Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

Zeit der Unschuld

Von Florian KellerMail an Autor:in

«Die Zeit vergeht», sagt die Grossmutter, und wer wollte ihr da widersprechen? Aber beim US-Regisseur Richard Linklater ist das mehr als eine Binsenweisheit: nämlich erzählerisches Programm. Seine Liebeskomödie «Before Sunrise» (1995) mit Julie Delpy und Ethan Hawke ist ja inzwischen zum improvisierten Langzeitprojekt angewachsen mit zwei weiteren Filmen im Abstand von je neun Jahren. Noch ambitionierter ist jetzt Linklaters Vorhaben mit «Boyhood», auch wenn der zeitliche Rahmen hier enger gesteckt ist.

Nicht weniger als eine verdichtete Chronik der Adoleszenz will das sein, gedreht über zwölf Jahre mit einem Hauptdarsteller (Ellar Coltrane), der in den ersten Szenen ein Junge von sechs Jahren ist – und am Schluss ein junger Mann, bärtig und bekifft und mit Ambitionen als Fotograf. Auch mit dabei: Patricia Arquette als alleinerziehende Mutter, die über die Jahre alles zusammenhält und immer an die falschen Männer gerät. Und Ethan Hawke als unbrauchbarer Vater, der gelegentlich auftaucht, um Qualitätszeit mit seinen Kindern zu verbringen – anfangs noch als lässiger Rocker mit Pontiac, am Ende ein Spiesser mit Schnauz und Familienauto.

Ein Bub, Mason heisst er, reift heran: So organisch hat man in einem Spielfilm tatsächlich noch nie gesehen, wie ein Mensch erwachsen wird. Zumal Linklater nicht auf das Pathos grosser biografischer Einschnitte aus ist, sondern die kleinen Wahrheiten im scheinbar Nebensächlichen sucht und die Improvisation als Lebensform feiert. Aber das epische Unterfangen ist dann doch eindrücklicher als der Film, der daraus entstanden ist. Im Grossen eine beispiellose Langzeitstudie, wächst «Boyhood» in den einzelnen Szenen oft nicht über eine profane Soapopera hinaus. Und wenn doch, gelingen Linklater schöne Vignetten von Wehmut und Vergänglichkeit: Einmal streicht Mason die alte Wohnung neu, als er mit Mutter und Schwester auszieht – und hält kurz inne, bevor er auch die Striche am Türrahmen übermalt, die erzählen, wie viel er gewachsen ist.

Ab 5. Juni 2014 in den Kinos.

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