Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Zum Gebären in die Türkei

Lokale Projekte versuchen, die Lücke zu füllen, die der Abzug internationaler Hilfswerke in Nordsyrien hinterlassen hat. Doch das reicht bei weitem nicht aus.

Von Martin Bader, Antakya

«Gott sei Dank, ist mein Sohn nicht im Auto zur Welt gekommen», sagt Wissam Asfari und zieht übermüdet an seiner Zigarette. Der 26-jährige Syrer verbringt eine Woche im türkischen Antakya nahe der syrischen Grenze, während seine Frau auf der Entbindungsstation liegt. «Noch vor einem Jahr waren Geburten eine alltägliche Sache. Aber heute müssen wir selbst für Routineeingriffe die Grenze überqueren», erklärt der frischgebackene Vater.

Abu Adnan, ein hagerer Mann in den frühen Vierzigern, nickt zustimmend. Er ist bereits mehrmals für medizinische Behandlungen in die Türkei gekommen. Vor fünf Monaten wurde er von einem Scharfschützen angeschossen und nach notdürftiger Versorgung in die Türkei gebracht. Nur mit Glück hat er den Transport überlebt. Die Formalitäten am Grenzübergang dauerten sieben Stunden.

Systematische Übergriffe auf Ärzte

Wissam und Abu Adnan sind keine Einzelfälle. Beide stammen aus der Region Dschabal al-Akrad in Nordwestsyrien. Seit Anfang des Jahres hat sich die medizinische Versorgung in ihrer Heimatregion massiv verschlechtert. Die Entführung von fünf Mitarbeitern der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) führte zur Schliessung zweier Gesundheitszentren in der Region und eines Spitals. Gegen 150 000 SyrerInnen verloren den Zugang zur ärztlichen Versorgung durch MSF. Die MSF-Mitarbeiter sind inzwischen wieder frei, doch die medizinischen Einrichtungen bleiben geschlossen.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor über drei Jahren ist das Gesundheitswesen in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Gemäss der Organisation Ärzte für Menschenrechte wurde knapp die Hälfte der öffentlichen Spitäler in Syrien beschädigt, zerstört oder funktionsunfähig gemacht. Die Organisation kritisiert, dass die Regierung und Teile der Opposition systematisch medizinisches Personal und Spitäler angreifen.

«Wenn humanitäre Helfer festgehalten werden, hat dies umgehend eine Verminderung der geleisteten Hilfe zur Folge. Schlussendlich ist es die syrische Bevölkerung, die unter diesen Entführungen leidet», sagt Joanne Liu, internationale Präsidentin von MSF. «Angesichts der riesigen Bedürfnisse der Syrer müssten wir jetzt eigentlich die grössten Einsätze seit unserer Gründung vor vierzig Jahren leisten. Aber die gegenwärtige Situation schränkt unsere Handlungsmöglichkeiten massiv ein», sagt Liu. Immerhin unterhält und unterstützt MSF weiterhin mehrere Gesundheitszentren in Nordsyrien.

Die unkontrollierbare Sicherheitslage macht allen in Syrien aktiven Hilfswerken zu schaffen. Laut Michael Markus, Gesundheitskoordinator für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Damaskus, ist auch seine humanitäre Organisation mit ihren Aufgaben in Syrien stark im Verzug. «Es ist eine unbefriedigende Erfahrung. Es ist nicht unsere Schuld, aber es ist unbefriedigend.»

Teurer Transport

In Dschabal al-Akrad versuchen derweil VertreterInnen lokaler Projekte, die von MSF hinterlassene Lücke zu schliessen. «Gemessen an unserem Budget, leisten wir sehr gute Arbeit», sagt Khaled* voller Stolz. Er arbeitet als freiwilliger Mitarbeiter in einem Gesundheitszentrum in Dschabal al-Akrad, das seine PatientInnen gratis behandelt. Abdallah*, der einzige ausgebildete Arzt in der Praxis, relativiert die Aussage seines Arbeitskollegen: «Ich bin ein Allgemeinmediziner, der mit sehr einfachen Mitteln arbeitet. Ich habe weder die Professionalität und Erfahrung von MSF, noch verfüge ich über eine vergleichbare Finanzierung. Oft können wir nicht mehr tun, als dem Patienten ein Taxi bis zur Grenze zu zahlen.»

Hohe Ausgaben für Transport und Aufenthalt in der Türkei hielten viele SyrerInnen von einer medizinischen Behandlung im Ausland ab, sagt Abdallah. «Eine mehrtägige Reise in die Türkei ist für lokale Verhältnisse sehr teuer. Transport und die Unterkunft kosten oft mehr als die ärztliche Behandlung.»

Um den PatientInnen die Reise zu ersparen, möchte er einen Frauen- und Kinderarzt einstellen. Das Vorhaben scheiterte bisher an der Finanzierung. «Es gibt nur wenige Leute, die bereit sind, ohne Lohn in einem Kriegsgebiet zu arbeiten», gibt er zu bedenken.

Abdallah glaubt nicht an eine baldige Rückkehr von MSF nach Dschabal al-Akrad. «Ich nehme ihnen das aber nicht übel. Diese Menschen verdienen unseren höchsten Respekt. Sie haben ihr Leben riskiert, um uns zu helfen», fügt er hinzu. Er wünscht sich, dass das leer stehende MSF-Spital bald von einer lokalen Organisation betrieben werden kann. Zumindest bis es zum nächsten Mal angegriffen wird.

* Namen geändert.

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