Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

Tja, Konrad, das Karma!

Zum Zustand des NZZ-Konzerns (4)

Von Daniel Ryser

Nicht wenige Verschwörungstheorien umranken die NZZ. So weist mich ein Leser darauf hin, dass Chefredaktor Markus Spillmann Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz sei, wie auch sein Vorgänger Hugo Bütler – was die aktuelle «kriegstreiberische Berichterstattung» der Zeitung erkläre. NZZ-Auslandchef Eric Gujer habe zudem ein Buch veröffentlicht im Rahmen von Dick Cheneys «Project for the New American Century», das im Jahr 2000, also ein Jahr vor 9/11, als Vitaminspritze für imperialistische Aggression ein «neues Pearl Harbor» gefordert habe (das Project, nicht Gujers Buch). Angesichts des Umstandes, dass die NZZ heute über Sex-Selfies aus dem Bundeshaus berichtet, wünschte man sich fast, die alte Tante würde sich wieder auf das konzentrieren, was sie in den letzten sechzig Jahren tat: das Schönschreiben US-amerikanischer Interventionen.

Dass die Bilderberger zudem weit weniger einflussreich sind, als dies SVP-Nationalrat Lukas Reimann und den AntisemitInnen lieb ist, zeigt, dass Ex-NZZ-Verwaltungsrat Konrad Hummler, der noch in den Sechzigern für den Vietnamkrieg demonstrierte, 2013 sein ganz persönliches Pearl Harbor erlebte, weil ihm die USA seine Bank zerstörten (dies bedeutete auch seinen Abgang als NZZ-Verwaltungsratspräsident). Karma is a bitch, Konrad.

Dabei war Hummler noch 2011 Gegenstand einer anderen Verschwörungstheorie: Seine Ernennung zum Präsidenten sowie die Wahl der von den rechten «Freunden der NZZ» portierten Unternehmerin Carolina Müller-Möhl in den Verwaltungsrat galten als Beleg für eine SVP-Revolte innerhalb der NZZ, weg vom Liberalismus, hin zum Neoliberalismus. Noch vor vier Wochen titelte die «Schweiz am Sonntag», Leute aus Christoph Blochers Umfeld würden NZZ-Aktien kaufen; ein Beleg aber fehlte.

Wenn man die Fakten betrachtet, könnte man momentan jedoch eher von einem sanften Linksrutsch reden: Hummler kümmert sich im Appenzell um irgendein Hotel, und die «Freunde der NZZ» riefen im April vor der NZZ-Generalversammlung dazu auf, Müller-Möhl nicht mehr zu wählen. «Sie war im Verwaltungsrat zur Überzeugung gelangt, dass die selbst ernannten Freunde der Zeitung schaden», so ein Insider. «Die Freunde der NZZ sind keine Freunde der Zeitung, sondern nur des eigenen Portemonnaies.» Auch im Beirat von Tito Tettamantis Verein für Zivilgesellschaft, wo sich reaktionäre Figuren wie Markus Somm und Daniel Model sowie der linke Schriftsteller Daniel de Roulet umarmen, ist Müller-Möhl nicht mehr aufgeführt. Für die WOZ war sie für ein Gespräch vorerst nicht zu erreichen. In der «Annabelle» konnte man dafür kürzlich lesen, «trotz eines Vermögens von 600 bis 700 Millionen wirkt sie unglaublich normal. Entspannt. Richtig locker sogar.» Mit einer kürzlich bestätigten, eher nordkoreanisch als liberal anmutenden Aktienvinkulierung will die NZZ sich vor feindlichen Übernahmen schützen: Nur Mitglieder der FDP oder solche, die das Gedankengut der 15-Prozent-Partei teilen, dürfen NZZ-Aktien kaufen.

Beschlossen haben die AktionärInnen an der letzten Generalversammlung auch, ihre Dividende zu halbieren. Angesichts der neoliberalen Unternehmenspolitik der einst linksliberalen Tamedia ein Anachronismus. Die Aktiengesellschaft, so die erfolgreiche Argumentation des Verwaltungsrats, heisse schliesslich «AG für die Neue Zürcher Zeitung». Angesichts «stürmischer Zeiten» gelte es die Zeitung zu schützen vor Qualitätsverlust und weiterem Stellenabbau.

Daniel Ryser ist WOZ-Redaktor. In der nächsten Ausgabe definitiv: NZZ-CEO Veit Dengler über seine Zukunftsvisionen.

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