Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Und in der Ferne wummern die Geschütze

Unterwegs im Donbass, wo Aufständische in Erdhöhlen hausen, ein Oligarch Nudeln an RentnerInnen verteilt und wo trotz frisch angelegter Rosenbeete noch niemand an Frieden glaubt.

Ulrich Heyden (text) und Heinz Schwarzzenberger (Foto), Donezk

Hier lässt die Rückkehr der Kinder noch auf sich warten: Spielplatz einer Schule in der Gemeinde Spartak, direkt an der Frontlinie.

Im Stadtzentrum von Donezk scheint die Welt wieder in Ordnung. Die beschossenen Häuser sind notdürftig repariert, Trümmer von zerschossenen Dachstühlen in Säcke gefüllt. Die Strassen sind sauber und die Rosenbeete frisch geharkt. Die Stadtverwaltung tut alles für eine schöne Stadt. Das beruhigt die Nerven. Und das ist auch wichtig, damit die Flüchtlinge zurückkehren. Von den 950 000 EinwohnerInnen ist etwa die Hälfte nach Russland oder in die Zentralukraine geflüchtet.

Am Stadtrand sieht es anders aus: Die Dachstühle vieler Häuser sind noch nicht wieder repariert. Eine ältere Passantin in einer rosa Winterjacke schüttelt verständnislos den Kopf. «Hier leben eben nur Menschen zweiter Klasse.» Eine andere Frau zeigt auf die notdürftig wiederhergestellte Schule, wo der Dachstock zerschossen wurde. Und sie spricht von ihrer Angst, dass wieder Granaten fliegen. Schon die Schulkinder können anhand des Pfeifgeräusches und der Explosion unterscheiden, um welches Geschoss es sich handelt und von wo es abgeschossen wurde.

Darfs Ukrainisch oder Russisch sein?

Die SchülerInnen einer zehnten Klasse in der Schule Nr. 147 im Osten der Stadt besprechen mit der Lehrerin gerade das Buch «Hellblaues Fräulein» des ukrainischen Schriftstellers Mykola Worony. Dieser lebte von 1871 bis 1938 und hatte grosse Probleme mit der Sowjetmacht. Im Treppenhaus hängt ein Wandschmuck, eine Sonne mit hellblau-gelben Strahlen, die Farben der ukrainischen Flagge. Auf die Frage, ob die Schule die Installation entfernen wolle, antwortet die Schulleiterin Natalia Sucharowa: «Warum? Hier hat niemand etwas gegen ukrainische Kultur.»

437 Kinder besuchen diese Schule in insgesamt zwanzig Klassen. In sieben Klassen wird in ukrainischer und in dreizehn in russischer Sprache unterrichtet. Weil mehrere Eltern den Wunsch geäussert hätten, dass ihr Kind in das russische Unterrichtsprogramm wechselt, werde sich ab dem 1. September die Zahl der Klassen, in denen auf Ukrainisch unterrichtet wird, verringern, sagt die Direktorin.

In der Pause erzählen die Jugendlichen der Literaturklasse, dass sie alle in den letzten zwölf Monaten im «ukrainischen Gebiet» waren, um FreundInnen oder Verwandte zu besuchen. Doch sie beschreiben auch die Zeit im Januar und Februar, als die Stadt andauernd beschossen wurde, als die Fenster klapperten und die Wände zitterten. Der Krieg lässt die Jugendlichen nicht los. Es gebe wenig «echte Information», sagt die sechzehnjährige Viktoria. Beide Seiten, die ukrainische und die russische, würden oft übertreiben. «Erst wenn beide Seiten mal zufällig einer Meinung sind, kann man davon ausgehen, dass die Information stimmt.»

In der Schulkantine werden gerade die Teller vom Frühstück abgewaschen, und das Mittagessen wird vorbereitet. Fisch- und Fleischkonserven kommen mit der humanitären Hilfe aus Russland, das Gemüse stammt aus landwirtschaftlichen Betrieben im Donbass.

Es ist nicht nur Russland, das die Menschen in den «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk mit Lebensmitteln versorgt. Auch der aus Donezk stammende Oligarch Rinat Achmetow, der heute in Kiew und London lebt, engagiert sich. Sein Hilfsfonds hat die RentnerInnen in den betroffenen Gebieten in einer Datenbank komplett erfasst: Jeder Rentner und jede Rentnerin kann sich monatlich eine 12-Kilogramm-Tüte mit Konserven, Zucker, Reis und Nudeln an einer der Verteilstellen abholen.

Woher diese Grosszügigkeit? In Donezk gibt es eine weitverbreitete negative Stimmung gegen Oligarchen. GewerkschafterInnen und Linke forderten die Nationalisierung der Bergwerke und Stahlhütten. Doch Russland – mit seinem bestimmenden Einfluss auf die «Volksrepubliken» – hat kein Interesse an grundlegenden Eigentumsveränderungen. Und Achmetow hofft wohl, dass er nach dem Krieg als Wohltäter wieder in seine Heimat zurückkehren kann. Er ist immer noch der reichste Ukrainer, obwohl sich sein Vermögen laut der «Forbes»-Milliardärsliste von 12,3 auf 6,7 Milliarden US-Dollar halbiert hat.

Sein Engagement füllt eine schmerzhafte Lücke. Die von Kiew über die «Volksrepublik» Donezk verhängte Wirtschaftsblockade sei zurzeit die grösste Bedrohung für die Bevölkerung, betonen die Aufständischen. Die Kiewer Banken haben alle Geldautomaten abgestellt. Renten müssen sich BewohnerInnen der aufständischen Provinzen auf ukrainischem Gebiet abholen, was für die alten Menschen faktisch kaum möglich ist. Die ukrainischen Soldaten, die die Grenze zu den selbst ernannten Volksrepubliken kontrollieren, agieren faktisch wie Zollbeamte. Sie verlangen Schmiergelder für «Exporte». Diese Kosten legen die HändlerInnen in Donezk auf die KonsumentInnen um. Der Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens erklärt, dass seine Äpfel in der Ukraine 9 Griwna, bei ihm aber wegen des Schmuggelschmiergelds 25 Griwna (etwa ein Franken) kosten.

Zum russisch-orthodoxen Osterfest, das in diesem Jahr eine Woche nach den westlichen Ostern gefeiert wurde, hat der 48-jährige Igor seine Verwandtschaft aus der Ukraine eingeladen. Um die achtzig Kilometer durch die Pufferzone nach Donezk zu kommen, mussten sich seine Angehörigen vier Wochen lang um Passierscheine bei der ukrainischen Verwaltung bemühen. Nun ist die Freude gross, dass man sich wieder sieht und nach der mehrwöchigen Fastenzeit Hochprozentiges trinken und Fleisch essen kann.

Igor gehört der griechischen Minderheit an. Das ist nichts Ungewöhnliches im Industriegebiet Donbass. «Hier leben 130 Nationalitäten», erklärt Wladimir Kosolapow, Aktivist der Union der linken Kräfte, stolz. Seit der Industrialisierung wurde das Industriezentrum zum Magneten für die Arbeitssuchenden aus der ganzen Sowjetunion. «Ausländerfeindlichkeit kennen wir hier nicht.»

Sein Geld verdient Igor mit einem kleinen Hotel. Dort steigen Kämpfer aus Russland, Journalistinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen ab. Zivile Hotelgäste beherberge er seit über einem Jahr nicht mehr, sagt der Hotelier. Manchmal träumt er vom Auswandern. Aber irgendetwas hält ihn in Donezk. Vielleicht, so vermutet er, ist es der Zusammenhalt unter den Menschen, der während des Kriegs gewachsen sei. Obschon es auch sehr schwierige Zeiten gegeben habe.

Die Polizei war verschwunden

Im Juli und August letzten Jahres sei es richtig schlimm gewesen, erzählt Igor. Da hätten aufständische KämpferInnen mit vorgehaltener Waffe Privatautos beschlagnahmt – für ihre «Armee». Auch sein Hotel sollte «nationalisiert» werden. Doch er konnte es gerade noch verhindern. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum Mitte Mai 2014 habe sich die Polizei von Donezk in Luft aufgelöst. Niemand sei mehr da gewesen, der für Ordnung sorgte. Viele Polizisten hätten sich in das von der ukrainischen Armee kontrollierte Gebiet abgesetzt. Inzwischen gebe es in Donezk eine neue Polizei.

In seinem von bewaffneten Uniformierten bewachten Amtssitz in der Universitetskaja-Strasse gab der Ministerpräsident der selbst proklamierten Volksrepublik Donezk, Alexandr Sachartschenko, Anfang April eine Pressekonferenz. Er sprach über ein geplantes Gesetz, das die Rechte und den Status der Aufständischen festlegen soll. «Alle ungesetzlichen Einheiten» würden jetzt aufgelöst. Wer von den Freiwilligen seine Waffe nicht abgebe oder sich nicht in die Armee der Donezker «Volksrepublik» eingliedere, werde wie ein Plünderer behandelt.

Der Feind hinter der Anhöhe

Die Siedlung Belaja Kamenka liegt südlich von Donezk, etwa auf halber Strecke nach Mariupol. Sie besteht nur aus ein paar verlassenen Häusern. An dem Ort ist jetzt eine Einheit der Aufständischen («opoltschenzi») stationiert. Ein paar Schützenpanzerwagen und frisch ausgehobene Schützengräben sind zu sehen. Zurzeit wird nicht geschossen. Aber es habe Tage gegeben, da hätten die Aufständischen stundenlang in ihren Schützengräben gegessen, erklärt der Zugführer mit dem Tarnnamen Ler.

Der Feind ist nicht sichtbar: Die ukrainische Armee befinde sich in ein paar Hundert Metern Entfernung hinter einer Anhöhe. Die tägliche Anspannung sei höllisch, erzählt der dreissigjährige Nikolai*, der eine Untereinheit der Aufständischen kommandiert. Wenn er etwas lese, habe er es nach einer Minute schon wieder vergessen, so viel Druck habe er im Kopf.

Die Altersspanne bei diesen Aufständischen reicht von 22 bis 55 Jahren. Vom Berg- und Stahlarbeiter bis zum Staatsanwalt sind fast alle Berufe vertreten. Auch zwei Frauen, eine 22-jährige Köchin und eine 45-jährige Frau aus einem Nachbarort, die sich um die Apotheke kümmert, gehören zu der Einheit. Die meisten Männer kommen aus der Ostukraine, einige stammen aus Moskau, andere aus Sibirien. Mehrere Freiwillige erzählen stolz, sie stünden auf der ukrainischen Fahndungsliste. Viele sagen, sie würden nur auf den Befehl warten, endlich angreifen zu können, um ihre Präsenz wenigstens auf das ganze Verwaltungsgebiet Donezk ausweiten zu können. Nur so könne man die Menschen in der Region vor den weitreichenden Artillerieangriffen der ukrainischen Armee schützen.

Die Lebensbedingungen der Opoltschenzi sind hart. Das Wetter ist nass und kalt. Sie leben in sogenannten Semljanki, in Erdhöhlen, drei Meter unter der Erde. Die Bagger, mit denen die Löcher ausgehoben wurden, hätten sie selbst bezahlt, erzählen sie, und auch die Uniformen. Nur ihre Kalaschnikows wurden von der Führung gestellt. Ob auch Waffen aus Russland kommen, darüber will keiner reden.

Die Stille der Ausgangssperre

Man hört von den aufständischen KämpferInnen zwar häufig die Äusserung, sie wollten die ukrainische Armee besiegen und bis nach Kiew ziehen, und die Mehrheit der Menschen in der «Volksrepublik» Donezk fühlt sich zu Russland hingezogen. Aber ebenso stark sind die verwandtschaftlichen Beziehungen ins «ukrainische Gebiet». Wie dieser Widerspruch aufgelöst werden soll, darüber gibt es nur nebulöse Vorstellungen. Doch eines ist klar: Die meisten Menschen in Donezk können sich nicht vorstellen, von der Kiewer Regierung geführt zu werden, die sie seit April 2014 mit Granaten und Raketen beschiessen lässt.

Von zehn Uhr abends bis fünf Uhr morgens ist in Donezk Ausgangssperre. Dann ist es still, und man hört nur das Kläffen der Hunde, das Fauchen der Stahlhütte und in der Ferne das Wummern der Artilleriegeschütze. Weil die örtliche Kokerei nachts einen unsäglichen Gestank verbreitet, bleiben die Fenster geschlossen. Alle hoffen auf Frieden. Aber viele Menschen rechnen damit, dass der Krieg hier bald wieder losgeht. Das ist wohl auch der Grund, warum sich die Hauptstadt der «Volksrepublik» Donezk nur sehr langsam wieder füllt.

* Name geändert.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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