Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Den Tod umarmen

Frau Vogel wählte den Freitod. Es berichten ihr Mann und ihre Spitex-Pflegerin. Und eine Exit-Mitarbeiterin spricht über die Sterbebegleitung im Allgemeinen und entgegnet der verbreiteten Kritik.

Von Corinne Riedener (Text) und Alina Günter (Illustrationen)

Die Ereignisse des 5. September 2013

Aus der Erinnerung der Anwesenden: Es ist acht Uhr, als der Wecker klingelt. Frau Vogel (Name geändert) zerrt an der Sauerstoffmaske, entdeckt ihren Mann, der bereits angezogen am Fussende sitzt. Rasch umrundet er das Bett und nimmt ihr die lästige Maske vom Gesicht. Dann öffnet er die Fenster, wirft einen langen Blick hinaus. Ein herber Wind kündigt den Herbst an – jene Jahreszeit, die dem Bodensee endlich wieder sein blaugrünliches Grau verleiht. Gedankenverloren leert er ihren Urinsack, holt Wasser und Seife, eilt zurück ins Schlafzimmer und sieht, wie sie sich an den Seilen über dem Bett festklammert.

Früher hat sie sich daran hochziehen können. Jetzt erinnern sie ihn an die Vergänglichkeit. Schweigend hilft er ihr aufzusitzen, versorgt den welken Körper, streicht ihr kurz über die Wange und wickelt sie in den Bademantel. Dann eilt er in die Küche, wo er wie jeden Morgen ein ausgiebiges Frühstück zubereitet, sie kommt nach mit dem Rollator. Aber Brötchen, Aufschnitt und Konfitüre bleiben unberührt an diesem Morgen, auch das Insulin und die anderen Medikamente. Sie sitzen nur da, tauschen Blicke statt Worte. Dann ist es neun Uhr.

«Wollen Sie wirklich sterben, Frau Vogel?», erkundigt sich die Freitodbegleiterin, als sie den Mantel abgelegt hat. Frau Vogel nickt. Ihr Entschluss steht fest, seit Wochen schon. Gelassen unterzeichnet sie die Freitoderklärung, dann gehen sie zu dritt ins
 frisch gelüftete Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett setzen, Frau Vogel in der Mitte. Wie besprochen, reicht ihr die Begleiterin eine Tablette gegen den Brechreiz und verschwindet im Bad. Herr Vogel legt behutsam den Arm um seine Frau, sie lächelt ihn an. «Endlich darf ich heimgehen.» Nach diesen Worten verharren sie, bis die Begleiterin wenig später mit dem Glas Wasser zurückkommt, in dem sich das tödliche Schlafmittel befindet. Sie setzt sich wieder dazu, lässt sich ein letztes Mal den Sterbewunsch bestätigen, und reicht Frau Vogel schliesslich das bittere Medikament. 15 Gramm Natrium-Pentobarbital – genug, um eine 300 Kilogramm schwere Person zu töten. Instinktiv drückt Herr Vogel seine Frau an sich, als sie das leere Glas von sich streckt. Sie darf sich nun hinlegen, die Augen schliessen. Sechs Minuten später ist Frau Vogel für immer eingeschlafen. Sie wurde 78.

Frau Vogels Spitex-Pflegerin erzählt

«Als Pflegefachfrau bei der Spitex bin ich fast täglich in irgendeiner Form mit dem Tod konfrontiert. Nach zwanzig Jahren in diesem Beruf weiss ich: Der Tod ist nicht von grosser Bedeutung, sondern die Person davor, ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken. Frau Vogel habe ich immer als sehr tapfere, zurückhaltende Frau erlebt. Sie war, wenn ich mich recht erinnere, fast zehn Jahre lang unsere Patientin, abgesehen von diversen Spitalaufenthalten und einer Auszeit im Alters- und Pflegeheim. Weil ihr Mann damals ziemlich an seine Grenzen gekommen ist – was ich häufig erlebe. Jedenfalls war sie ein Fall von Polymorbidität, das heisst Mehrfacherkrankungen. Unter anderem litt sie an Herz- und Lungeninsuffizienz, Osteoporose, Diabetes Typ 2 und Übergewicht, Frau Vogel war also von Medikamenten, Therapien und ständiger Betreuung abhängig. In den letzten Jahren besuchte ich – oder eine Kollegin – sie in der Regel zweimal pro Tag: eine Stunde am Morgen und eine halbe am Abend. In der Zwischenzeit hat ihr Mann für sie gesorgt. Selbst wenn wir da waren, hat er wenn immer möglich mit angepackt, im Badezimmer etwa, wenn sie mit dem Duschbrett über der Wanne sass, zwei- bis dreimal pro Woche.

Auch abseits des Pflegealltags wurde Frau Vogels Leben von ihrer körperlichen Verfassung bestimmt. Die guten Tage verbrachte sie gerne im Garten, auch wenn es von Jahr zu Jahr weniger wurden. Sonst hat sie gerne gelesen, ein wenig aufgeräumt oder in der Küche geholfen, wenn es ihr möglich war. Mental war sie relativ fit, zumindest hat sie sich stets sehr klar ausgedrückt. Wobei ich in den letzten Monaten auch eine zunehmende Traurigkeit spürte. Es fiel ihr sichtlich schwer, die chronischen Schmerzen, den Sauerstoffmangel und die ständige Abhängigkeit zu ertragen. Ich glaube, letztlich waren es die wiederholten Komplikationen im August 2013, die sie zum Freitod bewogen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ja stets betonte, dass ein Heim- oder Spitalleben für sie nicht infrage kommt. In meinem Alltag kommt es aber eigentlich relativ selten vor, dass jemand den Sterbewunsch so explizit äussert wie Frau Vogel. Vermutlich können es viele auch gar nicht mit dieser Klarheit aussprechen. Ich spüre es jedenfalls häufiger unterschwellig – wenn zum Beispiel Feststellungen kommen wie ‹Eigentlich ist es nicht mehr lebenswert …› oder ‹Langsam wäre es an der Zeit, dass ich gehen darf …›. Aber solche Aussagen sind mehr auf der Schicksalsebene zu verstehen, glaube ich, weniger als realer Todeswunsch.»

Bei Herrn Vogel zu Besuch

«Man darf ja kaum laut sagen, wie schön dieses Sterben eigentlich ist», sagt Herr Vogel ein Jahr nach dem Freitod seiner Frau. Nachdenklich betrachtet er ihr Konfirmationsfoto auf dem sorgfältig gedeckten Wohnzimmertisch. Der achtzigjährige Ostschweizer ist überzeugt, dass seine Frau richtig entschieden hat, als sie im August 2013 Kontakt zu Exit aufgenommen hat, acht Jahre nach ihrem Beitritt. Auch er ist Mitglied der Sterbeorganisation, befasst sich aber schon seit über vierzig Jahren mit dem Thema.

Wäre es nach den GegnerInnen der Freitodbegleitung gegangen, hätte Frau Vogel weder die Sterbeerlaubnis noch das Sterbemittel erhalten. Ginge es nach Exit, sollten Hochbetagte zumindest einen «erleichterten Zugang zu Sterbemitteln» haben, ohne Arztzeugnis wie heute im Betäubungsmittelgesetz verlangt. Auch Frau Vogel musste für ihre Erlaubnis notgedrungen einen zweiten Arzt aufsuchen. Für ihren Mann ist das der Kern des Problems: «Sterben, verfassungsgemäss ein Recht der Selbstbestimmung, wird durch solche amtlichen Hürden verwehrt», kritisiert Vogel. «Dadurch leiden Unzählige sinnlos beim Warten.» Er wünscht sich seit Jahren einen pragmatischeren Umgang mit dem Freitod und begrüsst entsprechend auch den jüngsten Beschluss der Generalversammlung von Exit: Die Organisation will sich künftig stärker für den erleichterten Freitod im Alter einsetzen – ein altes Anliegen aus den Reihen der Mitglieder, seit Mai offiziell breit abgestützt und in den Statuten verankert.

«Ehrlich gesagt, hätte ich gar nie so tapfer durchgehalten wie meine Frau», sagt der Witwer und blättert in seinen Unterlagen. «Als der Termin feststand, konnte sie es gar nicht mehr erwarten.» Er zieht die Trauerkarte aus seinen Papieren. Ein Rilke-Gedicht hat er ihr auf den Weg mitgegeben und einen herbstlichen Wald. Innen viele dankende Worte für ÄrztInnen, Spitex und FreundInnen, ganz oben steht ein ganz kleines «Danke für das letzte Geleit» an ihre Sterbebegleiterin. Die sei sehr kompetent und gründlich gewesen, versichert er. Selbst ihn habe sie unter die Lupe genommen und seiner Frau mehrmals versichert, dass sie rund um die Uhr anrufen könne, falls sie Probleme mit ihrem Mann oder der Situation habe. «Sie wollte wohl herausfinden, ob ich meine Frau bedränge», meint Vogel und lacht. «Dann hätte meine Frau wohl kaum bis zuletzt noch Galgenhumor bewiesen.» Was sie geantwortet habe, als die Sterbebegleiterin beim letzten Anruf fragte, wie es ihr gehe? «Immer gleich schlecht. Ich bin jetzt bereit.» Daraufhin habe sie den Hörer hingelegt, gelächelt und ihn gebeten, den Sterbetermin auszumachen.

Vogel berichtet noch lange vom Alltag nach diesem Anruf. Dass sie nie gross über den Tag X gesprochen haben, dass sie irgendwie die Vorstellung hatten, es sei wie eine Vollnarkose – nur ohne Erwachen, oder wie sie sich an den Abenden manchmal gefragt haben, ob sie das mit diesem Sterben wohl richtig angehen aus der Sicht ihres Schöpfers. Dass sie letztlich immer überzeugt waren, das Richtige zu tun. Früher hätten sie einander oft vorgelesen, sagt er. Sie habe immer gerne gelesen. «Ich bin ihr unendlich dankbar für die schöne Zeit davor. So konnten wir gemeinsam abschliessen, auch mit dem Leiden.» Liebe sei nur ein Hülsenwort, «vermag nicht zu Bündeln all gesprochen Wort». Herr Vogel hat Gedichte geschrieben zur Trauerbewältigung.

Eine Exit-Mitarbeiterin berichtet vom Sterbealltag

«Ich höre oft von Angehörigen, dass sie eine extrem gute Zeit hatten im Vorfeld eines Freitods», sagt Susanna Schmid. Die 66-Jährige ist seit fünf Jahren ehrenamtlich für Exit tätig und unterstützt als Sterbebegleiterin ihre KlientInnen auf dem letzten Weg. Die Vogels kennt sie nicht, aber sie kennt viele ähnliche Fälle. «Ganz bewusst Abschied zu nehmen, gehört einfach dazu. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, wieso viele Menschen eine solche Angst davor haben, irgendwo unvorbereitet unter Morphineinfluss hinüberzuschlafen.»

WOZ: Die Leute gehen aus Angst zu Exit?
Susanne Schmid: Wer zu uns kommt, ist vor allem eines: reflektiert. Exit-Mitgliedern geht es einerseits um Selbstbestimmung, andererseits haben sie Mühe mit der hochgepuschten, technologisierten Medizin. Salopp gesagt fürchten viele, nicht mehr herauszukommen, wenn sie erst in ihren Fängen sind.

Sie sind seit fünf Jahren Freitodbegleiterin. Was befähigt Sie dazu?
Zunächst einmal die einjährige Ausbildung bei Exit und das dazugehörige Assessment. Ausserdem haben wir ein Coachingsystem, Fallbesprechungen, Fortbildungen und ein mehrtägiges Pflichtseminar einmal pro Jahr.

Und die menschlichen Qualifikationen?
Natürlich ist neben der Fach- auch die Sozialkompetenz gefragt. Ferner Lebenserfahrung, die Fähigkeit zur Abgrenzung und auch eine gewisse finanzielle, soziale und emotionale Stabilität. Das ist auch ein Grund, weshalb wir im Schnitt etwa fünfzig bis sechzig Jahre alt sind.

Was, wenn Sie selber psychologischen Rückhalt brauchen?
Natürlich ist es auch eine Beanspruchung. Die Freitodbegleitung erfordert enorme Präsenz, zehrt an der Substanz, oft bin ich danach total erschöpft. Es ist weniger der Tod, sondern vielmehr die Vorgeschichte, die mich dann traurig oder betroffen macht. Exit hat zwar ein Betreuungsangebot, mir persönlich ist der Austausch mit Kolleginnen oder Vorgesetzten wichtiger.

Bis 2008 waren Sie Jugendanwältin im Kanton Aargau. Von der Jugend zum Tod …
In beiden Berufen geht es um Selbstbestimmung respektive um den Weg dorthin. Schon damals wollte ich lieber Gespräche führen als Akten wälzen. Die psychologisch-pädagogische Herangehensweise bei der Auseinandersetzung mit dem Tod ist jedenfalls äusserst wichtig, um selbstbestimmt mit dem eigenen Tod umzugehen.

Aktuell sagen die Ärzte, was Leiden ist. Sie bestimmen, ob und weshalb jemand zum Freitod berechtigt ist. Sie hingegen wollen, dass die Leute das selber entscheiden.
Sicher dann, wenn es um den Altersfreitod geht, wie es das frisch verankerte Exit-Statut fordert. Konkret setzen wir uns dafür ein, dass künftig auch Betagte mit mehreren Krankheiten, die erst in der Summe zu unerträglichen Beschwerden führen, erleichterten Zugang zu einem Sterbemittel erhalten. Knackpunkt ist das ärztliche Zeugnis – dafür bräuchte es eine Gesetzesrevision. Der Altersfreitod ist somit zwar vielerorts gängige Praxis, braucht aber nach wie vor den ärztlichen Segen.

In Herrn Vogels Wohnzimmer

Die Sterbebegleiterin hat, wie vorgeschrieben, gleich nach Frau Vogels Tod den Amtsarzt und die Polizei informiert. Herr Vogel sagt, er habe nur noch funktioniert in den Stunden danach. Getrauert habe er später. «Ich war voller Liebe bei ihr, bis zuletzt, und habe miterlebt, wie sie mit einem ganz tiefen Frieden eingeschlafen ist.» Dann sei er für den Rest des Tages aus Selbstschutz in den Arbeitsmodus gekippt, sagt der ehemalige Kaufmann. «Vermutlich.» Jedenfalls habe er geholfen beim Einsargen und Organisieren und beim Ausfüllen der Formulare. «Irgendwie musste ich wohl die Tränen stoppen.» Als wenig später ein Streifenwagen in die Auffahrt rollte und die Nachbarn an ihre Fenster lockte, musste Herr Vogel dennoch einen Moment um seine Fassung ringen. «Wenigstens ihre Sirene hatten sie abgestellt», sagt er heute. «Trotzdem. Unsäglich.»

Vogel verbarg seine Empörung, wusste aber, dass Beamte andernorts für solche Fälle schon seit einiger Zeit unbeschriftete Wagen haben. Auch sonst weiss er einiges zu berichten aus der mittlerweile vierzigjährigen Suiziddebatte in der Schweiz, von allerhand Details und Persönlichkeiten, Paragrafen, Urteilen, Vorstössen und Statistiken. Peter Baumann habe er zum Beispiel noch gekannt, sagt Vogel: «Ein Mann, der sich mit seiner zu mutigen Vorgehensweise in Schwierigkeiten gebracht hat.» Der 2011 verstorbene Psychiater – seit den siebziger Jahren hartnäckiger Befürworter voller Sterbeautonomie – hatte mehrfach rezeptfrei Suizidhilfe geleistet, wurde nach diversen Verfahren 2009 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. 2010 hat ihn das baselstädtische Kantonsparlament begnadigt. Er habe im Graubereich gehandelt, so eine der Begründungen.

Auf Herrn Vogels Wohnzimmertisch stapeln sich Zeitungsberichte, Briefe und Unterlagen, nach Stichworten geordnet, von Hand beschriftet. Er sei bestens vorbereitet in Sachen Sterbekultur, erklärt er und bündelt seine Briefe wieder. «Wissen Sie», sagt er mit Nachdruck und zeigt auf seine Brille, «wenn ich dann richtig erblinde, werde ich ohne Zögern bei Exit anklopfen.» Früher habe er anders gedacht, trotz chronischem Augenleiden, aber die jüngsten Ereignisse hätten ihn umgestimmt. Aufgewühlt berichtet er von Komplikationen im Mai und wie er deshalb sein Auge verloren habe, dass er fast eine ganze Woche lang blind gewesen sei und sich seither ständig frage, wie lange er seine Hobbys, das Lesen und Schreiben, noch pflegen könne – jetzt, wo das andere Auge auch noch gefährdet sei. «Ich muss doch nützlich sein können, damit mein Leben einen Wert hat», erklärt Vogel. «Anderen eine Last sein, ob emotional, finanziell oder organisatorisch, würde mich unglücklich machen – was natürlich nicht heisst, dass ich von anderen dasselbe erwarte.»

Die Sterbebegleiterin zur Kritik an der Sterbehilfe

WOZ: Werden Sie, wenn Sie dann selber einmal auf dem Sterbebett liegen, mit Ihrer Exit-Tätigkeit im Reinen sein?
Susanne Schmid: Natürlich. Ich darf ja schon heute keine Zweifel haben und muss hinter jedem einzelnen Fall stehen. Sonst könnte ich diese Person gar nicht in den Tod begleiten, ohne mich strafbar zu machen – abgesehen davon, dass ich ihre Dienerin bin und nicht die Richterin.

Exit steht seit dreissig Jahren in der Kritik, die nicht nur aus religiösen, sondern auch aus medizinischen oder politischen Kreisen kommt.
Offenbar gibt es die Befürchtung, dass bei uns Kranke oder Betagte in den Tod gestossen werden, dass Exit sie gegen ihren Willen dazu verleitet – was sehr beleidigend ist für alle, die diese Entscheidung für sich getroffen haben. Ausserdem müssen alle von sich aus zu uns kommen. Wir melden uns ja nicht einfach und sagen: Hallo, hier ist Exit, wollen Sie vielleicht sterben?

Man spricht heute schon von wirtschaftlich wertvollen und weniger wertvollen Menschen, von menschlichen Ressourcen und Humankapital. Alte, Kranke oder Arbeitslose gelten zunehmend als Ballast. Sind Sie sich sicher, dass nicht eines Tages ein gesellschaftlicher Druck entsteht, in den Freitod zu gehen, um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen?
Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Einerseits will ein gesunder Mensch nicht sterben, und andererseits braucht dieser Schritt auch Mut. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass selten Geld der Grund ist, dass jemand sterben will. Ebenso selten höre ich, dass eine Person sterben will, um keine Last zu sein. Was ich aber höre, sind Sätze wie «Ich will nicht ins Pflegeheim», oder «Bevor ich abhängig bin von Medikamenten, Maschinen …». Natürlich kann es passieren, dass die Stimmung in der Gesellschaft kippt, aber dieses Kippen würde sicher nicht von Exit ausgehen.

Der natürliche Sterbeprozess soll ein langsames Hinübergehen sein. Vom Leben in den Tod, in einen Zustand ohne Schmerz und Leid. Dieses letzte Stück Leben nehmen sich Ihre Klienten und Klientinnen mit dem Freitod.
Was Menschen in den letzten Tagen und Stunden erleben, ist ja verschieden. Was ich oft höre, selber aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass dieses Leiden am Schluss einen Sinn habe, eine Prüfung sei. Aber das sollten alle für sich entscheiden. Ich erlebe, dass meine Klienten einen unglaublichen Prozess machen im Vorfeld, Zeit mit sich allein und mit ihren Angehörigen verbringen, dass diese Zeit bewusst genutzt wird und noch Dinge ausgesprochen oder erledigt werden, die ihnen wichtig sind. Die grosse Mehrheit geht diesen Weg sehr bewusst, bis zum Schluss.

Und was machen die Sterbewilligen in den letzten Minuten?
Das ist ganz verschieden. Manche sind ganz still, andere hören ein Lied oder singen, wieder andere wollen ein paar letzte Worte loswerden, einfach nur den Arm um ihre Liebsten legen oder noch allen ein Küsschen geben.

Wie geht es Ihnen dabei?
Manchmal ist es sehr berührend, dann habe ich auch meinen Kloss im Hals. Ich will aber vor allem ein Fels für die Angehörigen sein, ihnen meine Unterstützung bieten, noch ein wenig bei ihnen bleiben, wenn alles vorbei ist. Deshalb ist es so wichtig, schon früh genug die Verhältnisse zu kennen und zu wissen, wie die Angehörigen dazu stehen – oder das Umfeld, was ja nicht bei allen immer der engste Familienkreis sein muss, sondern je nachdem auch gute Freunde. Wenn es jemand wünscht, suchen wir vorgängig auch das Gespräch mit dem Umfeld, wobei wir allerdings keine therapeutische Funktion übernehmen. Darüber hinaus bin ich am Todestag vor allem für den Ablauf zuständig und sorge dafür, dass alles korrekt und nach den Wünschen meiner Klientin, meines Klienten geschieht.

Sterbewunsch nicht immer «ernst gemeint»

Frau Vogels Spitex-Pflegerin: «Unsere Pflege bei Hochbetagten orientiert sich an der Frage, ob die Person in einer geriatrischen oder einer palliativen Situation ist. Geriatrie ist auf die Verbesserung ihres Zustands ausgerichtet, will ihre Symptome erträglicher machen und die verbleibenden Ressourcen fördern. Anders die Palliativmedizin, die sich den sogenannt austherapierten Fällen widmet – die etwas seltsame Umschreibung für Menschen, die sich in ihrer letzten Lebensphase befinden, manche nennen das auch Terminalphase. Bei Palliativpatienten geht es vorwiegend um die Linderung ihrer Symptome. Zudem leiden sie ja vielfach auch seelisch, hadern mit ihrer Situation, weil sie lernen müssen, sich mit dem Tod und ihrem Leben davor auseinanderzusetzen. Deshalb braucht es zum pflegerischen auch ein psychologisches und allenfalls ein seelsorgerisches Netz.

Wenn unsere Patienten einen Sterbewunsch äussern, versuchen wir direkt offen darüber zu sprechen – nur schon das Gespräch kann ja helfen, dass ihnen jemand zuhört, oder einfach dass sie es einmal aussprechen konnten. Manchmal ist es vielleicht nur ein schlechter Tag, manchmal eine leichte Verstimmung, eine Depression, ein ganz bestimmtes Ereignis oder auch die Einsamkeit, worunter gerade auch ältere Menschen vielfach leiden. Wenn der Wunsch aber andauert und grösser wird, setzen wir uns mit der Person und den behandelnden Ärzten zusammen. Je nachdem können dann medikamentöse Massnahmen ergriffen werden.

Egal ob es dann auf einen Freitod hinausläuft, wie bei Frau Vogel, oder auf ein Warten auf den Tod, was zählt, ist letztlich ​
– sagen fast alle meine Patienten – die Zeit davor. Ich finde, die Vogels haben diese bemerkenswert genutzt. Als sie sagte: ‹Ich bin jetzt bereit, mein Lieber›, war das eines der ganz wenigen Male, dass ich Herrn Vogel weinen sah. Das hat mich berührt, uns alle berührt. Und es hat mich beeindruckt: In zwanzig Jahren bei der Spitex habe ich wirklich nicht sehr viele Menschen getroffen, die so aktiv und offen mit dem Tod umgegangen sind wie Herr und Frau Vogel, wie sie sich gegenseitig getragen haben, das Leben wie den Tod umarmten. Ich habe ihn erst kürzlich zum ersten Mal wieder gesehen, und ich spürte irgendwie eine neue Art von Gelassenheit bei ihm. Darauf angesprochen meinte er: ‹Das kommt vermutlich von der Überzeugung, dass der Weg, aus Liebe zu ihr, der richtige war.›»

Die Zahlen und die Kritik

2000 Anfragen im Jahr

Damit eine Person in der Schweiz in den Tod begleitet werden darf, muss sie laut Gesetz eindeutig nachweisen können, dass sie urteilsfähig ist, sich eigenständig zu diesem Schritt entschieden hat und dass ihr Leiden konstant unerträglich und unzumutbar ist. Zudem muss sie ein ärztliches Zeugnis mit entsprechendem Rezept für das Sterbemittel vorlegen. Diese Form der Sterbehilfe nutzen in erster Linie Krebserkrankte, SchmerzpatientInnen oder Betagte mit Mehrfacherkrankungen. Letztere machen etwa zwanzig Prozent der begleiteten Suizide aus, Tendenz steigend. 2013 hat die Sterbehilfeorganisation Exit rund 2000 Anfragen für eine Freitodbegleitung erhalten, 600 davon wurden geprüft. Die Exit-BegleiterInnen haben letztes Jahr 459 Menschen – 267 Frauen und 192 Männer – auf ihrem Weg in den Tod unterstützt. 2012 waren es 356, im Jahr 2008 nur 167.

Exit fordert schon länger einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel für Hochbetagte, ohne amtliche Hürden. KritikerInnen befürchten jedoch, dass eine solche Liberalisierung zu einem drastischen Anstieg der Altersfreitode führen könnte. Zudem verstärke sie möglicherweise den gesellschaftlichen und ökonomischen Druck, falls Betagte vermehrt das Gefühl haben, dass sie anderen zur Last fallen oder zum Kostenfaktor werden.

Stattdessen setzen sie auf Suizidprävention, Patientenverfügungen und die Förderung der Palliativmedizin. Diese kennt vielfach den Verzicht auf lebenserhaltende Massnahmen (passive Sterbehilfe) oder unter bestimmten Umständen auch den Einsatz von Schmerzmitteln mit lebensverkürzenden Nebenwirkungen (indirekte aktive Sterbehilfe). Unter würdigem Sterben versteht die Palliativmedizin einen Prozess, nicht ein rasches, geplantes Sterben ohne Schmerzen, Leidensdruck und Abhängigkeit. Die Frage nach der Würde müsse ohnehin anders lauten, schreibt dazu die Sterbeforscherin Monika Renz: «Was hält inmitten von Leiden würdig?»
Corinne Riedener

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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