Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Heizölpreis oder Kultur?

Zum Zustand des NZZ-Konzerns (3)

Von Daniel Ryser

WOZ: Herr Landmark, als Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts» empfinden Sie die Berichterstattung der WOZ zum Stellenabbau des NZZ-Konzerns bei der «Thurgauer Zeitung» und beim «Tagblatt» als Teil einer allgemeinen Stimmungsmache. Warum?
Philipp Landmark: Im «Schweizer Journalist», im «Saiten» und nun auch in der WOZ wurde zum Beispiel eine Aussage eines Sprechers des Journalistenverbands Impressum abgedruckt, die falsch ist: Wir würden Mitarbeitern für die gleiche Funktion schlechtere Verträge anbieten. Was der Mann wiederum verschweigt: Trotz Stellenabbau mussten wir bis jetzt keine Kündigung aussprechen.

Sie nannten den Abbau eine Fokussierung auf die Stärken. Das ist doch zynisch.
Nein, das ist es nicht. Aufgrund sinkender Einnahmen haben wir weniger Ressourcen. Also stellt sich doch die Frage, wie wir mit weniger Ressourcen die Qualität halten können.

In der Ostschweiz wächst die Sorge, die NZZ nehme ihre Töchter angesichts der schlechten Wirtschaftslage nicht mehr richtig ernst.
Man darf die wirtschaftliche Realität nicht ausblenden. Wir sind kein karitatives Unternehmen. Ein Beispiel: Wir drucken heute im Vergleich zur Jahrtausendwende noch ein Zehntel der Stelleninserate. Allein dadurch entgehen uns Einnahmen von vielen Millionen.

Die Abonnentenzahl ist im Thurgau von 43 000 auf 36 000 eingebrochen. Wird Print bald überflüssig?
Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen. Sie haben vor allem damit zu tun, dass aus zwei Zeitungen eine wurde, seit die «Thurgauer Zeitung» als Teil des «Tagblatts» erscheint. Der Rückgang im Thurgau ist seither nicht grösser als bei anderen Zeitungen. Die eigentliche Frage heisst: Wird Qualitätsjournalismus überflüssig? Nein, das wird er nicht. Nur, wie lässt er sich in Zukunft finanzieren?

Haben Sie Ideen?
Ich bin froh darüber, dass man sich in Zürich mit grossem Engagement der Frage widmet, wie wir in Zukunft mit dem Internet Geld verdienen können, wie man die NZZ neu erfinden kann. Aus meiner persönlichen Sicht stellt sich etwa die Frage, ob es sinnvoll ist, unter der Woche eine grosse Reportage abzudrucken, wenn da ja viele Leser die Zeitung bloss auf dem Smartphone durchstöbern. Wäre eine lange Reportage am Sonntag nicht besser aufgehoben?

Gegen die Streichung der lokalen Kulturseiten des «St. Galler Tagblatts» kamen kürzlich 1500 Unterschriften zusammen.
Diese Onlinepetition mit rund 1100 verifizierbaren Namen aus der Ostschweiz wurde getrieben von Kulturschaffenden, nicht von gewöhnlichen Lesern. Es ging vor allem um Einzelinteressen. Denn der Umfang der Kulturberichterstattung nimmt in der Tat nur geringfügig ab. Trotzdem, einen echten Protest gab es: Ich erhielt über dreissig Mails von Leuten, die dagegen protestierten, dass der Heizölpreis nicht mehr täglich im Blatt war – ein Fehler, den wir korrigiert haben. Eigentlich gibt es nur wenig, das in einer Zeitung unverzichtbar ist.

Das wäre?
Der Heizölpreis zum Beispiel. Oder Leserbriefe. Und Todesanzeigen. Damit muss das Ego eines jeden Journalisten klarkommen.

Daniel Ryser ist WOZ-Redaktor. In der nächsten Ausgabe: NZZ-CEO Veit Dengler über seine Zukunftsvisionen.

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