den Kinos.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch