Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Die Optik der Überlebenden

Mit seinem verstörenden Dokumentarfilm «The Act of Killing» brach Joshua Oppenheimer in Indonesien das Schweigen über die Massaker von 1965. Jetzt legt er nach: Sein neuer Film «The Look of Silence» läuft am Zurich Film Festival im Wettbewerb.

Von Florian Keller

Die Augen des Täters: Einer der Schergen der indonesischen Militärdiktatur bekommt Besuch von einem Optiker, dessen Bruder dieser Diktatur zum Opfer fiel.

Wird es schärfer oder nur schwärzer? Wer schlechte Augen hat, kennt den Satz, es ist der Refrain bei jedem Sehtest. Auch Adi Rukun hat ihn im Repertoire, im Dokumentarfilm «The Look of Silence». Er arbeitet als Optiker im Norden von Sumatra, und gerade hat er einem hochbetagten Kunden, bei dem er auf Hausbesuch ist, das Gestell mit den Testgläsern aufgesetzt. Bald jedoch dreht sich ihr Gespräch nicht mehr um optische Feinheiten, sondern um die Massaker von 1965, als nach dem Militärputsch durch General Suharto über eine Million unschuldige Menschen umgebracht wurden.

Massenmörder als Helden

Unter den Opfern war auch Ramli, der ältere Bruder von Adi. Ramli hatte Adi nicht gekannt, weil dieser erst 1968 zur Welt kam. Und unter den Schlächtern von damals war der Mann, dem Adi jetzt die Gläser anpasst. Der Alte erzählt ganz offen von seinen Untaten und sagt dabei Dinge, wie man sie lieber nicht so genau hören möchte. Zum Beispiel, dass er wahnsinnig geworden wäre, wenn er nicht das Blut seiner Opfer getrunken hätte. Oder wie das im Detail aussieht, wenn man einer Frau die Brüste abschneidet.

Da sind wir wieder in der Welt des realen Grauens, die Joshua Oppenheimer schon in «The Act of Killing» (2012) erkundet hat. Das war ein verstörender Trip durch eine Gesellschaft, in der die Massenmörder von einst nicht nur frei herumlaufen, sondern mit ihren Untaten angeben und sich öffentlich als Helden feiern lassen. «Es kam mir vor», sagt Oppenheimer, «als wäre ich vierzig Jahre nach dem Holocaust in Deutschland gelandet und die Nazis wären immer noch an der Macht.» Im Film begleitete er die teils greisen Killer, und das Theater der Grausamkeit, das sie für ihn aufführten, wirkte in seinem Frohsinn umso beklemmender.

Joshua Oppenheimer

Da waren diese älteren Herren, die sich als Sieger der Geschichte aufspielten, ohne Sinn für begangenes Unrecht, weil sie sich niemals vor Gericht hatten verantworten müssen. In «The Act of Killing» durften sie ihre Untaten dann wie Hollywoodstars vor der Kamera nachspielen: als Krimi, als Western, als farbenfrohe Musicalfantasie, in der die Opfer ihren Mördern danken, dass sie sie getötet haben. Im Zentrum stand Anwar Congo, Grossvater und Massenmörder, feingliedrig mit weicher Stimme. Ganz zum Schluss wird er von einem monströsen Würgen ergriffen, ein Geräusch, das man nicht mehr vergisst. Er will kotzen, aber da kommt nichts – als habe sich erst im Rollenspiel irgendein vegetatives Bewusstsein von Schuld seines Körpers bemächtigt.

In Indonesien brach der Film den Bann des Schweigens, der ein halbes Jahrhundert lang über den Massakern von 1965 hing. Und im Februar dieses Jahrs, als «The Act of Killing» bei der Oscar-Verleihung als bester Dokumentarfilm nominiert war, räumte die indonesische Regierung erstmals offiziell ein, dass damals Fehler begangen worden seien und man die Vergehen aufarbeiten werde, wenn die Zeit dafür reif sei. «Es ging dabei um reine Schadenbegrenzung», sagt der Regisseur jetzt beim Gespräch in Zürich. «Aber es war doch ein Anfang.» Nur ganz kurz ist der Vierzigjährige am Zurich Film Festival zu Gast, um «The Look of Silence», seinen neuen Film, zu präsentieren, nach den grossen Premieren in Toronto und davor in Venedig, wo er mit dem Grossen Preis der Jury und mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet wurde.

Die Angst überwinden

Wird es schärfer oder nur schwärzer? Die Frage des Optikers kann man auch als Metapher dafür nehmen, was die beiden Filme auslösen, die Oppenheimer in Indonesien gedreht hat. Und für das, was sein Protagonist Adi Rukun erlebt, wenn er in «The Look of Silence» den alten Mördern ins Gesicht blickt in der Hoffnung auf irgendeine Form von Katharsis. Es sind ungemütliche Szenen, in denen die Angst manchmal fast mit Händen zu greifen ist: Die stoische Würde und die ruhige Hartnäckigkeit, mit der Adi seine Fragen stellt, sind eine Provokation für alle, die er trifft: für die erwachsenen Söhne und Töchter, die ihre Väter als Volkshelden verehren. Für den mächtigen Regionalpolitiker, der ihm unmissverständlich klarmacht, dass er besser nicht in alten Wunden stochern solle, weil die Gewalt sonst jederzeit wieder aufbrechen – und sich gegen ihn wenden – könnte. Aber auch für seinen eigenen Onkel, der damals in den Arbeitslagern die Gefangenen bewachte, bevor sie getötet wurden.

Das ist nicht mehr so verstörend wie «The Act of Killing». Nun gilt Oppenheimers Blick dem Versuch von Adi Rukun, in seinen Begegnungen mit den Schergen von einst die Angst zu überwinden, mit der er aufgewachsen ist. Mit «The Look of Silence», sagt der Regisseur, habe er den Film gemacht, den er ursprünglich habe drehen wollen: einen Film mit den Überlebenden, die zum Schweigen verdammt sind, einen Film darüber, was es heisst, in ständiger Angst zu leben, weil die Mörder von damals nicht bloss straffrei blieben, sondern immer noch an der Macht sind.

Ein kleines Theater mit Messer

Den ersten Versuch vor rund zehn Jahren musste Oppenheimer abbrechen, kaum hatte er angefangen. Die Armee drohte, die Dreharbeiten zu stoppen. Adi Rukun und andere Überlebende überzeugten den Regisseur dann, stattdessen die Mörder zu filmen, die sich mit ihren Anekdoten stärker belasteten, als es jede direkte Anklage leisten könnte. Eine der ersten Szenen, die Oppenheimer dann drehte, sehen wir jetzt in «The Look of Silence». Da führen zwei Schergen von damals den Regisseur zu jener Stelle an einem Fluss, wo sie Adis Bruder Ramli umbrachten. «Ich habe ein Messer mitgebracht, damit es authentischer aussieht», sagt einer der beiden, und dann führen sie vor, wie der Mord abgelaufen ist. Am Ende posieren sie am Ufer und lassen sich fotografieren, wie Touristen, die ihre Souvenirbilder schiessen.

Die Szene hat Oppenheimer im Januar 2004 gedreht, danach kehrte er nach London zurück, wo er damals lebte. Die ganze Reise über war ihm schlecht von dem, was er gesehen hatte. Kurz darauf tauchten in den Medien fotografische Souvenirs von US-Truppen auf, und der Ort des Geschehens wurde zur Chiffre des Obszönen: Abu Ghraib. Für Oppenheimer drängt sich bei beiden Szenen dieselbe Frage auf: In welchem moralischen Vakuum können diese Menschen solche Bilder von sich machen? Um diese Frage gehe es ihm bei beiden Filmen, sagt Oppenheimer: «Und wenn ich mich hätte vergewissern wollen, dass das, was ich in Sumatra erlebt hatte, ein rein indonesisches Phänomen war, so hat mir die amerikanische Politik der Folter damals schnell gezeigt, dass ich mir diesen Luxus nicht leisten konnte.»

Gummi von Gefangenen

Der Westen und namentlich die USA waren ja auch keineswegs unbeteiligt an den Massenmorden von 1965. Oppenheimer macht das deutlich, wenn er in «The Look of Silence» historische TV-Bilder einspielt. Schockierend ist dabei vor allem der triumphierende Ton, in dem der US-Sender NBC über die Massaker berichtete: Voller Anerkennung spricht der Reporter da von der «grössten Niederlage weltweit, die den Kommunisten je zugefügt wurde» – wobei damals jede Bäuerin, jeder Intellektuelle und jedes Mitglied einer Gewerkschaft ohne jegliche Grundlage «kommunistischer Umtriebe» bezichtigt werden konnte.

Die Details zur Rolle der USA bei den Massakern sind bis heute nicht bekannt, weil die entsprechenden Akten geheim sind. Klar ist, so Oppenheimer: Der US-Geheimdienst händigte damals schwarze Listen mit Hunderten von Namen an die indonesischen Schergen aus. Diese vollstreckten die Morde, hakten die Namen ab und gaben die Listen wieder zurück. In dem Ausschnitt von NBC ist aber auch eine Fabrik des US-Reifenherstellers Goodyear in Indonesien zu sehen. «Man sieht in dem Bericht, dass Goodyear offenbar Gefangene aus den Arbeitslagern beschäftigte, um Gummi zu gewinnen», sagt Oppenheimer. «Einer der grössten Reifenhersteller weltweit benutzte also die Zwangsarbeiter aus einem jener Lager, wo nachts Gefangene deportiert und umgebracht wurden. Das haben deutsche Firmen in der Umgebung von Auschwitz auch so gemacht.»

In Oppenheimers «The Act of Killing» beriefen sich die Täter gerne auf das Hollywoodkino als Inspiration für ihre Taten. In «The Look of Silence» geht ein Mörder nun noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: «Wir taten das damals alles nur, weil uns Amerika gelehrt hat, Kommunisten zu hassen.» Eine Schutzbehauptung, um sich aus der Verantwortung zu stehlen? Oppenheimer: «Ich glaube nicht, dass er sich damit entlasten will. Im Gegenteil, er übernimmt die Verantwortung, weil er glaubt, dass er Anrecht auf eine Belohnung hat. Eigentlich sagt der Mann, dass er immer noch eine Freifahrt nach Amerika erwartet zum Dank dafür, dass er damals die Drecksarbeit für die Vereinigten Staaten erledigt hat.»

Mit seinen Filmen hat Oppenheimer in Indonesien den Boden dafür bereitet, dass sich das Land endlich auf die Suche nach Wahrheit und Versöhnung machen könnte. Dass sich dabei in seiner Rolle alte Herrschaftsmuster wiederholen – Ausländer bringt Aufklärung –, mag er nicht gelten lassen: «Meine Position war nie die eines Amerikaners, der nach Indonesien geht, um die ganze Situation im Namen einer westlichen Vorstellung von Gerechtigkeit zu bereinigen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind Verbrechen gegen uns alle. Wir alle haben eine Verantwortung, dagegen die Stimme zu erheben, ganz egal wo solche Verbrechen begangen werden.»

Für seinen Protagonisten jedoch hatte das seinen Preis: Adi Rukun wohnt mittlerweile nicht mehr im abgeschiedenen Norden von Sumatra. «Wir haben ihn und seine Familie an einen anderen Ort gebracht, Tausende von Kilometern von seinem Heimatort entfernt. Er lebt jetzt in einem Umfeld von MenschenrechtsaktivistInnen. Diese Leute sind gut gerüstet für den Fall, dass er bedroht werden sollte.» Oppenheimer glaubt nicht, dass sein Protagonist dort um sein Leben fürchten muss.

Wie weit der Weg noch ist, bis die Massaker wirklich aufgearbeitet werden können, zeigt eine Szene aus «The Look of Silence». Ein Primarlehrer unterrichtet seine Schulklasse über die Ereignisse von 1965, und was er erzählt, ist reine Propaganda: das Schauermärchen von barbarischen Kommunisten, die Generälen das Gesicht zerschnitten und dafür zu Recht ermordet wurden.

Die Angst der Namenlosen

Und dann ist noch der Abspann. Wie in «The Act of Killing» ist er auch bei «The Look of Silence» ein Dokument der Angst. Da sind Dutzende von indonesischen Crewmitgliedern aufgeführt, die an dem Film mitgearbeitet haben – aber wo ein Name stehen müsste, heisst es immer nur «Anonymous». Niemand traut sich, namentlich genannt zu werden. Verständlich, wenn man sieht, wie widerwillig die Regierung sich zu den Verbrechen äussert, auf denen das Land gebaut ist.

Irgendwann, hofft Joshua Oppenheimer, wird er im Abspann die Namen seiner indonesischen Crew einsetzen können. Und irgendwann findet vielleicht sogar «The Look of Silence» in den Lehrplan. Bis dahin regiert die Angst. Die Angst der Namenlosen.

«The Look of Silence» am Zurich Film Festival: Freitag, 3. Oktober 2014, 14.15 Uhr, Corso 2; Samstag, 4. Oktober 2014, 15.45 Uhr, Corso 4. «The Act of Killing» ist bereits auf DVD erschienen.

Joshua Oppenheimer

Tausende Stunden der Angst

Der Regisseur Joshua Oppenheimer (40) wurde in Austin im US-Bundesstaat Texas geboren und studierte Film in Harvard. Nach Indonesien verschlug es ihn erstmals 2001, als er zusammen mit Einheimischen beim Gewerkschaftsfilm «The Globalisation Tapes» (2003) mitwirkte und dabei eine lokale Bewegung von ArbeiterInnen auf einer belgischen Plantage dokumentierte. Es zeigte sich, dass die Erinnerung an die Massaker von 1965 viele von ihnen davor zurückschrecken liess, sich gewerkschaftlich zu organisieren, um sich gegen ihre Chefs wehren zu können. Damals waren ihre Eltern und Grosseltern ermordet worden, bloss weil sie Mitglieder in einer Gewerkschaft waren.

Nach jenem Film kehrte Oppenheimer nach Indonesien zurück, um dieses Klima der Angst und die Ursachen zu erkunden. Aus den Tausenden Stunden an Material, die er seit 2004 drehte, realisierte Oppenheimer seinen aufsehenerregenden Erstling «The Act of Killing» (2012). Die dänisch-britische Koproduktion wurde an der letztjährigen Berlinale mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und war in diesem Frühjahr für den Oscar nominiert. Oppenheimer lebt in Kopenhagen.

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