Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Dieses Biest steht unter Strom

Nipplegate in der Galaxis und wilde Tiere in der Stadt: Das Filmfestival in Locarno sucht den Rausch im Kino. Aber der ist auch dort manchmal nur homöopathisch dosiert.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Samurai in der kleinen Grossstadt: Der junge Vater Gabriel (Pablo Caprez) mit seinem Sohn im Film «Soul of a Beast». Still: Hesse Film

Sie kommt mit Clint Eastwood. Gross prangt er auf ihrem T-Shirt, als ikonischer Westernheld aus «Für eine Handvoll Dollar». Die Filme, die sie produziert hat, haben allerdings einiges mehr als eine Handvoll eingespielt: Gale Ann Hurd (65), feministische Galionsfigur in Hollywood und millionenschwere Produzentin von Filmen wie «Terminator», «Aliens» und bald elf Staffeln von «The Walking Dead». Zum lockeren Publikumsgespräch in Locarno kommen trotzdem erstaunlich wenige. Am Vorabend wurde sie hier für ihr Lebenswerk geehrt, jetzt haben sich im Forum in der Rotonda gerade mal eine Handvoll Leute für sie eingefunden. Triste Kulisse, an der Pandemie kanns nicht liegen.

Gale Ann Hurd scheint das nicht zu kümmern. Sie erzählt, wie sie erstmals einen Film ihres späteren Förderers Roger Corman sah, bei einem Date im Autokino. Der Typ neben ihr war zum Schmusen gekommen, sie wimmelte ihn ab: «Lass mich, ich will den Film schauen.» Dann berichtet sie ausführlich von ihren Anfängen in der Filmindustrie, zuerst in Cormans Talentschmiede im Marketing, bald darauf als Produzentin von James Cameron. Und schnell wird einem klar, wie viel geschlechterpolitisch seither passiert ist in Hollywood – auch dank der Hartnäckigkeit von Leuten wie Gale Ann Hurd. Als etwa Sigourney Weaver für «Aliens» (1986) eine deutlich höhere Gage als im ersten Film der Reihe verlangte, sei von den Studiobossen prompt der Vorschlag gekommen, die Figur doch einfach aus der Story zu kippen – man könne im Sequel ja etwas anderes erzählen. Gale Ann Hurd und Regisseur Cameron, ihr damaliger Ehemann, liessen sich nicht beirren.

Aber Locarno ist nicht Hollywood, hier regiert nach dem verfrühten Abgang von Lili Hinstin wieder eine Männerriege unter dem ewigen Präsidenten Marco Solari. Dass dieser zur Eröffnung auch noch Churchills «We shall never surrender» zitierte, wirkte vor diesem Hintergrund erst recht bizarr. Wem genau will er sich niemals ergeben?

Nun, auch im internationalen Wettbewerb ist der Frauenanteil bei der Regie diesmal kümmerlich, aber abgesehen davon zeigt der neue Direktor, Giona A. Nazzaro, ein erfreulich diverses Programm. Das künstlerische Profil, wenn man es denn schon so nennen wollte, wirkt undogmatisch, manchmal fast gefällig, da ist für jeden Geschmack etwas dabei: eine unerhebliche französische Nettigkeit wie «Petite Solange», eine Landschaft im Nebel als Irrgarten für eine nebulöse Beziehungsetüde im Libanon («Al Naher») oder auch eine postkommunistische Satire aus Serbien, in der über dem Haupt eines treuherzigen Kerls plötzlich ein neonweisser Heiligenschein erscheint («Nebesa»).

Planet der Frauen

Und als man glaubte, man sei auf alles gefasst, tauchte auch noch ein Androide namens Louis Vuitton auf, der aus seiner Brustwarze eine metallene Eichel ejakuliert. «After Blue (Paradis sale)» heisst dieser psychedelische Edeltrash von Bertrand Mandico irgendwo zwischen «Barbarella» und «Mad Max» auf Psylos. Männer gibts keine auf diesem Papiermaché-Planeten, nur das Gestein ragt noch phallisch aus dem Sand, und die Frauen (gerne mehr oder weniger barbusig) schiessen mit Waffen, die nach Modelabels benannt sind. Feminismus für Fanboys, alles fürs Prädikat «Kultfilm».

Trotzdem: Die Mischung stimmt, echte Ärgernisse blieben bislang aus – ausser dass «Vortex», der unverhofft zarte neue Film von Gaspar Noé, auf der Piazza Grande komplett fehlprogrammiert war. Hatte überhaupt jemand vom Festival dieses intime Splitscreen-Kammerspiel gesehen, bevor man es als Mitternachtsvorstellung für die Piazza buchte?

Wegen der Pandemie ist diesmal alles etwas weniger gedrängt als sonst, auch die SRG hat ihre traditionelle Samstagsparty gestrichen (aber gut, die SRG verfolgt derzeit auch dümmere Sparideen). So musste man sich den Rausch halt im Kino holen. Vielleicht bei dem Schweizer Kostümfilm, der hier Weltpremiere feierte, weil er ja gleich nebenan angesiedelt ist und etwas weiter hinten im Maggiatal gedreht wurde? «Monte Verità», Stefan Jägers Annäherung an die gleichnamige Naturheilanstalt und Künstlerkolonie, spielt im Jahr 1906, im Zentrum steht eine fiktive Wienerin (Maresi Riegner), die sich aus ihrer bourgeoisen Ehe befreit und auf dem Monte Verità als Fotografin zu sich selbst findet. Sehr gediegen das alles, den widerspenstigen Geist des Ortes vermag dieser Film jedenfalls nicht zu vermitteln. Und der «Rausch der Freiheit», den der Untertitel verspricht? Der muss sehr homöopathisch dosiert gewesen sein.

Wie das geht mit dem Rausch und der Freiheit im Kino, das konnte man wieder im Wettbewerb erleben, bei einem blutjungen Vater und seiner Liebe im Overdrive. «Soul of a Beast» heisst der zweite Spielfilm von Lorenz Merz, Kurzkritik: Wow! Das ist ein Film, der einen überrennt, überfährt, überfordert mit seiner Hyperintensität. Die Farben, das Tempo und zusehends auch die emotionale Wucht: Hier wird Kino zur physischen Grenzerfahrung, sinnlich bis zur Besinnungslosigkeit. Mehr als einmal denkt man dabei an «Fallen Angels», und wie einst bei Wong Kar-wai spürt man auch bei Lorenz Merz in jedem Moment: Ihn interessiert nicht das sauber durchkomponierte Drama, ihm geht es um die unmittelbaren Affekte.

Alles. Jetzt. Sofort. Diesen unbedingten Lebenshunger teilt der Film mit seinen Figuren, die dann nachts auf Meskalin in den Zoo einbrechen, und anderntags melden die Medien: «Wild animals in the city». Moment, wieso titelt die blaue Schweizer Gratiszeitung auf Englisch? Und wieso spricht die Polizei immer Französisch? Lorenz Merz antwortet darauf: Wieso auch nicht? Die Schweiz ist hier ein fiebriges Babylon, und Zürich darf endlich mal die filmreif schillernde Metropole sein, die es ja so gerne wäre. Die japanische Offstimme, die das Ganze noch mit Manga-Mythologie anreichert, hätte es vielleicht nicht auch noch gebraucht, aber der Exzess ist ja nicht zu haben ohne Überschuss.

Risse in der Welt

«Soul of a Beast» wirkt jedenfalls, als habe hier einer auf einen Schlag sämtliche Vorurteile über das Schweizer Kino wegsprengen wollen. Nichts an diesem Film ist zaghaft oder halbbatzig, manches ist überfrachtet und übersteuert, und alles steht unter Strom, zuletzt sogar eine verwundete Giraffe. Letztlich ist das ein kompromisslos romantischer Katastrophenfilm über eine Liebe, die buchstäblich die Welt aus den Angeln hebt. Am Ende herrscht der Notstand, wobei schwer auszumachen ist, wo genau die Strassenschlachten aufhören und wo die Party anfängt.

Die Welt hat Risse bekommen. Nur in Locarno, da hält der alte Kitt halt noch etwas länger als anderswo.

«Monte Verità» kommt am 26. August 2021 ins Kino, «Soul of a Beast» voraussichtlich erst im März 2022.

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