Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

«Uns hat es geholfen, keine Amerikaner zu sein»

In vielen Hilfswerken wird derzeit darüber diskutiert, ob China überhaupt noch auf Entwicklungszusammenarbeit angewiesen ist. Derweil schliesst Chinas Regierung Projekte oder übernimmt sie.

Von Rainer Schwarz, Xining (Text und Foto)

Symbolische Scheckübergabe bei der China Foundation for Poverty Alleviation, einer «von der Regierung organisierten Nichtregierungsorganisation» (GONGO).

«Das beste Entwicklungsprojekt», sagt Jan Terje Voilaas mit seiner langsamen, sehr langsamen Sprechweise. «Das beste Entwicklungsprojekt – das ich – jemals gesehen habe – das ist das ETP.» Er meint damit das Englischtrainingprogramm der Pädagogischen Hochschule in Xining, der Hauptstadt der nordwestchinesischen Provinz Qinghai. Nun ist Voilaas kein Entwicklungsexperte, aber gesehen hat er schon einiges. Vor zehn Jahren hat er zum Beispiel die Welt umrundet – mit dem Fahrrad. Und er hat die Shambala-Stiftung gegründet, deren grösstes Projekt «Orphanage without Walls» (OWW) mit 650 tibetischen Waisenkindern arbeitet und versucht, allen einen Schulbesuch und eine Berufsausbildung zu ermöglichen.

Das ist nicht schlecht. Aber – zumindest laut Voilaas – nicht so gut wie das ETP. Aufgebaut wurde es vom US-Amerikaner Kevin Stuart, einem knapp zwei Meter grossen Mann mit grauem Vollbart, der meistens eine Sonnenbrille, einen grossen schwarzen Hut und einen langen schwarzen Mantel trägt. «Als wir Stuart zum ersten Mal sahen, hat uns das zu Tode erschreckt», erzählt Mehla, eine Absolventin des Programms. Kein Wunder, denn Mehla kam wie die meisten der ETP-StudentInnen aus einer abgelegenen Region. Die Schulbildung in bis heute nomadisch geprägten Gebieten des Landes wie zum Beispiel Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan ist schlecht. Manche der SchülerInnen kannten gerade mal das ABC (auf Englisch), andere nicht einmal das. Für Stuart und seine MitarbeiterInnen war das aber kein Problem.

Ausgesucht wurden die SchülerInnen sowieso nicht nach ihren Vorkenntnissen oder Noten, sondern von ihren MitschülerInnen. Die durften die Namen der beiden ihrer Klasse aufschreiben, die sie für die Schlausten hielten. Die Ausgewählten kamen dann – das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt – an die Universität, um Englisch zu lernen. Die meisten hatten vor ihrer Ankunft im zwei Millionen EinwohnerInnen zählenden Xining noch nie eine Grossstadt, geschweige denn einen Ausländer gesehen.

Falsche Hausaufgaben

Kevin Stuart war 1987 mit einem Doktortitel in Anthropologie aus Hawaii nach Xining gekommen. Hier unterrichtete er zehn Jahre lang Englisch, bis er – finanziert vom Bridge Fund, der Ford-Stiftung, der Trace Foundation und dem deutschen Hilfswerk Misereor – das ETP gründete. Mit modernen Lehrmethoden, kulturell angepassten Lehrplänen und vor allem dem Ziel, den SchülerInnen zu ermöglichen, das Erlernte während des Studiums und erst recht danach sinnvoll für ihre Heimatregion einzusetzen.

Gelernt wurde in Klassen mit fünfzehn SchülerInnen, die alle im Kreis sassen, ohne Hefte, ohne Bücher. Stuart redete nie besonders viel. Es waren ja die Kinder, die Englisch sprechen lernen sollten – manchmal noch nach Unterrichtsschluss, wenn Stuart falsche Hausaufgabenzettel ausgab und dann auf die Reaktion wartete. Da konnte es dann vorkommen, dass die Jungen schüchtern sagten: «Not this one», und Stuart mit hochgezogenen Augenbrauen fragte: «Which one do you want?» Abends umlagerten die SchülerInnen dann in grossen Gruppen den Computer in «Teacher Kevins» Mietwohnung. Mithilfe ihrer neuen Englischkenntnisse und des Internets eröffnete sich ihnen eine neue Welt. Nach dem Semesterende erarbeiteten sich die SchülerInnen die Grundlagen der Entwicklungsarbeit – durch Vorträge, durch Praktika, durch die Umsetzung eigener kleiner Projekte.

Die Regierung greift ein

Nach der dreijährigen Ausbildung konnten alle nicht nur fliessend Englisch, sondern begannen auch, entweder in bereits bestehenden NGOs zu arbeiten oder eigene zu gründen. Ausländische Geberorganisationen und die Kleinprojektefonds der westlichen Botschaften in Beijing arbeiteten immer gerne mit den ETP-AbsolventInnen zusammen – weil diese den lokalen Dialekt ihrer Herkunftsregion verstanden, die englische Kommunikation hervorragend funktionierte, sie die Probleme vor Ort kannten und selbst dann noch ins Projektgebiet – also nach Hause – fahren durften, wenn sich dort mal wieder ein Demonstrant verbrannt hatte und die Region nicht nur für AusländerInnen, sondern auch für ortsfremde TibeterInnen gesperrt wurde.

Der Rest ist schnell erzählt: 2008 musste Kevin Stuart Xining verlassen – sein Visum wurde um nur dreissig Tage verlängert. Damals, vor den Märzunruhen in Lhasa, gab es zwölf ausländische SprachlehrerInnen am ETP. Ende 2008 waren es noch zwei, ein australisches Ehepaar. «Uns hat es geholfen, keine Amerikaner zu sein», sagt Gerald Roche, der für Stuart weitermachte, so gut es ging. Aber so gut wie vorher ging es nicht mehr.

Inzwischen wird der Zugang zum ETP über die ganz normale Hochschulzugangsprüfung geregelt, bei der Kinder aus den Nomadengebieten keine Chance haben. Unterrichtet wird in richtigen Klassenräumen, mit einer Tafel auf der einen und Tischen auf der anderen Seite. Das Thema Zivilgesellschaft, ein Wort, das die Regierung nicht gerne hört, bleibt aussen vor. Die AbsolventInnen erhalten einen Bachelorabschluss und suchen sich eine gut bezahlte Stelle.

Zudem wurden ab Frühjahr 2014 nach und nach alle Organisationen geschlossen, die aus dem ETP hervorgegangen waren. Zum Beispiel die Friendship Charity Association (zur Unterstützung verarmter und benachteiligter Gemeinschaften), das Pentok Institute (zur Bildungsförderung für tibetische Mädchen) oder die Shem Women’s Group, die sich dem Empowerment tibetischer Frauen durch Basisentwicklung verschrieben hatte. Auch das Plateau-Musikprojekt und die Plateau Photographers verloren ihre Registrierung. Selbst die Snowland Service Group, gegründet vom ehemaligen Regierungsmitarbeiter Rinchen Dawa, aber von ETP-AbsolventInnen betrieben, hielt der «Überprüfung» nicht stand.

Diese Schema wiederholt sich im ganzen Land: Die Regierung misstraut den NGOs. «Immer fragen sie mich, wozu uns die Ausländer angewiesen haben», sagt beispielsweise Yu Fangqiang von der NGO Justice for All in Nanjing, Ostchina: «Sie können einfach nicht verstehen, dass wir es sind, die die Projekte planen.»

Kontrolle und Angebote

Gleichzeitig verlassen immer mehr westliche Hilfsorganisationen China oder planen zumindest ihre Exitstrategie. Sie legen lokalen NGOs nahe, sich selbst um ihre «Nachhaltigkeit» zu kümmern. Das heisst im Klartext: sich nach lokalen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen.

Das hat natürlich Folgen, wie das Beispiel Huiling zeigt. Diese Organisation betreut Menschen mit geistiger Behinderung unter Einbezug der Gemeinschaft, sie arbeitet dezentral und hat Regeln aufgestellt. So sind beim betreuten Wohnen jeweils höchstens sechs Personen pro Projekt vorgesehen. Inzwischen aber bekommt Huiling immer öfter Kooperationsangebote vom staatlichen Behindertenverband. Oder andere Angebote, die Huiling aufgrund der Finanzknappheit kaum ablehnen kann: tausend Quadratmeter grosse Flächen, wenn dafür die Betreuung von mindestens hundert Personen übernommen wird.

Auch Friends of Nature wurde umgarnt und eingebunden. Friends of Nature ist jene Umwelt-NGO, der es 2011 als Erste gelang, eine Klage «im öffentlichen Interesse» einzureichen. Damals hatte ein Chemieunternehmen in Yue Zhou in der südchinesischen Provinz Yunnan 400 Lastwagenladungen giftiger Abfälle in der Nähe eines Trinkwasserreservoirs abgeladen. Der Fall ist bis heute nicht entschieden. Inzwischen betreibt Friends of Nature in einem «nationalen Waldpark» am Fuss der Grossen Mauer ein Walderlebniszentrum. Das 850 Quadratmeter grosse und umgerechnet 1,8 Millionen Franken teure Gebäude hat das staatliche Forstamt zur Verfügung gestellt. Das erste Kindersommerlager findet jetzt im August statt: Sieben Tage kosten 4580 Yuan, umgerechnet 670 Franken. Es ist komplett ausgebucht.

Von «ausländischen Kräften» infiltriert

Selbst die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften ist vor Prüfungen nicht gefeit. Die Akademie, die in China viel Politikberatung betreibt, habe erhebliche Probleme, teilte Zhang Yingwei, Leiter einer Disziplinarkommission, der Öffentlichkeit mit. Sie habe «unter dem Deckmantel der Forschung eine Nebelwand errichtet», baue «mithilfe des Internets länderübergreifend verzerrte Sichtweisen auf», lasse «während sensibler Phasen ungesetzliche Kontaktaufnahmen» zu und sei «von ausländischen Kräften» infiltriert.

Eine ungeheuerliche Anschuldigung, die sofort Protest erregt hat. «Staatspräsident Xi Jinping hat diese Kommission persönlich eingerichtet», sagt Zhang Wei von der Beijinger NGO Enable, «und eine Überprüfung sämtlicher NGOs und ihrer Finanzquellen angeordnet.» Der Abschluss der Prüfung wird noch im Laufe dieses Augusts erwartet. KritikerInnen befürchten, dass es dann besonders für jene NGOs schwierig wird, die Gelder von der US-Stiftung National Endowment for Democracy, von der Open-Society-Stiftung des Milliardärs George Soros, von Give2Asia, von der Ford-Stiftung oder von Oxfam Hongkong bekommen haben. «Früher haben die Ausländer das Geld gegeben, und wir haben von Recht geredet», seufzt Zhang, dessen Organisation sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention einsetzt: «Jetzt gibt die Regierung das Geld …»

Auch Voilaas ist nicht optimistisch, obwohl seine Shambala-Stiftung in Hongkong registriert ist und ihr somit nicht viel passieren kann – ausser dass westliche Geberorganisationen noch zurückhaltender sind, in Hongkong registrierte Organisationen zu unterstützen. «Ich glaube», sagt er, «die Regierung wird etwas – Ähnliches aufbauen. Etwas, das wie – Zivilgesellschaft aussieht. Aber in Wirklichkeit vollständig – von Regierungsgeldern abhängig ist.»

Chinas NGOs

Achtzig Millionen Menschen mit Behinderung

Früher war die Welt noch einfach. «Es gibt zwei Sorten NGOs in China», hatte vor Jahren Zhang Hehe von Friends of Nature erklärt: «Auf der einen Seite sind die, die soziale Dienste anbieten: Behindertenbetreuung, Altenpflege. Die werden geduldet und bekommen sogar Geld vom Staat. Auf der anderen Seite sind die, die von Rechten sprechen.»

Inzwischen ist es komplizierter. Seit einem Brand in einem privaten Waisenheim in der Provinz Henan schliesst das Innenministerium solche Heime im ganzen Land. Und nachdem bekannt worden ist, dass die Ford-Stiftung die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften förderte, ist «amerikanisches Geld» für die meisten NGOs tabu.

Oxfam Hongkong und selbst die chinesische One-Stiftung des Kung-Fu-Stars Jet Li werden immer öfter und lauter verdächtigt, nur die Regierung stürzen zu wollen. Chinesische NGOs sind glücklich und dankbar, wenn ihnen ihre Bank überhaupt noch erlaubt, ausländische Projekt- oder Spendengelder in Yuan zu tauschen und auf ihr Konto zu buchen.

Staatspräsident Xi Jinping will alles besser machen – von der Korruptionsbekämpfung bis zu Sozialdienstleistungen. Aber das alleine und ohne «fremde Hilfe». Ob dies gelingt, ist fraglich: In China leben über 160 Millionen Arme mit weniger als 1,5 US-Dollar am Tag – und über 80 Millionen Menschen mit Behinderungen.

Rainer Schwarz

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