Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Wie sich ein Versprechen als Lüge entpuppt

Noch selten hat ein Autor so genau wie George Packer beschrieben, wie in den USA, dem einstigen «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», ein grosser Teil der Gesellschaft zunehmend ins Rutschen gerät.

Von Lennart Laberenz

«We’ve got nowhere to go but up!» Die soziale Utopie der USA erzählt von der Möglichkeit aufzusteigen. Darin nistet der Glaube an die eigene Leistung als entscheidende Kraft. Und dahinter die Vorstellung von einem Leitprinzip der Wirtschaft, in dem sich die Gerechtigkeitsvorstellung auf den Satz beschränkt: Wer sich anstrengt, schafft es auch. Aus diesem «Glaubensgrundsatz» schöpfen EinwanderInnen aus aller Welt seit jeher ihren Optimismus und den Durchhaltewillen.

Spätestens ab den 1960er Jahren zeigte sich die konservative Tönung dieses Glaubens: Die Erzählung fand Helden in John Wayne oder Barry Goldwater und liess mit Präsident Ronald Reagan Regulation und Wohlfahrtsstaat als unamerikanische Schmutzfinken am Wegrand zurück. Allein der Optimismus hielt sich. Wer jetzt George Packers endlich übersetztes Buch «Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika» liest, schreitet durch die Trümmer dieser Vorstellung.

Heuern und Feuern

Packer lotet einen «Taumel der Abwicklung» aus, der so gewaltig ist, dass er die Lebensspanne vieler heute Fünfzigjähriger dominiert. Dabei schaut Packer auf eine kulturelle Verschiebung, mit der auch Arbeitsformen verschwanden und Institutionen wie etwa das Schulwesen zerfielen: «Als die Abwicklung der Normen begann, auf denen die Nützlichkeit der alten Institutionen beruhte, und die Anführer ihre Stellungen räumten, löste sich die Roosevelt Republic, die beinahe ein halbes Jahrhundert lang das Leben beherrscht hatte, vollständig auf. Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.»

Die Geschichte beginnt mit einem Epochenbruch: Seit Ende der 1970er Jahre stagnieren Reallöhne und Abschlussquoten der Universitäten, und die Industrieproduktion wurde zunehmend in Billiglohnländer verlagert. Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank, bemerkte einmal, dass die krachende Niederlage der Fluglotsengewerkschaft im ersten Sommer von Reagans Präsidentschaft dessen «vielleicht wichtigstes Unterfangen» war. Fortan konnten Firmen «nach eigenem Gutdünken» heuern und feuern. Der Anteil der Mittelklasselöhne am Gesamteinkommen schwand. Es begann ein weltumspannender Kapitalismus, in dessen Zentrum die Finanzwirtschaft steht: Sie ist heute fast doppelt so gross wie der gesamte Fertigungssektor der USA.

In den Epizentren der Krise

Ohne an die Kandare einer Theorieschule genommen zu werden, erhalten wir bei Packer Einblick in das Innenleben dieser Verschiebung. Er macht sich als Reporter auf und trifft erst einmal Dean Price, den Sohn einer tiefgläubigen Familie im einst von Landwirtschaft und Tabakindustrie geprägten North Carolina. Price rebelliert gegen den tyrannischen Vater, studiert – und ergattert seinen Traumjob. Doch kurz darauf, nachdem er von neuem schikaniert wurde, kündigt er. Seine Vorstellungswelt kollabiert. «Er war einem Versprechen auf den Leim gegangen, das eine Lüge war: Wenn du studierst und dich anstrengst, wenn du in einem grossen traditionsreichen Unternehmen der ‹Fortune 500› unterkommst, dann wirst du glücklich.» Störrisch sucht er fortan sein Glück als Unternehmer. Als höchste Stufe der Freiheit entdeckt er eines Tages Biodiesel – und damit auch, dass er gegen Billigketten immer den Kürzeren ziehen wird, weil sie begünstigt werden.

Durch Menschen wie Price schaut Packer auf das, was ins Rutschen gerät: Er folgt einem hoffnungsvollen Joe-Biden-Groupie, einem Mann, den es in die Politik zieht, wo er sich bald mitten in einem abgekarteten Spiel wiederfindet. In einer Montanindustriestadt, die ihre Glanzzeit hinter sich hat, kämpft eine schwarze, alleinerziehende Mutter ums Überleben.

«Die Abwicklung» folgt ArbeiterInnen, Angestellten, die nichts zu sagen haben, die strampeln müssen und nirgends ankommen. Dabei verschweigt Packer weder die Schwächen seiner ProtagonistInnen noch ihre Engstirnigkeit, weder ihren Hunger nach spiritueller Erfüllung noch ihre Orientierungslosigkeit, die schrille Argumente gebiert. Er beugt sich weder zu seinen Figuren hinab, noch idealisiert er sie. Man spürt Packers Wut, aber er trägt sie nicht als Monstranz vor sich her, bleibt eng am Personal dran.

Gegen diese Nahaufnahmen schneidet er die Geschichten von Orten wie Tampa, der Wall Street und dem Silicon Valley und verknüpft so die Epizentren gewaltiger Krisen. Es entsteht ein faszinierendes Gewebe, in dem wir Deindustrialisierung, Häuserboom und Finanzkrise von innen erleben und dabei feststellen: Packer versteht die Krisen als chronische Ereignisse. Daher wird der Irakveteran nie mehr als 8,50 Dollar in der Stunde verdienen, mag er sich noch so anstrengen und pünktlich erscheinen.

Tatsächlich verallgemeinert Packer gerne, lässt die eine oder andere Figur vielleicht zu sehr für seine These sprechen; die unterschiedlichen Perspektiven jedoch geben der Grossreportage ein politisches Gewicht: Giesst der republikanische Politiker Newt Gingrich den «totalen Krieg» in die politische Sprache, erwächst daraus die Tea Party. Kollabieren Schulen, wird der Geschäftstüchtige zum Superstar. Dazu passen die libertären Positionen des Paypal-Milliardärs Peter Thiel als Teil der neurotischen Individualismusideologien.

Für all das braucht es Verantwortliche, und gerade der Blick auf die DemokratInnen ist ernüchternd: Unter Präsident Bill Clinton verdreifachte das oberste Prozent seinen Anteil am nationalen Einkommen; zu jener Zeit «gab es im Weissen Haus keinen höheren Trumpf als Wall-Street-Erfahrung, nur der Anleihenmarkt war reell, alles andere waren Leute, die etwas von einem wollten». In der Summe «ein Zeitalter massiver Umverteilung – einer vererbbaren Ungleichheit, die das Land seit dem neunzehnten Jahrhundert nicht mehr gesehen hatte».

Politik als Interessenhandel

Am Ende bleibt Spott: Finanzminister und Wall-Street-Grösse Robert Rubin hätte vielleicht gar nichts gegen eine strengere politische Kontrolle des Derivatenhandels gehabt. Er wollte nur verhindern, dass sie in die Hände der Vorsitzenden der Aufsichtsbehörde für Warenterminhandel fiel. Er mochte Brooksley Born nicht.

Und so verstehen wir Politik am Ende als kühlen Interessenhandel, der Joe-Biden-Fan wird enttäuscht und Lobbyist. Als solcher schaut er zu, wie die DemokratInnen unter dem kompromissfreudigen Barack Obama alle Möglichkeiten, die Finanzmärkte zu regulieren, verläppern. Es fehlt an Wille und an Personal: Der Präsident kann mit Elizabeth Warren, die sich vom Reagan-Groupie zur Advokatin staatlicher Aufsicht gemausert hat, nichts anfangen und verweigert ihr die Unterstützung. Die Mehrheit aber muss bei Wal Mart einkaufen – billigen Ramsch aus Bangladesch, der nicht lange hält: «Das ganze Land war wie eine Art Wal Mart geworden.» Nach oben geht hier nichts mehr.

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