Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Was haben die Probleme Ihres Museums mit der WM zu tun?

Die Anthropologin Lívia Lima über den fahrlässigen Umgang Brasiliens mit seiner Geschichte und darüber, was die Arbeiterpartei vom Museumsstreik hält.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro (Interview und Foto)

Lívia Lima im Museum für Volkskultur in Rio de Janeiro: «Die ständige Ausstellung ist seit drei Jahren geschlossen, weil das Geld, das wir bekommen, für Reparaturen gebraucht wird.»

WOZ: Frau Lima, Sie arbeiten im renommierten Museu de Folclore Edison Carneiro. Ausgerechnet zur Fussball-WM, zu der Hunderttausende in Rio sind, streiken Sie. Warum?
Lívia Lima: Die Mitglieder meiner Gewerkschaft denken über diesen Streik schon seit zwei Jahren nach. Nun war einfach die Zeit gekommen, weil alles auf Brasilien blickt und wir uns mehr Aufmerksamkeit für unsere Probleme erhoffen. Andere Gewerkschaften haben die gleiche Strategie gewählt: Metroarbeiter, Wachmänner, Busfahrer. Wir sind seit fünf Wochen im Ausstand, wollen Lärm machen und unseren Arbeitgeber, also die Regierung, in die peinliche Situation bringen, dass alle bundesstaatlichen Museen Brasiliens geschlossen sind.

Welche Probleme haben Sie?
Der gesamte Kulturbereich ist katastrophal unterfinanziert. Für Kultur sind im Bundeshaushalt 0,13 Prozent vorgesehen. Das ist ein richtiges Attentat. Mein Museum beherbergt wahre Schätze der populären Kultur, etwa 120 Jahre alte Ton- und Filmaufnahmen von Volksfesten und religiösen Ritualen. Sie sind einzigartig. Aber im Depot ist das Dach undicht. Bei Regen stellen wir Eimer unter die tropfenden Stellen. Die Kunstwerke, etwa Tonskulpturen, müssen wir regelmässig umplatzieren. Und es herrscht auch noch erhöhte Brandgefahr. Die ständige Ausstellung ist seit drei Jahren geschlossen, weil das Geld, das wir bekommen, für Reparaturen gebraucht wird. Gleich gegenüber, im Museum der Republik, wurde sogar ein Bereich für das Publikum gesperrt, weil die Tragstruktur von Termiten zerfressen ist. Sie müssen wissen: In dem Gebäude war zwischen 1897 und 1960 die brasilianische Regierung untergebracht. So gehen wir mit unserer Geschichte um, unserer Identität. Diese Zustände herrschen in vielen anderen Museen, sie sind einfach nicht mehr hinnehmbar.

Was genau ist Ihr Job?
Ich bin Anthropologin und trage populäre Kunst und Ausdrucksformen zusammen, etwa die erwähnten Film- und Musikaufnahmen. Wir sind die einzige öffentliche Institution, die solche Dinge sammelt, wir beherbergen 16 000  Werke. Ausserdem haben wir die grösste Bibliothek Lateinamerikas zur Volkskultur. Gerade habe ich eine Ausstellung über religiöse Ausdrucksformen in Brasilien organisiert.

Streiken Sie denn auch für bessere Gehälter?
Ja, weil wir nicht bekommen, was wir verdienen müssten. Ich erhalte 4600 Real (1850 Franken) im Monat, aber ich bin hoch spezialisiert und habe mit hundert Bewerbern um diesen Job konkurriert. Als ich anfing, lag mein Einstiegslohn noch unter dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn von 720 Real (290 Franken). Der Staat missachtete seine eigenen Gesetze. Als der Musiker Gilberto Gil Kulturminister war, wurde eine Angleichung unserer Gehälter an die Inflation vereinbart. Dafür mussten wir hundert Tage streiken. Aber die Regierung hält sich einfach nicht mehr an den Vertrag von damals – ein weiterer Streikgrund. Ich habe grosse Verantwortung, bin etwa für die Auswahl des immateriellen Kulturerbes unseres Landes mit zuständig. Brasilien war Pionier auf diesem Gebiet, die erste Nation, die immaterielle Ausdrucksformen, etwa Musik, Tänze oder Karnevalsfeste, zum kulturellen Erbe erklärte. Das alles scheint vergessen zu sein.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Situation Ihres Museums und der WM?
Natürlich. Die Steuergelder, diese unglaublichen 10 Milliarden Real (4 Milliarden Franken), die in die neuen Stadien gesteckt wurden, oder die 1,82 Milliarden Real (730 Millionen Franken) für den Sicherheitsapparat fehlen an anderer Stelle. Die WM, die autoritär durchgesetzt wurde, hat uns vor allem eins gebracht: Schulden. Meine Gewerkschaft, die Gewerkschaft für Bildung, ist auch Teil von Rios Volkskomitee zu WM und Olympia – eine Plattform verschiedenster Organisationen, Bewegungen und Wissenschaftler, die die Planungen der beiden Grossanlässe kritisch begleitet. Wir haben gerade in einem langen Dossier die Korruption während der WM-Vorbereitung dokumentiert. Wegen dieser Sünden sind wir es nun, die leiden müssen. Das sehen wir nicht ein.

Glauben Sie, dass es Ihrer Institution nach der Copa besser gehen wird?
Nicht wirklich, denn obwohl Geld vorhanden ist – Brasilien ist ja kein armes Land, sondern unglaublich reich –, setzt die Politik andere Prioritäten. Stellen Sie sich vor: Unsere Kulturministerin, Marta Suplicy von der Arbeiterpartei PT, hat über den Streik gesagt, dass es unwichtig sei, wenn die staatlichen Museen während der WM schlössen. Es gebe ja noch 30 000  private Museen. Wir fanden das unglaublich. Wir kämpfen auch gegen die fortschreitende Privatisierung des Kulturbereichs, in dem vieles nur noch mit Sponsoring möglich ist. Nun ist das Ministerium vor Gericht gezogen und droht uns mit Gehaltskürzungen.

Wie viele Besucher haben Sie pro Jahr?
Rund 100 000. Aber es könnten viel mehr sein, wenn die Politik einen Besuch unseres Hauses zum Teil des Lehrplans machen würde, wie es sich gehört. Doch nicht mal das ist möglich. Die Schüler Brasiliens lernen nichts über die reiche Volkskultur ihres Lands. Übrigens streiken in Rio ja nicht zufällig auch gerade wieder die Lehrer.

Lívia Lima (32) ist Anthropologin. Sie arbeitet 
in einem Museum für Volkskultur in Rio 
de Janeiro. Zur WM ist sie zusammen mit 
den KollegInnen der anderen bundesstaatlichen Museen in den Streik getreten.

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