Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Gegenaufklärung zum bösen Islam

Von Yves WegelinMail an AutorIn

Sehr geehrter Frank A. Meyer

Könnte es nicht sein, dass der Islam von Grund auf schlecht und gewalttätig ist? Diese Frage haben Sie jüngst im «SonntagsBlick» gestellt. Und auch wenn Sie die Antwort in weiteren Suggestivfragen verpackten, so kam sie dennoch klar hervor: Ja, so ist es.

Sie wollten einen Kontrapunkt zu den «Linken, Grünen und Linksliberalen» setzen, bei denen die Sprachregelung gelte, wonach die «Schrecken, wie sie Tag und Nacht aus Allahs Hoheitsgebieten zu vermelden sind» (Sie dachten dabei wohl an den «Islamischen Staat» [IS, vormals Isis] oder an die Hamas im Gazastreifen), nichts mit dem Islam zu tun haben. Wahrscheinlich würden Sie auch mich zu diesen Gutmenschen zählen. Doch: So etwas würde ich nie behaupten. Sonst müsste ich ja daran glauben, dass es die eine wahre göttliche islamische Offenbarung gibt. Aber ich bin kein Muslim.

Wie die Gutmenschen glauben offenbar auch Sie, dass es den einen wahren Islam gibt – nur halten Sie ihn für böse. Erstaunlich: Auch Sie sind ja kein Muslim. Aus einer säkularen, aufgeklärten Optik, die Sie ja sonst gerne einnehmen, ist der Islam das, was die Menschen aus ihm machen. Der IS, der aus dem saudischen Wahhabismus hervorgegangen ist, hat mit der Hamas, deren Ideologie auf dem europäischen Nationalismus des 20. Jahrhunderts beruht, wenig zu tun. Und was haben die jungen ÄgypterInnen, die 2011 für die Menschenrechte ihr Leben riskierten, mit der Hamas gemein? Was muslimische SchweizerInnen, deren Eltern eingewandert sind und die ihre Religion so nebenbei praktizieren wie Herr und Frau Meyer ihr Christentum?

Doch mal angenommen, Ihre These ist richtig, wonach sich der Islam der Moderne nicht anpassen könne und nicht ins 21. Jahrhundert gehöre: Was tun mit den 1,6 Milliarden MuslimInnen? Und jetzt? Sie vernichten? Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich weiss, dass das nicht Ihre Meinung ist. Doch in Ihrer Haltung verbirgt sich jene Gegenaufklärung, die Sie zu bekämpfen glauben: Einst waren es andere Völker, die aufgrund ihres angeblichen Wesens nicht in diese Welt passten, heute sind es Gläubige.

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