Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

Zu viel Kritik?

Interview: Etrit Hasler

WOZ: Andrew Jennings, wie ist die Stimmung in Südafrika, kurz bevor die WM beginnt?
Andrew Jennings: Es wurden kritische Stimmen laut, besonders im letzten Monat. Die Leute haben langsam gemerkt, dass die Fifa in ihr Land einfällt und wie viel Kontrolle man dieser Organisation übergibt. Und sie beginnen sich zu wundern, ob es das wert ist.

Können Sie ein Beispiel geben?
Da sind natürlich die Stadien: Die Fifa diktiert den Spielstädten, wie gross diese sein müssen, ohne sich darum zu kümmern, ob die Städte sich das leisten können. Aber da die Fifa die Stadien nicht bezahlen muss, ist ihr das auch egal. Und dann das Chaos mit den Tickets.

Sepp Blatter hat vor kurzem am Schweizer Fernsehen zugestanden, dass da Fehler gemacht wurden ...
Das überrascht mich nicht. Die Firma Match war verantwortlich für den Verkauf der sogenannten Hospitality-Pakete für Firmen. Zu den Paketen gehörten 380 000 Tickets. Match – Blatters Neffe Philippe ist dort zufälligerweise Mitbesitzer – hat offensichtlich verpasst, dass eine Wirtschaftskrise im Gang ist. Die Verkäufe waren schlecht, sogar in fussballverrückten Ländern wie Deutschland, England oder Holland. Von diesen unverkauften Tickets wurden in letzter Minute nochmals 200 000 auf den Markt geworfen.

Die Finanzkrise ist doch nicht die Schuld der Fifa ...
Nein, aber sie haben sie nicht einberechnet, als sie die Preise festsetzten. Das ist schlechtes Wirtschaften. Ein Beispiel: Match verkauft Inlandflüge zwischen den Spielstädten für 755 US-Dollar. Die südafrikanische Billigfluggesellschaft Kulaki bot dieselben Strecken für 120 Dollar an.

Wenn die Leute das bezahlen ...
Das tun sie eben nicht. Und anstatt die Preise der Situation anzupassen, schickte die Fifa Kulaki einen Brief, in dem sie der Firma mit Klage drohte, falls sie nicht aufhören würde, sich auf ihre Preise zu beziehen. Aber der Fifa ist es ja auch egal, ob Match in Südafrika schlecht geschäftet, sie wird ja immer noch bezahlt. Abgezockt wird hier nur die südafrikanische Bevölkerung.

Wie?
Wenn sich die Hospitality-Pakete nicht verkaufen, bedeutet das, dass die VIP-Zeltstädte um die Stadien reduziert werden. Leute werden entlassen. Weniger Essen wird verkauft. Wir reden über Geld, das tatsächlich in den Spielstädten geblieben wäre. Kommt dazu, dass die Fifa bestimmt, dass 800 Meter rund um die Stadien nur offizielle Sponsoren und ihre Produkte toleriert werden. Das ist das Aus für Strassenverkäufer, die traditionell vor den Spielen Mais oder ein Stück Fleisch verkaufen. Diese Menschen, die Ärmsten der Armen, werden von der Polizei auf Geheiss der Fifa vertrieben, damit die Leute mehr Big Macs fressen können. Diese Gier ist einfach nur widerlich.

Blatter betont immer wieder, dass die Fifa auch abseits der Fussballfelder Geld in den Gastländern investiert, zum Beispiel in Spitäler ...
... während sie gleichzeitig die Länder aussaugt. Das ist eine Frage der Perspektive. Es ist schon fast lustig, wie sehr Blatter die sogenannte Liebesbeziehung zwischen der Fifa und Afrika betont. Blatter sind die afrikanischen Völker komplett egal. Alles, was ihm etwas bedeutet, sind die Stimmen der afrikanischen Delegierten an den nächsten Fifa-Wahlen.

Sie sagen, Blatters Verhalten wirke kolonial. Es gab einen Aufschrei in lokalen Medien, als Blatter eine «Toilette im afrikanischen Stil» für seine Suite wollte.
Die Geschichte zeigt nur seine Unsicherheit. Blatter will, dass die Leute seine Wichtigkeit anerkennen. Wenn er sich mit all diesen Figuren der Weltpolitik trifft, will er das Gefühl haben, dass er einer von ihnen ist.

Glauben Sie, dass die Kritik die WM überschatten wird?
Sicher nicht. Es wird vier Wochen Jubel geben, da – wie jedes Mal – während des Turniers nur die Sportreporter zu Wort kommen. Aber wenn die Spiele vorbei sind und die Rechnungen hereinflattern, dann werden wir sehen, was das wahre Vermächtnis dieser WM sein wird. Südafrika werden ein paar überrissene Stadien bleiben, die noch jahrelang abgezahlt werden müssen. Und die Fifa versucht uns ja dauernd die Idee zu verkaufen, dass sie das für die afrikanischen Kinder tut: Aber die Kinder in Durban und Johannesburg werden immer noch barfuss im Dreck Fussball spielen und in Blechhütten leben und echte Toiletten «im afrikanischen Stil» benutzen müssen – ein Loch im Boden.

Andrew Jennings (66) ist ein freier investigativer Journalist, der seit über drei Jahrzehnten über Korruption in Politik und Sport schreibt. Besonders seine Nachforschungen über das Internationale Olympische Komitee (IOK) und den Weltfussballverband Fifa – letztere nachzulesen in «Foul! The Secret World of Fifa» – haben international für Aufsehen gesorgt. Er lebt und arbeitet im Norden Englands.

www.transparencyinsport.org

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