Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Liebe als Chemie

Heinz Helle scheitert an einer Beziehung.

Von Kaspar Surber

Ein deutscher Philosophiestudent arbeitet in New York an einem Vortrag über das Bewusstsein und übt sich dabei in Banalitäten: «Ich habe die Aufgabe, Lösungen für Probleme zu finden. Jeder hat diese Aufgabe. Unsere Aufgabe unterscheidet sich nur in den Problemen, um die es geht.» Seines ist das Scheitern einer langjährigen Beziehung. Sie lernten sich in einer Werbeagentur kennen, lockere Partyjahre folgen. Zweifel an der Zuneigung bleiben spürbar. Eine ungewollte Schwangerschaft lassen sie abbrechen, wobei die Mutter der Freundin den Entscheid fällt. Wiedersehen und endgültige Trennung in New York.

Der Protagonist erzählt dies alles aus einer nihilistischen Perspektive, Gefühlsregungen scheinen ihm nicht möglich. Man könnte das als Stück über Entfremdung lesen, wäre es nicht so offensichtlich komponiert und die Lektüre entsprechend nervtötend. Bevorzugtes Stilmittel in Heinz Helles Debüt ist die Zerlegung aller Vorgänge in ihre chemischen Bestandteile und physikalischen Abläufe, was wohl Distanz herstellen soll. Schneefall klingt dann so: «Stickstoffmoleküle strömen die Haut meiner Stirn entlang, Sauerstoff, Kohlendioxid, Methan.» Um dem Erzähler doch noch etwas Verve zu verleihen, lässt ihn Helle alle paar Seiten verkünden, dass er «jede, wirklich jede Frau ficken will». Als Mann erklärt der Philosophiestudent sein Verhalten bloss mit dem Y-Chromosom, seine Vorstellung von Gesellschaft geht nicht über ein Fussballspiel der deutschen Nationalmannschaft hinaus. Da sitzt er, mit der Deutschlandfahne auf einer Strassenampel. Zurück bleibt als Gefühl, dass die Nöte einer Mittelschichtsbiografie hier nicht befragt werden, sondern bloss zum Ausdruck kommen.

Der Autor liest am Freitag, 30. Mai 2014, um 14 Uhr in Solothurn.

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