Nr. 34/2014 vom 21.08.2014

Silberne Löffel? Eins an die Löffel!

Die Arbeiterklasse hat in der britischen Popmusik schon lange nichts mehr zu melden: Heute geben reiche Kinder aus Privatschulen den Ton an. Und für die Prolls gibts Castingshows.

Von Klaus Walter

«Wir hatten zehn Schlafzimmer in unserem Haus»: Lily Allen

«Damon Albarn hat einen silbernen Löffel im Arsch stecken.» Mit diesen Worten wies kürzlich der Popsänger James Blunt («You’re Beautiful») darauf hin, dass der frühere Blur-Sänger wie viele britische Popstars ein Kind der Oberschicht ist – und dass Albarn dieses Privileg zu kaschieren sucht, etwa mit einem vorgetäuschten Working-Class-Akzent. Er selbst, sagt James Blunt über James Blunt, sei der Einzige, der seinen Upper-Class-Akzent nicht verberge. Englisch und gute Manieren hat er auf der exklusiven Harrow-Privatschule in London gelernt.

Aber James Blunt steht nicht allein da mit seinem Klassenstolz. Auch Lily Allen zum Beispiel bekennt sich zu ihrer Herkunft aus den besseren Kreisen. Sie hat sogar einen Song darüber gemacht, «Silver Spoon». Darin dreht die Tochter eines populären Schauspielers den Spiess um und trägt ihren vermeintlichen popkulturellen Makel namens Oberschicht mit demonstrativem Stolz vor sich her. Grossspurig wie ein Gangsta-Rapper lässt Lily Allen alle Welt an ihrem Reichtum teilhaben: «Ich komme von einer noblen Privatschule, warum soll ich das verleugnen? Ich kam mit einem silbernen Löffel zur Welt, na und! Wir hatten zehn Schlafzimmer in unserem Haus, ich kann nicht behaupten, dass das Leben nicht einfach ist», tönt sie auf ihrem neuen Album «Sheezus». Nicht ohne ironisch gefärbte Verachtung schaut sie herab auf die da unten.

Freiheit in der Art School

So ändern sich die Zeiten. «Musizierende Arbeiterkinder sind eine verschwindende Minderheit», schreibt der Musiker und Kritiker Robert Rotifer über die neue Klassenlage im britischen Pop. Im Oktober 2010, so hat er in einer Stichprobe nachgerechnet, waren sechzig Prozent der Positionen in den britischen Charts von früheren PrivatschülerInnen besetzt. Eine Karriere als Popstar: In Zeiten des geschrumpften Musikgeschäfts, schreibt Rotifer, bleibe diese Perspektive «finanziell vorversorgten Exprivatschülern wie Mumford & Sons, Lily Allen, Laura Marling, Florence Welch oder Coldplay vorbehalten». Kein Wunder, dass der britische Pop in so einem erbärmlichen Zustand ist – sagen die NostalgikerInnen.

Vielleicht haben sie recht. Das mit den silbernen Löffeln war ja nicht immer so. «I was born with a plastic spoon in my mouth», verkündeten The Who in «Substitute» (1965) mit unüberhörbarem Klassenstolz, ein paar Jahre später besang John Lennon den «Working Class Hero». Wie viele britische Popstars des 20. Jahrhunderts verbrachte Lennon, Sohn eines Schiffskochs, der die Familie im Stich gelassen hatte, prägende Jahre auf der Kunstschule. Dabei war weniger die Kunst prägend, die der spätere Beatle hier kennenlernte, als die ökonomischen wie kulturellen Freiheiten, die die Art School in den sechziger und siebziger Jahren auch Proletarierkindern wie zum Beispiel Bryan Ferry gewährte, dem Sohn eines Landarbeiters. Auch Mick Jagger, Sprössling einer Lehrerfamilie, profitierte von einem Stipendium für eine Kunstschule. Ohne finanziellen Druck konnte er sich der Musik widmen. Später sangen die Rolling Stones in Songs wie «Factory Girl» oder «Salt of the Earth» das Hohelied auf die «hard working people».

Thatcher und der Backlash

Ob Rockmillionäre wie Lennon und Jagger oder später der Diplomatensohn Joe Strummer und der Kunstschulabbrecher Paul Simonon mit The Clash: Der demonstrative Schulterschluss mit der Arbeiterklasse gehörte im britischen Pop des 20. Jahrhunderts zum guten Ton. Der blutige Streik der Bergarbeiter Mitte der achtziger Jahre wurde von der überwiegenden Mehrheit der britischen Popszene unterstützt, mit Solidaritätskonzerten, Geldspenden und symbolischen Aktionen. Nach der Niederlage der Bergarbeiter, die den rasanten Niedergang der Gewerkschaftsbewegung zur Folge hatte und den neoliberalen Backlash beschleunigte, gab es 1985 noch einen Versuch, dem Thatcherismus etwas entgegenzusetzen. Unter dem Namen «Red Wedge» taten sich prominente Musiker wie Billy Bragg, Paul Weller und Jimmy Somerville zusammen, um gegen Jugendarbeitslosigkeit und die antisoziale Thatcher-Politik zu kämpfen. Nach dem erneuten Wahlsieg Thatchers war die Gruppierung am Ende, gescheitert auch an ihrer zu grossen Nähe zur Labour Party.

Picknickkonzert für den Mittelstand

Und heute? Lennon und Strummer sind längst tot, Jagger ist das Idol der Silver Surfers dieser Welt, denen er vorlebt, wie man mit eiserner Disziplin und ein paar Dollars auf dem Konto auch als Urgrossvater noch den wilden Mann spielen kann – Rock ’n’ Roll als neoliberales Selbstoptimierungsprogramm. Paul Weller gibt sogenannte Picknickkonzerte für den gehobenen Mittelstand in gediegen-pittoresker Umgebung, etwa im Audley End House, einem schlossartigen Herrenhaus in der Grafschaft Essex, wo in diesem Sommer auch «The Greatest 80’s Party» stieg. Ebenfalls mit dabei an diesem Nostalgiekonzert vor grossbürgerlicher Kulisse: Heaven 17, die mit «(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang» (1981) einst den Wahlsieg Ronald Reagans kommentiert und zu den Unterstützern des Bergarbeiterstreiks gehört hatten.

Die segensreiche Wirkung der Art Schools für die Blüte des britischen Pop ist heute nur noch Gegenstand wehmütiger Erinnerungen. Die Kunstschule als Experimentierfeld und als Sprungbrett für weniger gut Betuchte, das war einmal. Heute werden in Grossbritannien Studiengebühren von bis zu 9000 Pfund (rund 13 600 Franken) pro Jahr aufgerufen, ein äusserst wirksames Instrument der Auslese. Über Geld wird auch der Zugang zu den Popakademien geregelt. In diesen Lernfabriken wird Popmusik von jeder Unberechenbarkeit befreit, verschult und quantifiziert. Wer es sich leisten kann, wird hier für eine Karriere im Popgeschäft fit gemacht. Die anderen, denen das nötige Geld fehlt, starten im Hoffnungslauf der Hoffnungslosen, auch Castingshow genannt – Brot und Spiele für Grossbritanniens Chavs.

Mittelklasse und Mittelmass

Chavs, so werden die einstigen Helden der Arbeiterklasse heutzutage genannt. Die Abkürzung steht für «council housed and violent», will heissen: Chavs leben in Sozialbauwohnungen und sind gewalttätig. Die neuen Prolls gelten vielen BritInnen als Abschaum, zumal seit den Unruhen im August 2011, als die Söhne und Töchter von anständigen ArbeiterInnen, brandschatzend und marodierend auf der Jagd nach Markenturnschuhen und Flachbildschirmen, jegliche proletarische Etikette vermissen liessen.

Auch in der Popmusik haben ProletInnen schon lange nichts mehr zu melden. Britischer Pop ist «middle class», Mittelmass. Doch wenn man die Damon Albarns dieser Welt mit ihren gefälschten Akzenten hört, gibt es offenbar immer noch eine grosse, ungestillte Sehnsucht nach der guten alten Arbeiterklasse. Es ist diese Sehnsucht, die 1995 eine Studentin aus gutem Hause umtreibt, als sie sich, gesegnet mit einem üppigen Erbe, auf die Suche nach den kleinen Leuten macht. Sie steigt runter von ihrem privilegierten Ross, hinab zu den gewöhnlichen Leuten, mit denen will sie leben, reden, Sex haben. Diese Geschichte erzählt Jarvis Cocker, der grosse Chronist britischer Klassenverhältnisse, in «Common People». Der Song wird zum grössten Hit seiner Band Pulp und ist bis heute ein Menetekel auf den Untergang der britischen Arbeiterklasse, wie wir sie kannten, und auf den Phantomschmerz, den dieser Untergang hinterlassen hat. Denn sie will ja nicht verschwinden, die sozialromantische Sehnsucht nach der Übersichtlichkeit fordistischer Verhältnisse, nach «working class heroes» alter Schule.

Wut über die britische Politik

Davon zeugt der erstaunliche Erfolg von zwei nicht mehr ganz jungen, aber dafür umso zornigeren Männern mit einem komischem Zungenschlag, der die britische Provinz verrät. Jason Williamson steht zu seinem Akzent. Der Sprechsänger der Sleaford Mods kommt aus den Midlands, das Idiom dieser Region ist in Grossbritannien ungefähr so angesehen wie hierzulande der Thurgauer Dialekt oder wie in Deutschland das Sächsische (siehe WOZ Nr. 21/14).

Jason Williamson hasst Leute, die in falschen Akzenten reden, «egal ob sie jemanden aus East London imitieren oder Lou Reed». So zitiert der Kulturtheoretiker Mark Fisher die Sleaford Mods im britischen Magazin «Wire». Fisher stammt selbst aus den East Midlands, nicht weit von Sleaford, und erzählt im Interview von einem wohlwollenden Dozenten, der ihn auf sein «Sprach- und Akzentproblem» hingewiesen habe. Also hat er sich den Akzent abtrainiert und jetzt dafür ein schlechtes Gewissen. Klassenverrat. Bei den Sleaford Mods sei der Midland-Sound Ausdruck ihres Klassenbewusstseins und ihrer Wut über die britische Politik, so Fisher.

Heute regieren silberne Löffel den britischen Pop, die Coldplays und die Mumford & Sons mit ihrem Manufactum-Folk für Freunde der Nachhaltigkeit. «Wer wird die Wut und die Frustration der Sleaford Mods aufgreifen?», fragt Mark Fisher. «Wer kann diese Wut in ein neues politisches Projekt konvertieren?» Bei dieser Klassenlage kann es nur eine Antwort geben: Kein Mensch. Zu marginal ist die Position der Sleaford Mods, zu wenig massenkompatibel ihr brachialer Sound. «Faustkämpferisch», so umschreibt Mark Fisher ihre rohe Energie: mit blossen Fäusten gegen die grosse Maschine.

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