Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

WM-Schaufensterpolizei

Ruedi Widmer beweist: Der WM-Organisator wird nach wie vor respektiert.

Von Ruedi Widmer

Ich rief mit verstellter Stimme (Einschlag bayerisch) einige Geschäfte an (in Luzern, Winterthur et cetera), die auf Fussball- und WM-Utensilien im Schaufenster verzichten (Geschäftenamen anonym).

Bügelgeschäft:
Widmer, Agentur Sändschler. Wir arbeiten zurzeit für die Interkontinentale Fussballvereinigung. Wir haben bei der Prüfung Ihres Schaufensters festgestellt, dass bei Ihnen das Thema WM nicht präsent ist. – Nun gut, wir haben ja auch nichts mit Fussball zu tun. – Wir zwingen niemanden, aber wir animieren, auf den Brasilientrend aufzuspringen. Das kann zum Beispiel ein Zuckerhut sein oder auch eine Sambatrommel. – Wir sind ein Bügelgeschäft. Wir bügeln. – Fussball ist sehr textil! Nehmen Sie zum Beispiel die Trikots … – Ja, aber … äh … wir haben erst grad gestern das Schaufenster neu gestaltet. – Und nicht an Fussball gedacht, an die WM? – Nein, äh … – Wissen Sie, die Leute sagen mir jeweils: «Das ist mein Schaufenster, da lass ich mir nicht dreinreden.» Aber denken Sie an den Passanten. Den interessiert nicht, wem das Schaufenster gehört, sondern der interessiert sich für Fussball. Fussball ist eine Sprache, die immer ankommt und die alle verstehen. – Ja, aber ich meine, wir müssen auch die respektieren, die nicht an Fussball interessiert sind und die dann überall vom Fussball erschlagen werden. – Aber es ist wichtig für unseren Umsatz mit der WM, dass alle mitmachen. – Also, ich meine, ich persönlich bin an der WM interessiert, echt, ich hab bis jetzt noch kein Spiel verpasst! – Das höre ich doch gern. Ich sehe, Sie haben ein Storentor neben dem Schaufenster. Da könnten Sie doch ein Fussballtor draufmalen, oder? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! – Aber der Aufwand für uns ist zu gross. Wir sind nur zu zweit und müssen bügeln. – Dann kann man nicht viel rausholen bei Ihnen. – Ich wünsch Ihnen noch einen schönen Tag. Auch recht herzlichen Dank für Ihren Anruf.

Bibelbuchhandlung:
Sie haben tatsächlich Fussbälle im Schaufenster? Wir prüfen halt via Google Street View, und da sehe ich keine. Eine Idee: Die Christusstatue aus Rio aus Pappmaché vor dem Laden, da haben Sie die Themen Bibel und WM drin. – Ja, haben Sie denn so eine vorrätig? – Wir könnten mit Ihnen zusammen eine basteln. – Kostet das was?

Esoterikladen:
Unsere Kundschaft ist nicht auf Fussball ausgerichtet. – Und das könnte man nicht ändern, mit Bällen im Schaufenster? – Ich möchte das gar nicht ändern! Ich habe mir erst kürzlich überlegt, ob ich Werbung machen soll für die Leute, die von was anderem als Fussball unterhalten werden möchten. – Gut, das bringt uns umsatzmässig für die WM nicht viel. – Aber das würde MIR vielleicht mehr Umsatz bringen, statt wenn alle da in der Beiz sitzen und Fussball schauen! Es müssen ja nicht alle fussballverrückt sein! – Wir arbeiten dran, aber es sind noch nicht alle so weit. – Puh, also … – Drei Bälle und fünf Trikots sind Standard. Wir können aber rechtlich nicht gegen Sie vorgehen, da sind uns die Hände gebunden.– Rechtlich?! Oha, das geht ein wenig zu weit, oioioi …

Bastelladen:
Wir haben nur einen Tisch im ersten Stock zum Thema WM. – Könnte man diesen Tisch vor das Geschäft stellen, damit man ihn sieht? Für unseren Umsatz mit der WM ist das immens wichtig. – Schwierig, aber ich werde das morgen umgehend der Geschäftsleitung mitteilen und auch der Dame, die das Schaufenster gestaltet.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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