Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Die Erschiessung des Oscar Grant

Der junge US-Regisseur Ryan Coogler hat einen Spielfilm über den unbewaffneten Schwarzen gedreht, der vor rund fünf Jahren in Oakland von einem Bahnpolizisten getötet wurde. Als politische Tragödie will er den Fall trotzdem nicht sehen.

Von Florian Keller

Wäre sein Tod nicht auch tragisch, wenn er ein Schuft wäre? Michael B. Jordan als Polizeiopfer Oscar Grant in «Fruitvale Station».

1. Januar 2009 in Oakland, Kalifornien. Das neue Jahr ist gerade einmal zwei Stunden alt, als es in einer voll besetzten S-Bahn zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kommt. Beim Versuch, die beteiligten Schläger in der Menge ausfindig zu machen, hält eine Bahnpolizistin mit einem Kollegen mehrere Männer auf dem Perron fest, bevor weitere Polizisten dazustossen. Was dann folgt, spielt sich vor den Augen der Fahrgäste im stehenden Zug ab, und viele von ihnen haben ihr Handy gezückt. So filmen sie, wie einer der jungen Männer draussen sich erhebt und von den Uniformierten zu Boden gedrückt wird. Als er sich an den Hosenbund greift, zückt ein Polizist seine Pistole und schiesst ihm in den Rücken. Einige Stunden später stirbt der 22-jährige Oscar Grant – so heisst der Mann – im Spital.

Vor Gericht wird der Verteidiger des Schützen später erklären, sein Mandant habe sein Opfer mit dem Taser ruhigstellen wollen und dabei irrtümlich zur Pistole gegriffen. Der Prozess wird von Protesten begleitet, die nach dem Urteil nochmals neu aufflammen: Der Polizist wird der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach elf Monaten kommt er frei.

Was wir vergessen haben zu erwähnen, gut erkennbar auf den Handyfilmen der Fahrgäste: Die Männer, die auf dem Perron festgehalten werden, sind schwarz. Die Bahnpolizei ist weiss.

Der Schuss als fataler Fluchtpunkt

«Es hätte auch mich treffen können», sagt der afroamerikanische Regisseur Ryan Coogler. Der 28-Jährige ist selbst in der Bay Area aufgewachsen, «wahrscheinlich eine der liberalsten Gegenden der Welt», wie er sagt. Die soziale Durchmischung gehört zum Selbstverständnis der Region, sie wird hier gelebt wie sonst nirgends in den Vereinigten Staaten. Dass ein weisser Polizist einen unbewaffneten Schwarzen erschiesst – das hätte man gerade hier, gerade in Oakland für undenkbar gehalten.

Die Erkenntnis, dass es auch ihn hätte treffen können, hat Coogler dazu bewogen, Oscar Grant im Kino zu verewigen. Es ist kein anklägerischer Film daraus geworden, aber einer, der dennoch fassungslos macht – und Coogler schafft das, ohne dass er dafür den politischen Furor des New Black Cinema von einst mobilisieren müsste. «Fruitvale Station» ist ein Drama über die letzten Stunden dieses jungen Mannes, mit dem Schuss als fatalem Fluchtpunkt. Gespielt wird Oscar von Michael B. Jordan, und wenn man den Schauspieler nicht gleich wiedererkennt, liegt das daran, dass er fast noch ein Kind war, als er seinen ersten grossen Auftritt hatte: Bekannt wurde er als jugendlicher Dealer Wallace in der ersten Staffel der TV-Serie «The Wire».

Jetzt ist er Oscar Grant, Vater einer kleinen Tochter, vorbestraft wegen kleinerer Delikte und wieder einmal arbeitslos. Ihn begleiten wir durch diesen Tag, von dem wir wissen, dass es sein letzter sein wird. Wir sehen ihn im Bett, wie er seine Freundin (Melonie Diaz) nach einem Seitensprung von seiner Treue überzeugen will. Wir sehen ihn im Supermarkt, wo er vom Filialleiter, der ihn gerade entlassen hat, eine zweite Chance verlangt. Wir sehen ihn mit seiner Mutter (Octavia Spencer), die ihn bittet, er möge doch mit dem Zug zum Feuerwerk in die Stadt fahren, weil das sicherer sei. Und wir sehen ihn mit seiner Tochter, die er vom Kindergarten abholt und der er am Abend dann ein letztes Mal die Zähne putzt. «Ich höre Schüsse», sagt sie ängstlich zu Oscar. «Das ist nur Feuerwerk», beruhigt er sie. So schnörkellos der Film inszeniert ist, so aufgesetzt wirken manchmal diese Vorboten des Todes, diese Momente von tragischer Ironie.

Für sein Drehbuch konnte sich Coogler auf die Gerichtsakten stützen; den Zugang dazu verschaffte ihm ein befreundeter Anwalt: «Was Oscar an jenem Tag alles getan hat, ist ziemlich gut dokumentiert, sofern er nicht gerade allein war. Wir mussten also nur dort Lücken füllen, wo niemand bei ihm war.» Wie Coogler diese Lücken gefüllt hat? Vor allem mit guten Vorsätzen und dem Pathos von Reue und Mitgefühl.

Das Gras kommt ins Meer

Also sehen wir Oscar auch einmal, wie er einen sterbenden Pitbull in die Arme nimmt, nachdem dieser vor seinen Augen von einem Auto angefahren wurde. Schwarzer Mann begleitet weissen Kampfhund in den Tod: noch so eine Szene, die schwer mit tragischer Ironie getränkt ist. Später fährt Oscar allein ans Meer, wo er einem Freund etwas Gras verkaufen will. Hier erinnert er sich an einen aufwühlenden Besuch seiner Mutter im Gefängnis, als er wegen kleinerer Delikte einsass. Darauf besinnt er sich anders – und schüttet den Stoff ins Meer.

Wo der Film also zur Spekulation gezwungen ist, modelliert er Oscar zum herzensguten Kerl, der nach diversen Abwegen endlich entschlossen ist, gegen alle Widerstände sein Leben in Ordnung zu bringen. Das darf man natürlich als künstlerische Freiheit verbuchen; dabei dienen solche Einschübe nur dazu, die Tragik von Oscars gewaltsamem Ende zu steigern – als ob dessen Tod nicht auch dann tragisch genug wäre, wenn der Mann ein Schuft gewesen wäre, der ohne gute Vorsätze ins neue Jahr gehen wollte. Es sind die handelsüblichen Tricks der Sympathiesteuerung, die die Geschichte eigentlich nicht nötig hätte.

Bloss keine politischen Botschaften

Dazu passt, wie der Regisseur reagiert, wenn man ihn nach den politischen Implikationen des Falls fragt: ausweichend und unverbindlich. Er glaube nicht, sagt Coogler, dass sich die Erschiessung des Oscar Grant dazu eigne, daraus irgendwelche politischen Diagnosen zum Zustand seines Lands abzuleiten. Es komme schliesslich überall vor, dass unschuldige Menschen erschossen werden: «Manchmal sogar von denselben Leuten, die eigentlich dafür bezahlt werden, für deren Sicherheit zu sorgen.» Was an der Haltestelle Fruitvale in Oakland passierte, sei eine menschliche, keine politische Tragödie: Politisch aufgeladen, so Coogler, würden solche Ereignisse erst nachträglich. Hält er das für falsch? «Wenn Fälle wie dieser politisch ausgeschlachtet werden, bleibt der Mensch auf der Strecke.»

Schon merkwürdig: Ein weisser Polizist erschiesst einen unbewaffneten Afroamerikaner, ein schwarzer Regisseur ist davon so betroffen, dass er einen Spielfilm darüber dreht – und jetzt will er uns weismachen, dass diese Geschichte nichts über den alltäglichen Rassismus in seinem Land erzähle, dass die Hautfarbe bei der ganzen Tragödie gar keine so grosse Rolle spiele? «Wenn wir die Leute immer nur nach ihrer Nationalität oder ihrer Hautfarbe einteilen», sagt Coogler, «geht das verloren, was uns menschlich macht.» Das mag richtig sein – aber es klingt auch mehr nach der Umarmungsrhetorik einer Oprah Winfrey als nach dem politischen Bewusstsein eines Spike Lee. Hauptdarsteller Michael B. Jordan sagt es geradeaus: «Wir wollen nicht diejenigen sein, die den Leuten mit unserem Film irgendeine politische Botschaft eintrichtern.»

So kommt man sich vor wie bei zwei Musterschülern im Marketingseminar, die gerade gelernt haben, wie sie ihren Film möglichst breitenwirksam verkaufen. Also: Bloss keine verbindlichen politischen Statements abgeben und vor allem nicht allzu offensiv auf «black culture» machen. Stattdessen die universelle Dimension der Geschichte betonen und darauf hinweisen, dass dieser Film überall und ungeachtet der Hautfarbe spielen könnte. Die Allerweltsmenschlichkeit einer beliebigen Tragödie verspricht ein breiteres Publikum als der genaue Blick auf eine konkrete sozialpolitische Realität.

Von der Realität eingeholt

Man kann schon versuchen, die politische Dimension einer Figur wie Oscar Grant auszublenden, wie das Coogler in seinem Film tut. Doch wird die Figur nicht plastischer, wenn man sie entpolitisiert. Der Mann, der sein Leben ändern wollte am Tag, als er erschossen wurde: Das macht diesen Oscar Grant nicht menschlicher, es rückt ihn bloss näher ans Klischee.

Aber man muss ja nicht auf den Regisseur hören. Cooglers Film ist zum Glück intelligenter als sein Verkaufsargument von einer angeblich «universellen Geschichte». Wie sehr nämlich die Hautfarbe selbst in der multikulturellen Bay Area die Identität der Menschen prägt, das zeigt «Fruitvale Station» schön beiläufig zu Beginn mit einer Anekdote über fettarme Butter: Seine Tochter, erzählt Oscar da, habe «light butter» einmal als «helle Butter» missverstanden – und ihn dann gefragt, warum sie denn keine «dunkle Butter» daheim hätten. So ganz nebenbei zeigt der Film hier, wie sich soziale Unterschiede einem kindlichen Bewusstsein einprägen.

Und selbst wenn sich Regisseur Coogler bemühte, die Figur des Oscar Grant von jeder politischen Vereinnahmung zu lösen: Die Realität hat seinen Film pünktlich wieder eingeholt. Zum Start von «Fruitvale Station» in den US-Kinos kam es in Florida, am entgegengesetzten Ende der USA, zum Mordprozess gegen George Zimmerman, der als Mitglied einer Bürgerwehr den siebzehnjährigen Trayvon Martin erschossen hatte. Zimmerman wurde freigesprochen.

«Fruitvale Station» läuft ab 19. Juni 2014 
in den Kinos.

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