Nr. 38/2014 vom 18.09.2014

Warum es gut ist, wenn der Schriftsteller Politiker spielt

Gibt es engagierte Literatur? Sollte es sie geben? Eine Erinnerung an Otto F. Walter. Und eine Wiederentdeckung seiner literarischen Figuren.

Von Stefan Howald

Seine Bücher hatten aussagekräftige Titel: «Die ersten Unruhen» oder «Die Verwilderung» benannten klassisch schlicht die verhandelten gesellschaftlichen Sachverhalte, andere äusserten geradezu epigrammatisch Hoffnungen auf eine sich verändernde Welt: «Wie wird Beton zu Gras» oder «Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht».

Der vor zwanzig Jahren verstorbene Otto F. Walter (1928–1994) war ein programmatischer Mensch. Als Schriftsteller wie als Staatsbürger. Er war Gründungsmitglied der sich vom konservativen Schriftstellerverband abspaltenden Gruppe Olten, die sich einst sogar den Sozialismus in die Statuten schrieb. Er unterstützte die Anti-AKW-Bewegung und schrieb deren manche Jugendliche bewegendes literarisches Fanal. Er prägte 1982 zusammen mit Rolf Niederhauser und Peter Bichsel den Programmentwurf der SP mit dem Konzept der Selbstverwaltung. Und er verstand sich auch als ein früher Vertreter der «Patriarchatskritik» – da konnte er allerdings am wenigsten überzeugen.

Autoren als Seismografen

Das Verhältnis von Literatur und Politik war und ist ein notorisch diffiziles. Warum sollte ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin mehr über Politik wissen als andere BürgerInnen?

Aus zwei Gründen, oder sagen wir aus eineinhalb. Er und sie sind, wie das zutreffende Klischee lautet, Seismografen, die womöglich früher als andere auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Und sie kennen sich mit Sprache aus, mit Öffentlichkeit, in der die Politik verhandelt wird. Was noch keine Garantie für scharfsinnige Analysen und glänzende Reden ist.

Überhaupt: Sollte Politik nicht vor allem das Werk durchdringen? Ja, wenn möglich. Aber bei SchriftstellerInnen lassen sich die beiden Tätigkeiten nicht so scharf trennen. In ihren künstlerischen wie politischen Äusserungen arbeiten sie daran, gesellschaftliche Bilder und Ideen zu verdichten, und tragen so zu dem bei, was uns als Alltagsphilosophie beschäftigt.

Otto F. Walter war zuerst einmal einer, der manches überhaupt erst ermöglicht hat. Er war von 1956 bis 1973 ein hervorragender Verlagsleiter, zuerst beim familieneigenen Walter-Verlag und dann bei Luchterhand, der viele junge AutorInnen förderte, und zwar solche verschiedener Richtungen. Und er initiierte mit anderen 1978 die Solothurner Literaturtage.

Walter plädierte zu dieser Zeit für eine «Literatur, die sich befragen lässt auf ihre Folgen, ihren Nutzen für alle». Das war schon damals mehr Antrieb und Stachel im eigenen Fleisch als dogmatische Forderung; und so verstanden ist es nicht überholt.

Schwieriger Stand

Seine Ernsthaftigkeit machte ihn zur Zielscheibe, auch für Angriffe von links. Etwa 1983/84 in einer in der WOZ geführten, etwas grossspurig zur «Realismusdebatte» stilisierten Diskussion, in der ausgerechnet der sprachversessene Niklaus Meienberg (1940–1993) argumentativ unter sein Niveau ging. So warf Meienberg Otto F. Walter vor allem vor, dieser habe für seine Bücher ungenügend journalistisch recherchiert. Meienberg verwechselte Realismus mit Naturalismus. Denn in Walters besten Büchern, Passagen und Einsichten verband sich ästhetisches Formgefühl mit einer Klarheit des Engagements; seine Literatur scheiterte gelegentlich, wenn er zu viel an ästhetischer Komplexität versuchte und in den Schematismus geriet; sie scheiterte dann nicht an einer politisch papierenen, sondern an einer geschmäcklerischen Sprache.

In der Schweiz haben es Intellektuelle nicht gerade leicht. Der sich gesellschaftlich und politisch unermüdlich einmischende Max Frisch wurde zu Lebzeiten immer wieder mit Häme übergossen – mittlerweile sind gerade auch seine fragenden politisch-essayistischen Texte posthum rehabilitiert. Wenn sich Adolf Muschg gelegentlich noch zu Wort meldet, wird er unwirsch abgetan. Jüngere Autoren wie Lukas Bärfuss oder Milo Rau können mittlerweile besser klappern. Es gibt sogar eine lose Gruppierung wie «Kunst und Politik». Sie wirft die alten Fragen neu auf: Politik in der Kunst? Kunst für die Politik? Otto F. Walter arbeitete sich schon an ihnen ab.

Silvio Langer

Schreiben oder sterben

An einem Mittag hat er sich umgebracht. Silvio Langer, vierzig Jahre alt, einer, der schon in den 68er-Jahren mit dabei war. Er hat sich in seiner Wohnung erschossen. Zwei Kinder hinterliess er, eine Freundin und grosse Ratlosigkeit. Erst im Frühjahr war er wieder in der Redaktion der «Schweizer Zeitung» erschienen, nachdem er drei Jahre in Brüssel und Genf als Korrespondent gearbeitet hatte, ein stiller, zuverlässiger Schreiber, «Hemingway-Bart, halblanges Haar, Hornbrille».

An seiner letzten Redaktionskonferenz meldete er sich als Erster. Ein Angriff auf die Unabhängigkeit der «SZ» bewegte die Gemüter, die Autogrosshändler hatten auf einen kritischen Beitrag im «Magazin» hin angekündigt, sie würden Inserateaufträge für 1,6 Millionen Franken zurückziehen. «Da gibt’s nur eins», rief Langer, «an die Öffentlichkeit gehen, diese schwere Verletzung der Pressefreiheit öffentlich machen. Jedes Nachgeben bedeutet geistigen Selbstmord.»

Nach Langers Tod machte die Nachricht die Runde, mehrere seiner Beiträge seien von der Chefredaktion abgelehnt worden: Ihr Thema sei «zu negativ besetzt». Waffenexport, Kapitalflucht, Selbstverwaltungsmodelle in der Industrie – «toll recherchiert», wie die Kollegen finden, «toll formuliert».

Eines Abends rief Langer einen Bekannten an, Journalist auch er, Schriftsteller: Er wolle über sein neues Buch sprechen. Über den Selbstmordversuch des Helden. Es gehe unter die Haut, wie der, ob seiner Stummheit und Wehrlosigkeit verzweifelt, nach einer Redaktionskonferenz im Hotel Veronal schlucke. Der Schriftsteller sagte, er habe leider keine Zeit. Am Mittag darauf hat sich Langer erschossen. Auf dem Zettel, den er hinterliess, stand: «Ohne die Freiheit der Sprache hört meine Existenz als Schreiber auf, einen Sinn zu haben.»

Silvio Langer ist eine Figur aus «Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht».

Rudolf Bussmann

Esther

Leben und Liebe

«Von einer sehr jungen Frau, fast Kind noch, müsste die Rede sein», so beginnt das Buch, das mich völlig in seinen Bann zog. Im Zentrum des Buchs steht Esther. «Wie ich mir Esther denke, ist sie noch nicht einmal achtzehn Jahre, ziemlich langgewachsen, Ponyfrisur, braunblond, braune Augen.» Sie ist nicht besonders hübsch, nicht besonders auffällig, nicht besonders mutig.

Mehr zufällig ist sie an einer Demonstration gegen ein AKW gelandet, «weil sie Samstagabend zu Hause hasste, weil Aschi sie angetörnt hatte, weil eine Demo, jedenfalls in den Augen Karls, ihres Vaters, etwas Ungehöriges war». Die Demo verändert ihr Leben. Mit ihr unbekannten Menschen erlebt sie ein noch nie erlebtes Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch die Polizei geht mit erschreckender Brutalität gegen die friedliche Truppe von Demonstrierenden vor. Esthers Weltbild wird zutiefst erschüttert, und eine lähmende Angst legt sich über sie, bis Esther schliesslich radikal ausbricht.

Wie Otto F. Walter seine Esther mit dem Leben und der Liebe hadern lässt – «War das die Liebe? Früher hatte sie immer gedacht, wenn sie dann einmal mit jemandem ginge, werde nichts mehr ihr etwas anhaben können. Niemand mehr» –, das traf mich als Sechzehnjährige wie ein Blitz. Und zu welch radikaler Tat diese an sich unscheinbare junge Frau fähig war, machte mir Mut, dass das Leben doch mehr sein könnte als nur das, was es bis dahin gewesen war.

Esther ist eine Figur aus «Wie wird Beton 
zu Gras».

Silvia Süess

Loth Ferro

Der stumme Antiheld auf der Suche nach Vaterliebe

Gewiss, unsere 68er-Generation verschlang zuerst die gesellschaftsdiagnostischen Romane wie «Die ersten Unruhen» oder «Die Verwilderung». «Der Stumme» beeindruckte dann mit seiner archaischen Tragik, der Wucht des Vater-Sohn-Dramas, dem literarisch produktiven Einfall, einen Sprachlosen als Protagonisten zu wählen.

Das Wiederlesen nun zeigt: Mögen die seismografischen Zeitromane etwas Patina angesetzt haben, bleibt «Der Stumme» (1959) von der Zeit unbehelligt – ein Werk von kristalliner Klarheit und enormer poetischer Kraft. Das ist kein «Erstling», sondern ein in seiner strengen Struktur und formalen Perfektion beispielhaft moderner Wurf.

Im Zentrum steht der zerbrechliche junge Loth Ferro, dessen Welt aus dem Lot geraten ist, auf der Suche nach dem geliebten, doch gewalttätigen Vater. Dieser hat im Suff unter Loths Augen dessen Mutter zu Tode gebracht, Loth verlor die Sprache. Jahre später verdingt er sich auf einer Baustelle im Jura, wo ein Dutzend Männer, darunter der aus dem Gefängnis entlassene alte Ferro, einen Strassenbau vorantreiben. Loth, heraufgekommen «mit dieser wilden, wenig begründeten Hoffnung, dass alles anders würde», wird vom Vater nicht wiedererkannt. Erst als Ferro sieht, dass seine neuerliche Verfehlung – ein Diebstahl – Loth angehängt wird, der das hinnimmt, kommt es – zu spät – zur finalen Begegnung: Ferro findet den Tod und Loth seine Sprache wieder.

Bestechend, wie souverän Otto F. Walter seinen Antihelden Loth, voll Eigensinn und utopischer Hoffnung, einfügt in ein Dekor trüber Herbsttage und dumpfer Männerrituale, das an Schwarz-Weiss-Filme des Neorealismo gemahnt. Unvergesslich die Szenen, die in Kindheit und Jugend Loths zurückblenden. Wunderbar Walters knappe Diktion, die eigene Sprachzweifel nicht kaschiert, wenn sein Loth denkt: «Schreiben: nein schreiben war nicht genug, mit Buchstaben, die man auf ein Stück Papier schrieb, konnte man nur das Äussere sagen, aber nicht, was man mit der Stimme und dem Ton der Worte müsste sagen können, das Innere und das, was man nicht wissen, nur da drin spüren konnte.»

Loth Ferro ist eine Figur aus «Der Stumme».

Hans-Ulrich Probst

Tante Esther

Fakten mit gefüllten Zwischenräumen

Stell dir vor, sagt die schmale, kleine Gestalt im Rollstuhl und reckt ihre knöcherne Faust über den silbernen Scheitel, stell dir vor, wie die Soldaten der geschlagenen Bourbaki-Armee 1870 von den Jurahöhen herabsteigen. Ihre schwarz gewordenen Füsse sind in Lumpen gewickelt. Ihre Pferdchen ziehen sie hinter sich her. Der Neffe, ein Bub noch, ist geradezu süchtig nach dem «Wortkinospiel» der Tante. Er sitzt auf einem Schemel neben einer Vitrine und sieht, wie sich die verhungerten Gestalten im Glas der Vitrine spiegeln, dahinter Porzellanfigürchen, Puderquasten, Muranogläser.

Bevor sie erzählt, muss ihr der Neffe jeweils das grüne Glas und den Sherry bringen. Dann bietet sie ihm «geradezu anmutig» die Wange zum Kuss, zündet ihren Cigarillo an und lässt Rauchkringel hochsteigen. Nach etlichen Gläsern Sherry kann sie lachen «wie ein Möwenschwarm». Mit zu tiefer Stimme erzählt sie ihrem Neffen, der einmal das Familienunternehmen erben wird, die Geschichten der Familie, des Landes, der Welt. Und sie teilt ihm auch mit, dass seine Mutter umgebracht wurde. Mehr sagt sie nicht. An ihm ist es nun, den Mord aufzuklären.

Durchs offene Fenster dringt Sonnenschein ins Zimmer und mit ihm der Geruch reifer Birnen, die am Spalier der Villa hochwachsen. Tante Esther hat in den 1930er Jahren als erste Frau den Prototyp der neuen Granate, die von der Firma entwickelt wurde, ins Übungsgelände geworfen. Der französische Autor Guillaume Apollinaire hat ihr die Hand geküsst, sie erinnert sich noch an die Freiheitsbäume von 1848, und unvergesslich ist ihr Kaiserin Sisis Triumphzug durch Genf anno 1898. Über die Köpfe der jubelnden Menge hinweg rief die Kaiserin Tante Esther zu, sie erwarte sie zum Tee – da schlug der anarchistische Mörder zu.

Zu Zeiten des Kalten Kriegs wünscht sich die stockkatholische Tante eine Atombombe auf Moskau. Von manchen Familienangehörigen erzählt sie mit Abneigung und Hass. Sie flunkert und träumt und lügt. Dabei hält sie sich an die Fakten. Nur: Sie füllt die Zwischenräume zwischen ihnen mit Erfindungen, Vermutungen und Unterstellungen. Sie interpretiert die Fakten und die Motive der Handelnden ständig neu. Sie trainiert ihren Neffen in der Kunst, sich bei jeder Geschichte vorzustellen, wie sie auch anders hätte verlaufen können. Tante Esther verkörpert die Macht der Fantasie.

Tante Esther ist eine Figur aus 
«Zeit des Fasans».

Felix Schneider

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