Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Keine Bewegung

Wege aus dem «Dichtestress»

Von Bettina Dyttrich

Es tropft von den Bäumen. Der Hund ist irgendwo im Unterholz verschwunden. Die Himbeeren wären reif, aber sind zum Ernten zu nass. Zum Glück ist das Heu drin, gerade noch geschafft an den wenigen heissen Tagen Mitte Juli. Seit Tagen kommt niemand mehr vorbei, nicht einmal ein Mountainbiker. Der Briefkasten steht auf der anderen Seite der Sumpfwiese, zehn Minuten vom Haus entfernt. Als wir zurückkommen, sind wir pflotschnass.

Wir sind hier nicht am Ende der Welt, bloss unter dem Napf, auf einer Waldlichtung auf 1100 Metern über Meer. Geologisch gesehen noch nicht einmal in den Alpen. Der Napf ist einer dieser beliebten Berge vor den richtig hohen Bergen, und es gibt Leute, die jede Woche hochsteigen und sehr alt werden. Wer die obersten, hintersten Parkplätze benutzt, ist in einer Stunde oben. Also wirklich nicht das Ende der Welt. Und die Mountainbikeroute direkt vor dem Haus. Bikerfamilien machen Selfies mit den Freilandschweinen. Vor den Kühen haben sie Angst.

Ich weiss schon, was die Leute meinen, die «Dichtestress» sagen. Aber der Stress scheint mir mehr von Beton und Motoren zu kommen als von den Menschen und ihren Körpern. Je mehr die Menschen herumfahren, desto mehr kreuzen sie sich, desto enger wirkt alles. Wenn alle einmal eine Weile lang nur ihre Körper zur Fortbewegung nutzen würden, wäre der Stress auf einen Schlag weg. Autofreie Sonntage wären ein guter Anfang, aber eigentlich müsste es länger dauern. Ich habe es ausprobiert.

Und mir fällt auf, wie einfach es ist, aus der Dichte zu verschwinden. Wenn ich allein im Gebüsch sitze und Heidelbeeren sammle – sie sind dieses Jahr riesig dank des vielen Regens –, ist es mir egal, wenn auf dem Weg Leute vorbeiwandern. Sie sehen mich ja nicht. Dieses Spiel gefiel mir schon als Kind. Die Schweiz wird dort weit, wo die Fahrstrassen aufhören. Und wer den Napf zu bevölkert findet, kann immer noch in die Südalpen, in eines jener fast überhängenden Täler zwischen Riviera und Verzascatal. Dort bin ich das letzte Mal nur einem misstrauischen Wildhüter und einem Soldaten begegnet. Der war allerdings ziemlich geschwätzig.

Ich verstehe das Bedürfnis, beim Wandern allein zu sein. Nur gehen die meisten Leute dabei falsch vor. Zuoberst, auf den Gipfeln und Höhenwegen, ist man selten allein. Allein ist man unterhalb des obersten Parkplatzes, unter der Seilbahnstation. Wer allein sein will, muss vom Tal aus aufsteigen und die steilen Wälder suchen.

Wenn Sie allein sein wollen, suchen Sie sich einen steilen Waldweg, warten Sie auf schlechtes Wetter, und ziehen Sie sich wasserfest an. Sie werden keinem Menschen begegnen. Ausser vielleicht mir.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin und Hilfsgeissenhirtin.

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