Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Conchita Wurst und der Kalte Krieg

Von Bettina Dyttrich

Wie sei das mit dieser Conchita Wurst, fragt ein Mann im Zug: «Will sie sich umwandeln lassen?» Seine Kollegin weiss es auch nicht, findet aber: «Sie hat schon eine recht hohe Stimme für einen Mann.» Der Sieg der österreichischen Dragqueen im Eurovision Song Contest hat manche verwirrt – nein, Tom Neuwirth, der hinter Conchita steckt, ist ein schwuler Mann und will sich nicht «umwandeln lassen». Ganz im Gegensatz zur israelischen Transfrau Dana International, die den Gesangswettbewerb 1998 gewann und schon «umgewandelt» war – viele Transmenschen lehnen dieses Wort übrigens ab, sie sprechen lieber von «angleichen».

Doch es gibt Parallelen zwischen 1998 und heute: Schon Dana Internationals Erfolg hatte einen politischen Unterton. Vor allem in Israel selbst, wo er als Sieg über die Ultraorthodoxen gefeiert wurde, die die Sängerin angefeindet, teils sogar mit Flaschen beworfen hatten.

Heute ist es mehr als nur ein Unterton: Conchita Wurst versteht sich als Botschafterin der Menschenrechte gegenüber Wladimir Putin. Westeuropa inszeniert sich als Bastion der freien Sexualität. Im neuen Kalten Krieg sind Homosexuellenrechte willkommen, um sich gegen Russland abzugrenzen; gegen «den Islam» erfüllen sie diesen Zweck schon länger. Afrika gilt gleich als «der homophobe Kontinent», so der Titel eines ansonsten differenzierten Artikels kürzlich in der NZZ. Dabei geht unter, dass es auch im Westen noch Homophobie gibt – und dass sie fast überall auf der Welt ein Import aus dem kolonialen Europa ist, in Afrika noch verstärkt von US-finanzierten evangelikalen Predigern.

Keine Frage: Die Fortschritte, die sich queere Menschen im Westen erkämpft haben, sind toll. Letzte Woche haben die ersten Lesben im US-Bundesstaat Arkansas geheiratet. In der Schweiz hat gerade eine Arbeitsgruppe des Unispitals Zürich neue, kluge Behandlungsempfehlungen für Transmenschen erarbeitet. Und Hunderte jubeln einer Frau mit Bart zu. Das alles sind Erfolge, die es sich zu feiern lohnt. Doch wir sollten dabei aufpassen, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen – weder von neuen Kalten Kriegern noch von Islamfeindinnen.

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