Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Ramen, ihr Kathooligans!

Eine Predigt.

Von Etrit Hasler

Es gibt eigentlich kein dümmeres Bonmot als jenes, dass Fussball eine Religion sei. Ich zum Beispiel bin ein völlig unreligiöser Mensch, bin – doppelt gemoppelt – Mitglied bei den FreidenkerInnen und bei den SkeptikerInnen und mag Fussball dennoch. Q. E. D. Sehen Sie? Das ist ein rationaler Beweis, der auf logischen Lehrsätzen basiert: 1. Fussball ist Religion. 2. Ich bin nicht religiös. 3. Folglich bin ich kein Fussball.

Verdammt. So einfach ist es dann wohl doch nicht. Ich gebe ja gerne zu, dass die Begeisterung, die Sport bei Menschen auslösen kann, nicht rational beschrieben werden kann. Meine Lieblingssportart ist ja Sumoringen, das versteht sowieso niemand. Und nein, ich bete keine dicken Männer in Unterhosen an. Meine Hingabe an das fliegende Spaghettimonster verbietet mir das.

Wobei – es gibt durchaus Parallelen. Genauso wie der Katholizismus wurde der Fussball von den Britischen Inseln in die Schweiz gebracht. Bei uns in St. Gallen war das im ersten Fall der Wandermönch Gallus, und im zweiten Fall waren es wahrscheinlich ein paar britische Studenten.

Ob diese schon in die Kategorie früher Hooligans fielen, ist leider nicht überliefert. Bei Gallus sind die Quellen schon etwas eindeutiger – immerhin ist dieser nicht zuletzt dafür bekannt, dass er in Arbon einst heidnische Statuen in den See schmiss. Das ist ja irgendwie auch nichts anderes, als wenn Fussballfans gegenseitig ihre Zaunfahnen schänden.

Auch im 20. Jahrhundert gab es noch solche Wandermönche. Hans «Juan» Gamper zum Beispiel. Der ursprünglich aus Winterthur stammende Frühfussballer gründete erst den FC Zürich und später den FC Barcelona – ob er in der Zeit dazwischen auch noch den FC Basel gründete (was die Erklärung dafür wäre, dass die beiden Vereine die gleichen Vereinsfarben haben), ist leider nicht geklärt, was aber dem Mythos keinen Abbruch tut. Was irgendwie noch zu einer Religion passt. Oder haben Sie das Gründungsprotokoll der katholischen Kirche schon einmal gesehen?

Und klar, gerade FussballerInnen scheinen für Religion ziemlich anfällig. Das betrifft jetzt nicht nur die BrasilianerInnen, auch Johan Vonlanthen hats schon erwischt. Und sogar David Beckham hat ein Tattoo von Jesus. Nun gut, Beckham trägt auch den Schriftzug «Brooklyn» dort, wo eigentlich ein sogenanntes Arschgeweih hingehört. Und ihm und seiner Frau Victoria wurde in Indien tatsächlich schon einmal ein Schrein gewidmet. Das hat aber wahrscheinlich nichts mit Fussball zu tun, sondern damit, dass die beiden einfach scharf aussehen. Und ja – Homophobie mag auch etwas sein, was der Fussball und Religion gemeinsam haben.

Der britische Komiker John Oliver hat kurz vor der WM noch eine weitere Parallele in den Raum geworfen: Der Weltfussballverband Fifa, also die «Kirche» des Fussballs, wird von einem Mann geführt, der sich selbst als unfehlbar versteht und südamerikanische Nationen dazu nötigt, unnötig viel Geld auszugeben, um sich damit opulente Kathedralen zu bauen. Aber der Vergleich ist einfach nur daneben. So bösartig ist die katholische Kirche dann doch wieder nicht.

Ganz im Ernst: Ich gebe ja zu, dass es zur Genüge Parallelen gibt. Die schlechte Singerei, das Gemeinschaftsgefühl, die Tendenz, wild gewordene Mobs hervorzubringen. Der rituelle Konsum von Alkohol. Schlechte Kommentatoren. Aber all das macht die These auch nicht wahrer. Denn – das wissen wir doch alle – Religion bringt auch Frieden. Innere, geistige Ruhe. Und Erlösung. Versuchen Sie das mal mit Fussball – vergessen Sies. Oder haben Sie schon einmal einen zufriedenen YB-Fan gesehen? Sehen Sie – ich auch nicht. QED. Oder wie das fliegende Spaghettimonster zu sagen pflegt: Ramen. Und jetzt geht hin und vermehret euch. Schliesslich braucht die Schweizer Nati bald wieder neue Fussballer.

Etrit Hasler glaubt nicht an Fussball.

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