Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Südafrika: Von den Akten zum Schulbuch

Von Kaspar Surber

Ist das Geschäft nicht mehr in Gefahr, darf man in der Schweiz die Geschichte aufarbeiten: Diese Erkenntnis bleibt, nachdem der Bundesrat endlich entschieden hat, die Archivsperre von Geschäftsakten zu Südafrika aufzuheben. Sie betreffen beispielsweise die Grossbank CS oder die Rüstungsfirma Oerlikon-Bührle. Gemäss offizieller Begründung fiel der Entscheid, weil in den USA die letzte Sammelklage gegen Unternehmen abgelehnt worden ist, die mit dem Apartheidregime kollaborierten.

Dabei konnte die 2003 erlassene Sperre das Forschungsprojekt «Schweiz – Südafrika» des Nationalfonds nur teilweise blockieren. Das Manöver hatte vielmehr eine politische Wirkung. Es verhinderte, dass die Regierung für die rassistischen Deals eine Mitverantwortung übernehmen musste. Weder hat der Bundesrat zu den Forschungsergebnissen Stellung genommen, noch hat er sich bisher bei den Apartheidopfern entschuldigt. Die Aufklärung dieses düsteren Kapitels der Schweizer Geschichte blieb auf halber Strecke stehen.

Mit der Aufhebung der Archivsperre ist es deshalb nicht getan. Die offenen Fragen, zu denen in Südafrika auch neue Akten aufgetaucht sind, gehören vollständig aufgearbeitet: von der nuklearwissenschaftlichen Zusammenarbeit über die Umgehungsgeschäfte mit Erdöl bis zu Kreditvergaben. Der Bund muss diese Forschung finanziell ermöglichen, endlich Stellung nehmen zur Rolle der Schweiz während der Apartheid und sich bei den Opfern angemessen entschuldigen. Wichtig ist nicht zuletzt, dass die Aufarbeitung die breite Bevölkerung erreicht: etwa durch ein Schulbuch, eine Ausstellung oder eine Website.

In der Geschichtswissenschaft haben in den letzten Jahren postkoloniale Fragestellungen an Bedeutung gewonnen. Sie fragen, wie koloniale Denkweisen fortwirken, gerade auch in Ländern wie der Schweiz, die selbst keine Kolonien erobert hatten, aber mit diesen Geschäfte machten. Die migrationspolitischen Entscheide, die in letzter Zeit die Menschenrechte wiederholt verletzt haben, zeigen: Das alte Herrenmenschendenken ist nicht verschwunden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch