Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

An den Kasernentoren rütteln und auf Militärfahrzeuge klettern

In der Ukraine protestieren regelmässig Frauen gegen den Krieg und die schlechte Versorgung der Soldaten. Und im Osten widersetzen sich ArbeiterInnen der neuen Kriegselite.

Von Ulrich Heyden

Vor dem ukrainischen Parlament demonstrierten vergangene Woche Friedensaktivistinnen aus Charkow und hielten Plakate in ihren Händen. «Kinder! Kommt zu euren Müttern zurück!» stand da auf Russisch und an die Adresse der jungen Soldaten gerichtet. Und auf Englisch war zu lesen: «Mütter! Schickt eure Söhne nicht in den Krieg!». Die Aktion kam nicht gut an. Unweit der Demonstrantinnen hatten sich junge Männer mit Strumpfmasken postiert. Sie grölten: «Ruhm der Ukraine! Tod den Feinden!», entrissen den Frauen ein Plakat und zerstörten einen Fotoapparat. Ein Mann mit Sonnenbrille bombardierte die Kundgebungsteilnehmerinnen mit der immer gleichen Frage: «Wo dienen denn eure Männer?», bekam aber keine Antwort. So viel ist klar: In Kiew für den Frieden zu demonstrieren, erfordert Mut.

Nicht nur in Kiew, auch in vielen Städten der Zentral- und Westukraine kommt es regelmässig zu Demonstrationen, Kundgebungen und Strassenblockaden gegen den Krieg und die schlechte Versorgung der Soldaten. Mal sind es fünfzig, mal ein paar Hundert Frauen, die sich an die Öffentlichkeit wenden. So blockierten Ende Juli Frauen acht Stunden lang eine Brücke im südukrainischen Nikolajew und verlangten die Bildung eines Korridors zu ihren Männern, die als Angehörige einer Fallschirmjägerbrigade im Gebiet Lugansk von den Aufständischen eingekesselt waren und keine Nahrungsmittel mehr hatten. Im ebenfalls südukrainischen Melitopol hatten kurz zuvor Frauen aus Protest gegen geplante Einberufungen an Kasernentoren gerüttelt und waren auf Militärfahrzeuge geklettert.

Anschläge in Charkow

In Transkarpatien wiederum, dem westlichsten Zipfel der Ukraine, hielten Frauen vor zwei Wochen die Fernstrassen nach Rumänien besetzt. In der Region leben viele Ungarinnen, Slowaken, Roma und RuthenInnen, die im Krieg in der Ostukraine keinen Sinn sehen. «Sollen doch die an die Front, die den Maidan besetzt haben. Wir wollten den Maidan nicht!», rief eine Frau während einer Strassenblockade im transkarpatischen Dorf Priprutje. «Warum ziehen Sie Bauernsöhne ein und nicht Berufssoldaten?», fragten andere Frauen einen herbeigeeilten Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Höhepunkt ihrer Aktion war die Verbrennung von Einberufungsbescheiden. Örtliche Medien behaupteten daraufhin, «russische Agenten» würden «separatistische Tendenzen» in der Region unterstützen.

Die Forderungen der Frauen, die jetzt in der Ukraine auf die Strasse gehen, sind weit gefächert. Sie verlangen, dass die Soldaten – wie versprochen – nach 45 Tagen an der Front Urlaub bekommen; die meisten sind schon seit vier Monaten an der Front. Ausserdem fordern sie eine Ausrüstung mit schusssicheren Westen und eine bessere Lebensmittelversorgung. Korrupte Beamte, die uralte Militärfahrzeuge in den Einsatz schicken, müssten entlassen werden. Und die Parlamentsabgeordneten, die gerade eine Kriegssteuer von 1,5 Prozent auf sämtliche Einkommen beschlossen haben, sollen doch bitteschön ihre eigenen Söhne an die Front schicken.

Während im Westen der Ukraine die Sorge um die Männer, Brüder und Söhne im Vordergrund steht, wenden sich die Friedensdemonstrantinnen im Osten gegen den Krieg überhaupt. In Charkow zum Beispiel waren Mitte Juni fünfzig Frauen vor die Malischew-Panzerfabrik gezogen. «Mörder, Mörder! Zerstört die Panzer! Verkauft euch nicht für drei Kopeken an die Junta!», riefen sie. Dort kam es in den letzten Wochen – zuletzt am 4. August – wiederholt zu Anschlägen auf Ämter, die Wehrpflichtige einziehen. Am 3. August gab es nachts ausserdem einen Brandanschlag auf eine Panzerreparaturfabrik. Verletzt wurde bei all diesen Anschlägen niemand.

Und was sagen die Bergarbeiter in der Ostukraine? Auf welcher Seite stehen sie? Der grösste Unternehmer der Ostukraine, der Oligarch Rinat Achmetow, hatte Mitte Mai – offenbar aus Sorge um seinen Besitz – die Belegschaften seiner Bergwerke und Stahlbetriebe zu mobilisieren versucht – für eine einheitliche, aber föderale Ukraine und gegen die SeparatistInnen. Doch seinem Aufruf folgten nur wenige ArbeiterInnen. In dem von Achmetow gebauten Fussballstadion in Donezk fanden sich nur zweihundert mit Bussen herangekarrte Arbeiter zu einer Kundgebung ein.

Stillstand im Kohlerevier

Dafür zogen Mitte Juni mehrere Tausend Bergarbeiter verschiedener Kohlegruben durch die Grossstadt Donezk. «Schluss mit dem Krieg» und «Nato nein» stand auf den Plakaten der Kumpel, die von der Regierung die Einstellung der sogenannten Antiterror-Operation verlangten. Den Grossteil der Bevölkerung in der Ostukraine treibt die Sorge um, dass ein Kollaps der engen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland die Region ökonomisch ruinieren könnte. Das ist auch der Grund, warum sich viele Bergarbeiter der etwa 20 000 Mann starken Donezk-Armee der Aufständischen angeschlossen haben.

Derzeit ruht der Bergbau, die Bergwerke stehen still, nur die Pumpen arbeiten. Ein Weiterbetrieb ist nicht möglich, weil immer häufiger der Strom ausfällt, Grubengebäude beschädigt sind und Kumpel auf dem Weg zur Arbeit beschossen werden. Ein Teil der Arbeitslosen wird sich nun vermutlich den Aufständischen anschliessen, während andere versuchen, mit ihren Familien aus dem Kriegsgebiet zu fliehen.

Derweil nehmen die Spannungen zwischen den Aufständischen und den Betriebsleitungen im Donezkgebiet zu. Zu einem ernsten Konflikt kam es Ende Juni im Bergwerk Komsomolez, das dem Oligarchen Achmetow gehört. Bewaffnete Aufständische, die in einem Schützenpanzerwagen vorgefahren waren, zwangen die Beschäftigten, sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen. Sie brachen auf dem Betriebsgelände zwei Geldautomaten auf und beschlagnahmten den gesamten Fuhrpark. Die unabhängige Bergarbeitergewerkschaft der Ukraine verurteilte die Aktion scharf. Während der Aktion seien 700 Kumpel unter Tage gewesen. Jede Explosion hätte «ihren Tod zur Folge gehabt».

Teure Autos, teure Anzüge

Der «Volksgouverneur» von Donezk, der 31-jährige Pawel Gubarew, begründete das Vorgehen der Aufständischen an einer Kundgebung in Donezk damit, dass sich die Betriebsleitung geweigert habe, den Bergarbeitern, die bei den Aufständischen kämpfen, den Lohn weiterzuzahlen. Die Unternehmer müssten «die Männer achten, die für den Schutz unseres Bodens kämpfen», sagte Gubarew.

Auch zwischen den Freiwilligen der Donezk-Armee und der Führung der «Volksrepublik Donezk» kommt es immer wieder zu Spannungen. In einem offenen Brief beklagten kürzlich «einfache Kämpfer», dass die Businesselite der Ostukraine «mit aller Kraft» in die Machtstrukturen der «Volksrepublik Donezk» einzudringen versuche. Offizielle Vertreter der Aufständischen würden sich oft «hochmütig verhalten» sowie «teure Autos fahren und teure Anzüge tragen». Man könne es nicht zulassen, dass «unter dem Schutz patriotischer Losungen» eine neue Elite entstehe, heisst es in dem Brief, der sich an die Führung der «Volksrepublik Donezk» richtet. Die Autoren des Schreibens sind empört. Man könne nicht akzeptieren, dass «über uns einfachen Arbeitern und Bauern neue Herren stehen». Die Briefschreiber – sie stammen offenbar aus der Arbeiterklasse – fordern demokratische Strukturen, Transparenz und eine klare Aussage darüber, wem die Fabriken, die Schächte und der Boden der «Volksrepublik Donezk» nach dem erhofften Sieg gehören sollen.

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