Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Rückspiegelüberzüge

Ruedi Widmer über Autoschmuck und Hitlergruss

Von Ruedi Widmer

Mein Illustratorenkollege Sämi Jordi sagte kürzlich beim gemeinsamen Passieren von schläfrigen, grauen Schaufenstern des Winterthurer Kleingewerbes: «Wenn auch diese hinterletzten Duftölläden, Bastelshops und Coiffeursalons mit Fussbällen, Schweizer, Deutschland-, Italien- und Brasilienfahnen garniert werden, dann wird es heiss, dann gehts ab, dann beginnt die WM.» 

In einem Laden sah ich bereits Rückspiegelüberzüge mit der Aufschrift «Lukas Podolski». Podolski ist ja ein guter Fussballer, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie niemand mit Rückspiegelüberzügen «Stefan Zweifel» oder «Irina Beller» herumfährt, obwohl auch sie viele Anhänger haben. In diesen Zeiten wäre es allerdings für Credit-Suisse-VR-Präsident Urs Rohner sicher erbaulich, wenn er an einem Auto mit «Urs Rohner»-Rückspiegelüberzügen vorbeigehen dürfte.

Facebook spülte kürzlich ein Bild in mein Bewusstsein: eine Frau mit einer Burka, die mit der Grafik der LP «Unknown Pleasures» der Postpunkband Joy Division bedruckt ist. Ein lustiger Wort-Burka-Witz. Aber eine eingesperrte Frau kann sich vielleicht mit Ian Curtis’ Texten über Isolation aus der mittelenglischen Industriezone der siebziger Jahre identifizieren. Ich finde Joy Division auch gut, würde aber deshalb nicht mit Burkatragen anfangen. Mit dem sollte man eher in der Herbstsaison beginnen.

Ich bin zum Beispiel Fan des Völkerrechts. Es schützt mich vor den Launen meiner teilweise komischen MitbürgerInnen. Es wäre schön, einen SBB-Fanzug der Völkerrechtsfans zu bilden. Man könnte ein Choralwerk auf das Völkerrecht aus den Fenstern grölen. Für autofahrende Völkerrechtsfans gibt es den Rückspiegelüberzug «Völkerrecht»! 

Überzüge gibt es derzeit auch in Frankreich, wo die Staatsbahnen über 300 neue Regionalzüge erhalten, die dummerweise zu breit sind für Hunderte der Provinzbahnhöfe. Jetzt müssen da die Perrons angepasst werden. 

In der Schweiz müssen wegen gut 300 zu breiter BürgerInnen Gesetze angepasst werden mit einer Flut von teuren völkerrechtswidrigen Initiativen. Dabei könnten diese Leute auch einfach ihren Ranzen verkleinern lassen. Oder ihn mit einem Ranzenüberzug kaschieren.

SchweizerInnen dürfen nun wegen grosser Nachfrage gemäss Bundesgericht Hitler grüssen. Das Zwischenmenschliche ist für das Bundesgericht wichtig. Kaum noch erträglich, wie alle grusslos an dem Mann vorbeigingen. Mobbing nennt man das. Für Leute der Partei National Orientierter Schweizer sind das gute Nachrichten: Schliesslich erinnern sie sich noch vage an Erzählungen ihrer Grossväter, wie Hitler 1940 auf dem Rütli den Rütlirapport verlas, als die Deutschen (war damals noch Kohl oder schon Schröder? Steinbrück? Mutti?) unser Vaterland bedrohten. Hitlerrückspiegelüberzüge finden sich übrigens im Fachgeschäft, daneben auch Hitlergeschirr, Hitlerschneekugeln, Hitlerbrezen Hitlerbesteck, Hitlerdildos, Hitlerhandys, Hitlerreizwäsche oder auch die Bücher «Globi bei Hitler», «Kochen mit Hitler» und «Eheprobleme: Hitler hilft».

Wahnsinn endet immer im Hitlerartigen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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