Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Die Ticketverschwörung

Vom Waten im Fifa-Sumpf

Von Etrit Hasler

Es war eigentlich eine aufsehenerregende Nachricht, aber im Trubel der Fussball-WM hat sie natürlich kaum jemand zur Kenntnis genommen: Noch während des Turniers verhafteten brasilianische Untersuchungsbehörden elf mutmassliche Mitglieder eines illegalen Tickethändlerrings – ein Zwölfter ging ihnen vorerst durch die Lappen, weil er schon aus seinem Hotel geflüchtet war, er stellte sich aber kurz darauf den Behörden. Den Verhafteten wurde vorgeworfen, zahlreiche Tickets auf den Schwarzmarkt geschleust zu haben; ein System, das bereits an den letzten drei Weltmeisterschaften zum Einsatz gekommen sei und umgerechnet rund 85 Millionen Franken eingebracht haben soll – pro Turnier.

Nun, dass es beim grössten Sportanlass der Menschheitsgeschichte zu Schwarzmarkthandel mit Tickets kommt, dürfte niemanden wahnsinnig überraschen. Allerdings handelte es sich bei der zuletzt verhafteten Person um niemand Geringeres als Ray Whelan, den leitenden Angestellten von Match Hospitality, der Firma (notabene mit Sitz in Zürich) also, die als offizielle Fifa-Partnerin für die sogenannten Hospitality Packages zuständig ist – Gesamtpakete mit Tickets und VIP-Leistungen wie Hotels und Flügen. Es ist ein lukratives Geschäft, das an jeder WM wieder zu reden gibt. So verhinderte Match Hospitality anlässlich der WM in Südafrika beispielsweise vor Gericht, dass eine südafrikanische Fluggesellschaft die (überrissenen) Preise in den Packages von Match Hospitality unterbieten konnte.

Die aktuellen Vorwürfe gegen Ray Whelan sind so simpel wie brisant: Er soll VIP-Tickets, die den Fifa-Mitgliedsverbänden zur Verfügung gestellt werden, im Rahmen von Package Deals zum Preis von je 25 000 US-Dollar auf den Markt gebracht haben, bezahlbar nur in bar. Die brasilianischen Behörden liessen verlauten, sie hätten dazu über 900 Telefongespräche zwischen Whelan und seinem Partner auf Band. Die Rede ist von Wucher, Geldwäscherei und organisierter Kriminalität. 

Match Hospitality hatte vor der WM in Brasilien für 300 Millionen US-Dollar (plus Gewinnbeteiligung) auch noch die Rechte für die zwei kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar erhalten. Die Fifa liess damals explizit verlauten, «die Partnerschaft stärke den Kampf gegen Ticketschwarzhändler». Diese Aussage klingt angesichts der Vorfälle wie blanker Hohn. Dass die Fifa – selbst bei einer strafrechtlichen Verurteilung Whelans – aus dem Deal aussteigt, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Immerhin ist an Match Hospitality auch die Vermarktungsfirma Infront beteiligt, die unter anderem für den Verkauf der TV-Rechte an den Weltmeisterschaften zuständig ist. Präsident von Infront ist Philippe Blatter – der Neffe des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter. Dass Infront in Zusammenarbeit mit Ringier auch noch den Schweizer Fussball vermarktet, erklärt vielleicht, weswegen im «Blick», sonst immerhin die tonangebende Schweizer Fussballzeitung, kaum etwas dazu zu lesen war. 

Die Vorgänge um illegale Ticketverkäufe sind keine Neuheit: Der inzwischen in Ungnade gefallene Ex-Fifa-Vizepräsident Jack Warner musste sich mehrfach für ebensolche Vorgänge verantworten. Auch er soll Verbandstickets illegal auf den Markt gebracht und damit Millionen verdient haben – als persönlicher Spezi und Wahlhelfer von Sepp Blatter wähnte er sich jahrelang in Sicherheit. Die Fifa begann erst, gegen ihn vorzugehen, als er sich mit Muhammad Bin Hammam verbündete, um Blatter zu stürzen. Warner verlor seine Ämter, und die Wirrungen um Bin Hammam führten zur Diskussion um die Vergabe der WM 2022 an Katar. Auch im aktuellen Fall haben die brasilianischen Behörden verlauten lassen, ein bisher unbenannter Fifa-Offizieller sei Gegenstand der Untersuchungen. Honi soit qui mal y pense, aber vielleicht müsste man die Frage stellen, wen Sepp Blatter dieses Mal loswerden will.

Etrit Hasler ist froh, dass der WM-Zirkus vorbei ist.

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