Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Apropos WM

Etrit Hasler erzählt, was bisher geschah

Von Etrit Hasler

Für den Fall, dass Sie sich bisher unter einem Stein (oder aber gemäss meinem Rat in einer WM-freien Beiz) versteckt haben, lassen Sie mich Ihnen kurz die Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten liefern, die Sie in den letzten zwei Wochen WM-Zirkus verpasst haben:

Cristiano Ronaldo ist eine Heulsuse, und sein Mannschaftsgefährte Pepe ist ein Soziopath. Und Menschen, die Thomas Müller heissen, werden automatisch Nationalstürmer. Die einen in der deutschen Mannschaft und die anderen als Stadtpräsident von Rorschach. Wenn Sie das Wortspiel nicht verstanden haben, ist Ihre Gemeinde wohl noch Mitglied in der Skos.

Apropos Stürmer: Der erfolgreichste deutsche Torschütze aller Zeiten ist ein Pole.

Apropos Migration: Wenn zwei Mannschaften mit hohem Migrantenanteil gegeneinander antreten (wie zum Beispiel Frankreich gegen die Schweiz), gewinnt anscheinend diejenige, in deren Land die rechtsextreme Partei weniger Wähleranteile hat. Das sollte uns durchaus zu denken geben. Wenigstens bedeutet es jedoch, dass Frankreich im Viertelfinal gegen Deutschland grandios verlieren wird.

Apropos verlieren: Die höchste Niederlage einer Mannschaft in der Vorrunde, die trotzdem in die Finalrunde einziehen konnte, wäre nicht die 5:2-Tracht Prügel, die die Hitzfeld-Nati bezogen hat. Deutschland verlor 1954 gegen Ungarn mit 8:3 in der Vorrunde – und wurde noch Weltmeister. Nicht dass ich glaube, dass die Schweizer Weltmeister werden, aber das wollte ich als kleine Aufmunterung für unsere durchaus sympathische Mannschaft in den virtuellen Raum werfen.

Apropos Weltmeister: wird natürlich Brasilien. Und wenn Sepp Blatter jeden einzelnen Schiedsrichter persönlich schmieren muss. Schliesslich braucht er die Stimmen der SüdamerikanerInnen, wenn er für seine 157. Amtszeit als Fifa-Präsident gewählt werden will. Die Tatsache, dass er am Fifa-Kongress versprochen hat, dass es eines Tages «interplanetare Wettbewerbe» geben werde, sollte klarmachen, dass es nicht seine letzte sein wird.

Apropos Fifa: Die WM ging los mit einem Paukenschlag. Ich meine nicht das Eröffnungsspiel, sondern die Sperre von Ex-Blatter-Spezi und Sportbotschafter der russischen Gasproduzenten Franz Beckenbauer. Dieser wurde neunzig Tage von allen Fussballaktivitäten gesperrt, weil er sich weigerte, dem Fifa-Chefermittler Auskunft zu erteilen. Man muss sich die körperlichen Schmerzen einmal vorstellen, die ihm diese Massnahme beschert. Also sich nicht an der WM mit seinem Cheshire-Cat-Grinsen zeigen zu dürfen. Nicht, keinen Fussball zu schauen.

Apropos körperliche Schmerzen: Habe ich schon erwähnt, dass Cristiano Ronaldo eine Heulsuse ist? Soll sich mal ein Vorbild an Steve von Bergen nehmen. Der hat ‘nen Schuh ins Gesicht gekriegt und kein Tränchen verdrückt.

Apropos Tränen: Gehen Sie mal in den Zürcher Zoo, und schauen Sie sich die Ameisenbären an. Die kommen von dort, wo die Fifa für diese WM mitten in den Dschungel ein Stadion gebaut hat. Ich hege zwar meine Zweifel, ob es daran liegen soll, aber ich habe noch nie ein Tier mit so traurigen Augen gesehen.

Apropos Augen: Lassen Sie sich bloss keinen Rasierschaum in die Augen sprühen (Tschuldigung, WM-Witz). Die WM ist eine riesige Nebelgranate. Wer nicht genau hinschaut, wird sich eventuell im Nachhinein die Augen reiben. Die Deutschen, weil in ihrem Land plötzlich Fracking erlaubt wurde. Die BrasilianerInnen, weil ihnen dann wieder in den Sinn kommt, dass diese WM ihr Land ärmer, nicht reicher gemacht hat. Wir, weil wir plötzlich wieder vergessen haben, dass der Sumpf der Korruption, in dem sich die Fifa wälzt, von unseren Gesetzen ermöglicht wird. Und der Ameisenbär, weil er sich fragen muss, wieso jetzt ein leeres Stadion dort steht, wo er früher gewohnt hat.

Etrit Hasler ist froh, wenn der ganze Zirkus wieder vorbei ist und er wieder über Sumoringen schreiben darf. Und über nicht ganz so traurige Ameisenbären.

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