Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Frohgemut soll der lokale Tausch uns retten

Scharfe Kritik an der herrschenden Wirtschaftslogik und lockende Beispiele lokaler Ökonomie: Philipp Löpfes und Werner Vontobels neuste «Abrechnung» ist eine süffige, lohnende Lektüre.

Von Stefan Howald

Dieses Buch beginnt vielversprechend, im Doppelsinn. Nichts mehr als eine neue Wirtschaftsordnung sei nötig, weg von der zerstörerischen globalen Geldwirtschaft und Überflussgesellschaft. Diese neue Ordnung wird auch gleich skizziert. «Vielmehr geht es darum, die ganze Palette der Bedürfnisse ins Auge zu fassen und sich zu fragen, welche sozialen Organisationsformen welche Bedürfnisse am besten abdecken.»

Philipp Löpfe und Werner Vontobel haben sich seit längerem als linksliberale Ökonomen und Kritiker der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin profiliert und mehrere Bücher miteinander verfasst. Ihre jüngste «Abrechnung», so der Untertitel, verbindet ökonomischen Sachverstand mit einer eingängigen Sprache und vielen eindrücklichen Beschreibungen sozialer Verheerungen, etwa aus dem Nahrungsmittelsektor oder aus dem Versandhandel.

Volkswirtschaftliche Sicht

Löpfes und Vontobels Kritik ist vorerst einmal ökonomisch. Gegen die betriebswirtschaftliche und monetaristische Verblendung führen sie eine volkswirtschaftliche, gesamtgesellschaftliche Sicht ins Feld. Das aktuelle Zentralproblem sind die chronischen Finanzüberschüsse der Unternehmen, die durch Privathaushalte und Staaten kompensiert werden müssen. Dies äussert sich in der zunehmenden sozialen Ungleichheit und der Staatsschuldenkrise. Die Unternehmen investieren zu wenig und liefern sich bloss einen «Ausbeutungs- statt einen Effizienzwettbewerb». Die durch die technologische Entwicklung reduzierte Arbeitsmenge wird nicht kompensiert, sondern zwingt die Menschen in die Arbeitslosigkeit.

Das Rezept der Autoren ist zum einen eine eher traditionelle Steigerung der (Geld-)Nachfrage durch Lohnerhöhungen, zum andern eine stärkere Berücksichtigung der nicht monetären Wirtschaft. Dieser gordische Knoten soll mit der Hinwendung zur lokalen Wirtschaft aufgeknüpft werden. Ihr vollständiges Programm lautet: «Förderung der lokalen anstelle der globalen Nachfrage, Verbesserung der Qualität der Arbeit (mehr Selbstbestimmung, geregelte Arbeitszeiten etc.); Rückgang der bezahlten Arbeit organisieren; Stärkung der lokalen und familiären Netze.»

Da bleiben ein paar Lücken: Die Rolle des Nationalstaats wird nur gestreift, länderübergreifende ökologische Probleme tauchen nicht auf. Und ob Lokalwährungen den Übergang zur lokalen Wirtschaft organisieren können, erscheint zweifelhaft. In der Einschätzung der aktuellen Entwicklungsrichtung schwanken die Autoren. Einerseits malen sie das Schreckbild eines «Techno-Feudalismus» an die Wand und warnen davor, all die Fantastereien der Technomogule über die Besiedlung des Weltraums und die Verquickung von menschlichem und elektronischem Geist zu unterschätzen. Andererseits versichern sie, die Entwicklung gehe bereits in die Richtung lokalen Wirtschaftens.

Anstösse zum Nachhelfen

Dafür werden hoffnungsfroh Beispiele aufgehäuft. Das Urban Gardening in der englischen Kleinstadt Tormoden steht neben der chinesischen «Ökostadt», die bei der Metropolitanregion Tientsin für 350 000 EinwohnerInnen «aus dem Boden gestampft» wird – obwohl der NZZ-Artikel, auf den sich die Autoren berufen, kritisch einwendet, dass die Stadt nur zu zwanzig Prozent mit erneuerbaren Energien leben wird, dort gegenwärtig bloss trostlose Hochhäuser herumstehen und das ganze Projekt von der Anbindung an den benachbarten Finanzdistrikt abhängt, der in die Krise geraten ist.

Die «Reformagenda» pappt dann notdürftig neun knappe Punkte zusammen, macht aber immerhin die Stossrichtung klar. Das Buch endet mit zwei frohgemuten Sätzen: «Obwohl starke Kräfte hinter der Globalisierung stehen, ist sie ein Auslaufmodell. Wollen wir sie loswerden, müssen wir ein wenig nachhelfen.» Das mit dem Auslaufmodell ist leider schon ein paarmal versprochen worden. Um die Globalisierung loszuwerden, muss man wohl mehr als ein wenig nachhelfen. Aber ein paar Anstösse dazu liefert dieses Buch doch.

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