Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen

Die in Kiew geborene Autorin Katja Petrowskaja erzählt Geschichten über ihre sprachgläubige jüdische Familie. Um sprechen zu können, musste sie die «stumme Sprache Deutsch» lernen.

Von Ulrike Baureithel

Deutsch, nemeckij, ist im Russischen «die Sprache der Stummen, die Deutschen sind für uns die Stummen, nemoj nemec, denn der Deutsche kann doch gar nicht sprechen». Warum nimmt eine russischsprachige Ukrainerin jüdischer Herkunft den Kampf ausgerechnet mit einer so «stummen» Sprache auf, der Sprache des Feindes zumal, statt sich, wie der Bruder, ins Hebräische zu versenken oder sich auf die andere Sprache ihrer Vorfahren, das Polnische, zu werfen? Für Katja Petrowskaja ist Deutsch die «Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen» und Vehikel gegen das Schweigen, das über der Vergangenheit liegt: «Als müsste ich das stumme Deutsch lernen, um sprechen zu können.»

An der Familientafel

Und so fängt die 1970 in Kiew geborene Autorin an, auf Deutsch zu schreiben, als wäre sie «eine Kuh und ein ungeborenes Kalb zugleich, brüllend und muhend, gebärend und geboren», immer den Leitstern der Literatur, der sie von Kindheit an begleitet, mit auf ihrem Weg, der sie der Liebe wegen nach Berlin geführt hat. «Ich schreibe keine Literatur!», gibt sie zu Protokoll. Bemerkenswert für eine Autorin, die im estnischen Tartu und in Moskau Literatur studiert hat. Und so firmiert ihr 2013 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnetes Buch «Vielleicht Esther» unter dem Label «Geschichten».

Geschichten müssen erzählt werden, um jene um sich zu scharen, die an der Familientafel, nach der sich die Ich-Erzählerin sehnt, fehlen. Die Geschichte von Urgrossvater Ozjel etwa, der sein Leben den Taubstummen widmete, und von Grossvater Wassilij, der in den Krieg zog und erst nach 41 Jahren zurückkam. Oder von Judas Stern, dem «meschuggen» Grossonkel, der 1932 in Moskau auf einen deutschen Botschaftsrat schoss und damit nicht nur diplomatische Verwicklungen auslöste. Dann sind da noch die wunderbaren Frauen: die Urgrossmutter, «Babuschka», an deren Namen sich Petrowskajas Vater nicht mehr erinnert und die «vielleicht Esther» hiess. Weil sie glaubte, durch ihr gepflegtes Deutsch ein besonderes Verhältnis zu den Besatzern zu haben, wurde sie 1941 mitten auf der Strasse in Kiew erschossen. Grossmutter Rosa ihrerseits weigerte sich zeitlebens, Jiddisch zu sprechen, und Tante Lida bewahrte verstummend das Familiengeheimnis. An sie erinnern nur noch die Rezepte von «gefiltem Fisch» und Strudel.

Überwölbt werden diese Geschichten jedoch vom grossen Thema der Familie, das einen institutionellen Ursprung hat und vor sieben Generationen mit der Gründung einer Taubstummenschule in Warschau begann. Dort lehrten die Angehörigen eines «vom Hören besessenen Volkes» gehörlosen Kindern das Sprechen, denn die Juden waren davon überzeugt, «dass Verstand und Vernunft in der gesprochenen Sprache sitzt» und man nur dadurch zugehörig ist. Dann wird das sprachgläubige Volk zum Schweigen gebracht, bis es am Ende «keine Menschen mehr gibt», die man fragen kann, weil sie nicht überlebt haben oder weil sie wie Lida verstummt sind.

Die Erzählerin, deren Eltern in Kiew in der «Uliza Engelsa» und der «Uliza Liebknechta», also der Friedrich-Engels- und der Karl-Liebknecht-Strasse, geboren wurden, in deren Nähe sich auch die Schule der Autorin befand, macht sich auf zu den aus der Erinnerung gelöschten Orten. Eine erste Reise führt Petrowskaja 1989 nach Warschau in die Ulica Ciepla, wo Ozjel und seine Tochter Rosa unterrichteten, bevor sie dann nach Kiew fliehen mussten, bis auch dort die Deutschen einrückten. Vor dem berüchtigten Tor in Auschwitz denkt die Erzählerin über Arbeit nach, die frei macht und zu der sie kein Verhältnis finden kann, und über Ketten, die man auf dem Weg zur Freiheit verliert, die nun aber silbern und wohlfeil in den Andenkengeschäften liegen, kaufbereit für KZ-TouristInnen.

Diese Form assoziativen Schürfens setzt scheinbar willkürliche Bohrlöcher, und doch sind die sechs Kapital sehr genau komponiert. Sie führen von den anfänglichen «unvorsichtigen Annahmen» Schicht für Schicht in die Tiefe des Familienstollens, zu den verschwiegenen Toten und den traumatisierten Überlebenden. Für diese gab es in Babij Jar, der «Weiberschlucht» am Rande Kiews, lange Jahre nicht einmal ein Hinweisschild. Ab September 1941 fanden dort Zigtausende den Tod, darunter auch Angehörige der Autorin. In der Stalin-Zeit dann «lernte man wieder, die Prozente zu schmecken», «Juden, Halbjuden, Vierteljuden», von denen viele auswanderten, weil man ihnen ihre Vergangenheit und die Orte ihrer Trauer gestohlen hatte.

Bizarre Blüten

Wie eine Reporterin bereist Petrowskaja die Orte ihrer Vorfahren und «schwitzt» dabei mit der auf die «Zunge geklebten deutschen Sprache». Die Suche wird zur Sucht, sie findet Überlebende in den USA und unter ihren Juden sogar einen «Adolf». Was sie lehrt, dass sie so wenig Macht über die Vergangenheit hat wie über die Geschichten, die bizarre Blüten treiben, weil so vieles unbeantwortet bleibt. Warum schoss Judas Stern auf diesen deutschen Diplomaten? Weshalb ist «vielleicht Esther» nicht in ihrer Kiewer Wohnung geblieben? War es nur der Stolz auf ihr Deutsch, dieser «sprachliche Irrtum», oder das Bestreben, sich an deutsche Regeln zu halten? Und wie war das mit dem Grossvater, der Mauthausen überlebte und dennoch erst vier Jahrzehnte später zu seiner Familie zurückfand?

Ein Ficus als literarische Figur

Petrowskaja übernimmt die in der Familie über Generationen hinweg pädagogisch kultivierten «Sprechübungen», deutet Gebärden, fahndet im Nichtgesagten. Die Geschichten werden Literatur, wo die Qual oder die Hoffnung beginnt oder wo sich ein Detail verselbstständigt, wie der Ficusbaum, der von der Ladefläche eines Lastwagens geräumt wird, um der aus Kiew flüchtenden Familie Platz zu machen. Gab es diesen Ficus überhaupt oder gehört er zu den Familienlegenden, «weil ein Witz wichtiger ist als eine richtige Antwort»? Möglicherweise wird er aber erst durch die Autorin zum literarischen Gegenstand. Dann würde sich herausstellen, «dass wir unser Leben einer Fiktion verdanken».

Insofern ist «Vielleicht Esther» auch eine Auseinandersetzung mit der Schuld des Überlebens und der Zeugenschaft, «denn Zeugen machen alles nur noch schlimmer». Vielleicht war ein solcher Zeuge der Grund dafür, dass Rosa so lange auf die Rückkehr ihres Mannes warten musste. Sprechen wird der Grossvater erst in der zu Literatur gewordenen Geschichte.

Die Autorin liest am Sonntag, 1. Juni 2014, um 12 Uhr in Solothurn.

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