Otto F. Walter (1928–1994) : Warum es gut ist, wenn der Schriftsteller Politiker spielt

Nr.  38 –

Gibt es engagierte Literatur? Sollte es sie geben? Eine Erinnerung an Otto F. Walter. Und eine Wiederentdeckung seiner literarischen Figuren.

Seine Bücher hatten aussagekräftige Titel: «Die ersten Unruhen» oder «Die Verwilderung» benannten klassisch schlicht die verhandelten gesellschaftlichen Sachverhalte, andere äusserten geradezu epigrammatisch Hoffnungen auf eine sich verändernde Welt: «Wie wird Beton zu Gras» oder «Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht».

Der vor zwanzig Jahren verstorbene Otto F. Walter (1928–1994) war ein programmatischer Mensch. Als Schriftsteller wie als Staatsbürger. Er war Gründungsmitglied der sich vom konservativen Schriftstellerverband abspaltenden Gruppe Olten, die sich einst sogar den Sozialismus in die Statuten schrieb. Er unterstützte die Anti-AKW-Bewegung und schrieb deren manche Jugendliche bewegendes literarisches Fanal. Er prägte 1982 zusammen mit Rolf Niederhauser und Peter Bichsel den Programmentwurf der SP mit dem Konzept der Selbstverwaltung. Und er verstand sich auch als ein früher Vertreter der «Patriarchatskritik» – da konnte er allerdings am wenigsten überzeugen.

Autoren als Seismografen

Das Verhältnis von Literatur und Politik war und ist ein notorisch diffiziles. Warum sollte ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin mehr über Politik wissen als andere BürgerInnen?

Aus zwei Gründen, oder sagen wir aus eineinhalb. Er und sie sind, wie das zutreffende Klischee lautet, Seismografen, die womöglich früher als andere auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Und sie kennen sich mit Sprache aus, mit Öffentlichkeit, in der die Politik verhandelt wird. Was noch keine Garantie für scharfsinnige Analysen und glänzende Reden ist.

Überhaupt: Sollte Politik nicht vor allem das Werk durchdringen? Ja, wenn möglich. Aber bei SchriftstellerInnen lassen sich die beiden Tätigkeiten nicht so scharf trennen. In ihren künstlerischen wie politischen Äusserungen arbeiten sie daran, gesellschaftliche Bilder und Ideen zu verdichten, und tragen so zu dem bei, was uns als Alltagsphilosophie beschäftigt.

Otto F. Walter war zuerst einmal einer, der manches überhaupt erst ermöglicht hat. Er war von 1956 bis 1973 ein hervorragender Verlagsleiter, zuerst beim familieneigenen Walter-Verlag und dann bei Luchterhand, der viele junge AutorInnen förderte, und zwar solche verschiedener Richtungen. Und er initiierte mit anderen 1978 die Solothurner Literaturtage.

Walter plädierte zu dieser Zeit für eine «Literatur, die sich befragen lässt auf ihre Folgen, ihren Nutzen für alle». Das war schon damals mehr Antrieb und Stachel im eigenen Fleisch als dogmatische Forderung; und so verstanden ist es nicht überholt.

Schwieriger Stand

Seine Ernsthaftigkeit machte ihn zur Zielscheibe, auch für Angriffe von links. Etwa 1983/84 in einer in der WOZ geführten, etwas grossspurig zur «Realismusdebatte» stilisierten Diskussion, in der ausgerechnet der sprachversessene Niklaus Meienberg (1940–1993) argumentativ unter sein Niveau ging. So warf Meienberg Otto F. Walter vor allem vor, dieser habe für seine Bücher ungenügend journalistisch recherchiert. Meienberg verwechselte Realismus mit Naturalismus. Denn in Walters besten Büchern, Passagen und Einsichten verband sich ästhetisches Formgefühl mit einer Klarheit des Engagements; seine Literatur scheiterte gelegentlich, wenn er zu viel an ästhetischer Komplexität versuchte und in den Schematismus geriet; sie scheiterte dann nicht an einer politisch papierenen, sondern an einer geschmäcklerischen Sprache.

In der Schweiz haben es Intellektuelle nicht gerade leicht. Der sich gesellschaftlich und politisch unermüdlich einmischende Max Frisch wurde zu Lebzeiten immer wieder mit Häme übergossen – mittlerweile sind gerade auch seine fragenden politisch-essayistischen Texte posthum rehabilitiert. Wenn sich Adolf Muschg gelegentlich noch zu Wort meldet, wird er unwirsch abgetan. Jüngere Autoren wie Lukas Bärfuss oder Milo Rau können mittlerweile besser klappern. Es gibt sogar eine lose Gruppierung wie «Kunst und Politik». Sie wirft die alten Fragen neu auf: Politik in der Kunst? Kunst für die Politik? Otto F. Walter arbeitete sich schon an ihnen ab.