Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Nützliche und lästige Parasiten

Von Roland Fischer

Mit genug Rechenleistung und eigentlich nie genug Daten kann man so ziemlich jedes Geschäftsmodell über den Haufen werfen, so der momentan im Silicon Valley vorherrschende Glaube. «Disruptive» muss eine neue Idee heute sein, mächtig und umwälzend genug, um alles Vorhergehende kaputt zu schlagen. Das aktuelle Beispiel ist Amazon, das die Verlage mit Verhandlungshärte und miesen Tricks am liebsten ganz aus dem Buchgeschäft drängen würde.

Dieses Entweder-ihr-oder-wir-Denken hat längst auch die Wissenschaft erreicht. Am Montag haben rund 150 WissenschaftlerInnen einen scharf formulierten offenen Brief an die EU geschickt, in dem sie gegen die aktuellen Entwicklungen rund um das Human Brain Project protestieren. Das Projekt ist an der ETH Lausanne angesiedelt und soll über die nächsten Jahre tranchenweise gegen eine Milliarde Euro bekommen, um irgendwie das Funktionieren des menschlichen Gehirns im Computer zu simulieren – und uns so neue Erkenntnisse über Krankheiten von Alzheimer bis Depression zu liefern, so das Versprechen. Inzwischen haben schon rund 450 ForscherInnen die Petition unterzeichnet, die verlangt, dass die Mittelvergabe noch einmal überdacht wird und vor allem, dass der Review-Prozess auf faire und transparente Weise vonstatten geht. Ansonsten drohen die ForscherInnen mit dem Boykott des Projekts.

Offenbar soll in der nächsten Finanzierungsrunde ein ganzes Teilgebiet nicht mehr zum Zuge kommen, womit Kognitionsforschung fast gar keine Rolle mehr spielen würde – bestätigen oder dementieren wollte das niemand, weder in Lausanne noch in Paris, bei der Leitung des Teilprojekts. Hört man sich unter ForscherInnen um, ist von einem weitverbreiteten «Unbehagen» die Rede, von grossen, nicht eingelösten Versprechen, Ängsten vor einem Monopol und vor allem von einem Grundansatz, der von Anfang an nicht überzeugt hat – zumindest nicht die ForscherkollegInnen.

Die EU dagegen liess sich von der Idee begeistern, alle möglichen Rohdaten aus fremden Studien in ein Grossprojekt zusammenfliessen zu lassen, um aus den Einzeluntersuchungen im Big-Data-Topf ganz neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Klingt harmlos, ist aber auch disruptiv gemeint: Alte Modelle sollen weggespült werden, um mit Supercomputerkraft ein neues Reich der Erkenntnis zu schaffen. Vom Wissenschaftsmagazin «Science» auf die aktuelle Kontroverse angesprochen, meinte Henry Markram, der Leiter des Projekts, dass viele seiner KollegInnen eben Mühe hätten, den «methodologischen Paradigmenwechsel» zu akzeptieren. Dass ein Projekt gewinnen konnte, dessen Kern nicht aus konkreten Forschungsfragen, sondern eigentlich nur aus einer Methode bestand, erstaunt nicht mehr so sehr, wenn man weiss, dass das Flagshipförderprogramm von Anfang an auch als Ankurbelung der Informatikwirtschaft gedacht war.

Dabei ist Big Data längst Big Business. Der Internetexperte Bruce Schneier hat unlängst in einer Rede gefordert, wir sollten den Begriff nicht mehr länger technisch verwenden, sondern wirtschaftlich, ähnlich, wie früher von Big Tobacco oder Big Oil gesprochen wurde. Die grossen Internetfirmen sind ausnahmslos Big-Data-Player, und sie haben in den letzten Jahren auch sehr effektiv mit Lobbyarbeit begonnen, um ihrem Businessmodell, das zentral auf der Datensammelwut beruht, weiterhin ungestört nachgehen zu können.

«Go disr*pt yourself» hat der einflussreiche «Techcrunch»-Blog letzte Woche in die allgemeine Haudraufhysterie gerufen – der Stern steht für die etwas weniger höfliche Variante des Ausrufs. Es ging um digitale Start-ups, die sich mit ihrer Geschäftsidee keinen Deut um das Allgemeinwohl scheren. Dasselbe möchte man Henry Markram und seinen Mitstreitern zurufen. Das Human Brain Project ist ein Paradebeispiel für die parasitäre Natur von Big Data, das meistens auch von fremden Daten profitiert. Dass ein solcher Ansatz auch beinhaltet, die DatenlieferantInnen bei Laune zu halten, das hat man im Silicon Valley verstanden – anders als in Lausanne.

Siehe auch«Wenn die Dinge klug und hilfsbereit werden» und «Wenn die Kaffeemaschine zur Einbruchsgehilfin wird».

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