Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

Verbrechen für die Freiheit

Die Geschichte der Befreiungsbewegungen zeigt: Es liegt in der Logik eines Bürgerkriegs, dass auch die Aufständischen Massaker an Gefangenen verüben – wie derzeit die Freie Syrische Armee. Wer das verhindern will, muss Bürgerkriege verhindern.

Von Toni Keppeler

Es geschah in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in der pazifischen Küstenebene des mittelamerikanischen El Salvador. Ein Bürgerkrieg wütete, es gab keine klaren Fronten, die Regierungsarmee verübte fast wöchentlich Massaker an der Zivilbevölkerung. An der Küste war Mayo Sibrián verantwortlicher Comandante der FPL (Volksbefreiungskräfte), damals die grösste der fünf in der Nationalen Befreiungsfront FMLN zusammengeschlossenen Guerillaorganisationen. Er liess seine eigenen Leute foltern und erschiessen. Wen er für einen Spion der Gegenseite hielt, der hatte kaum eine Überlebenschance. Wie sollte man auch das Gegenteil beweisen?

Auf wen der Verdacht des Comandante aus welchem Grund auch immer fiel, der wurde gefangen genommen und zwischen den Verhören in einem Waldstück gefesselt und geknebelt unter einen Baum gestellt, mit einem Strick um den Hals, der darüber an einem Ast festgezurrt wurde. In jeder Nacht übermannte der Schlaf ein paar dieser Gefangenen. Sie sanken in sich zusammen und wurden vom Strick erwürgt.

Es dauerte nicht lange, wahrscheinlich nur wenige Wochen, bis Leonel González, damals höchster Chef der FPL, von den «Säuberungen» des Mayo Sibrián erfuhr. Er hat nichts unternommen, drei Jahre lang. Erst 1989, nachdem weit über tausend KämpferInnen und zivile UnterstützerInnen des FMLN von ihren eigenen Waffenbrüdern erschossen oder erwürgt worden waren, wurde Sibrián degradiert. Und es dauerte noch einmal zwei Jahre, bis der Massenmörder erst vor ein «revolutionäres Gericht» und dann selbst vor ein Erschiessungskommando gestellt wurde.

Das Schweigen der Guerilleros

Die Degradierung und spätere Erschiessung von Mayo Sibrián hatten nichts mit revolutionärer Gerechtigkeit oder gar menschlichem Einsehen zu tun. Sie waren Konsequenzen der eiskalten Logik des Bürgerkriegs. Das drei Jahre währende Massenmorden an den eigenen Leuten hatte dem FMLN die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung entzogen. Leonel González musste handeln, wenn er die Küstenregion nicht verloren geben wollte. Doch Sibrián wurde zunächst nicht erschossen, obwohl andere Guerilleros für viel kleinere Vergehen von ihren eigenen Leuten hingerichtet wurden. Er musste erst sterben, als ein Friedensvertrag absehbar war. Die Guerilla wollte ihr finsterstes Kapitel abschliessen und mit dem Tod Sibriáns die Aufarbeitung eigener Kriegsverbrechen verhindern. Das ist ihr weitgehend gelungen: Der Massenmord in der Küstenregion El Salvadors ist jenseits der Landesgrenzen kaum bekannt.

Comandante Leonel González ist heute unter seinem bürgerlichen Namen Salvador Sánchez Cerén Vizepräsident von El Salvador und Präsidentschaftskandidat der FMLN bei der Wahl im Frühjahr 2014. Spricht man ihn auf Mayo Sibrián an, wird er noch immer sehr einsilbig.

Jenseits von «Gut» und «Böse»

Warum diese Geschichte hier und jetzt erzählen? Weil heute in Syrien ein Bürgerkrieg tobt. Weil sich dort Aufständische zur Wehr setzen gegen ein blutiges Regime. Und weil auch dort diese Aufständischen ihre Gefangenen und Menschen, die sie für Spione der Gegenseite halten, foltern und zu Dutzenden massakrieren. Nur erfährt es die Welt heute viel schneller. Irgendeiner der Beteiligten zeichnet solche Kriegsverbrechen auf seinem Mobiltelefon auf und stellt die Videos dann auf YouTube oder eine andere Internetplattform. Sei es, um damit anzugeben; sei es, um den Gegner zu erschrecken und zu demoralisieren.

Gefoltert und füsiliert wurde und wird von so gut wie jeder Befreiungsbewegung in so gut wie jedem Bürgerkrieg. Nicht nur der FMLN hat es getan. Auch die URNG in Guatemala, die Farc und der ELN in Kolumbien, die Swapo in Namibia, der ANC in Südafrika … Sicher: Die jeweiligen repressiven Regimes waren immer viel schlimmer. Wer die nach den Kriegen erstellten Berichte der Wahrheitskommissionen studiert, findet in jedem sehr ähnliche Zahlen. Immer werden um die neunzig Prozent aller Kriegsverbrechen staatlichen Sicherheitskräften zur Last gelegt und nur rund zehn Prozent den Aufständischen. Doch das entschuldigt keinen einzigen Mord.

Natürlich neigt man in solchen Kriegen gerne dazu, die Konfliktparteien in «Gute» und «Böse» einzuteilen. Die europäische Linke hat in den Bürgerkriegen in Afrika, Asien und Lateinamerika in den vergangenen Jahrzehnten immer Partei für die Befreiungsbewegungen ergriffen, und dies zu Recht. Doch moralische Kategorien taugen nicht für einen Krieg zwischen zwei Nationalstaaten und noch viel weniger für einen Bürgerkrieg. Wer sich entschliesst, die Waffe in die Hand zu nehmen, um ein mörderisches Regime zu beseitigen, muss selbst «böse» werden, wenn er gewinnen will. Es gibt für solche Konflikte noch nicht einmal anwendbare Regeln.

Die Genfer Konventionen zur Regelung bewaffneter Konflikte gelten im Prinzip zwar auch für innerstaatliche kriegerische Konflikte, sind aber nur teilweise realistisch. Natürlich muss man von Regierungstruppen verlangen, dass sie ihre Gefangenen korrekt nach Völkerrecht behandeln. Sie haben die Möglichkeiten dazu. Aber was macht eine Guerilla, die über kein sicheres Rückzugsgebiet und schon gar nicht über entsprechende Installationen zur Unterbringung von Gefangenen verfügt? Soll sie gefangen genommene Schergen des Regimes einfach sofort wieder freilassen? So viel Menschlichkeit mitten im alltäglichen Schlachten zu verlangen, wäre fast schon unmenschlich.

Trotzdem hat es solche Beispiele gegeben. Fidel Castro etwa hat in der Sierra Maestra die Gefangenen seiner Rebellentruppe bisweilen ohne Waffen zurückgeschickt. Doch dabei ging es nicht um einen humanitären Akt, sondern um kühl kalkulierte Kriegsstrategie: Die Freigelassenen sollten ihren Kameraden von den Taten der Guerilla erzählen und sie damit demoralisieren. Wenn das nicht erreichbar schien oder in der momentanen Kriegslage nicht opportun war, liess auch Castro füsilieren. Das entspricht der Logik eines Bürgerkriegs. Was hätte er tun sollen? Gefangenenlager errichten, mitten im Feindesland? Das ist weltfremd.

Und noch eine Besonderheit eines Bürgerkriegs fördert extreme Grausamkeit: Alle gehören zum selben Volk. Viele wechseln die Seite, die einen früher, andere später. Und noch mehr Menschen stehen irgendwo dazwischen, arrangieren sich heute mit den einen und morgen mit den anderen, nur um irgendwie überleben zu können. Niemand vertraut dem anderen. Wer weiss zu viel? Wer spricht mit wem worüber? In Bürgerkriegen herrscht permanente Hysterie, ein Verdacht führt schnell zu Folter und Mord, wer nicht mordet, muss damit rechnen, ermordet zu werden.

Es ist barer Irrsinn, wie Mayo Sibrián in drei Jahren mehr als tausend Kameraden erschiessen zu lassen. Der FMLN hatte insgesamt nur 8000 KämpferInnen, der Krieg dauerte zwölf Jahre. JuristInnen, die sich später mit dem Massenmord befassten, kamen zum Schluss, dass drei Faktoren dieses Kriegsverbrechen möglich gemacht hatten: ideologischer Fanatismus, psychische Störungen und permanente Paranoia. Eine Kombination dieser Faktoren gibt es in jedem Bürgerkrieg. Was also tun?

Man hats gewusst

Wer Kriegsverbrechen wie jene verhindern will, die jetzt von Angehörigen der Freien Syrischen Armee an AnhängerInnen des Assad-Regimes verübt werden, der muss Bürgerkriege verhindern. Stattdessen aber werden sie provoziert. In Zentralamerika wusste man spätestens seit den fünfziger Jahren, wie grausam die dortigen Militärdiktaturen waren. Ihre Folterkeller waren auch in den USA bekannt; trotzdem hat die Regierung in Washington sie mit Geld, mit Waffen und mit Militärberatern unterstützt. So lange, bis das Volk selbst zu den Waffen griff und es zu spät war. In Westeuropa und in den USA wusste man sehr genau, dass und wie das Apartheidregime in Südafrika die Schwarzen quälte. Aber man hat es dafür nicht geächtet und ökonomisch boykottiert. Lieber machte man Geschäfte mit den weissen Chauvinisten, auch die westliche Waffenindustrie.

Und wie lange hielt man Baschar al-Assad für einen Hoffnungsträger oder zumindest für einen stabilisierenden Faktor im Vorderen Orient, obwohl man von seinen Geheimdiensten und deren Praktiken wusste? Russland und China stützen dieses Regime noch heute, und der Westen nahm viel zu zögerlich Abstand davon.

Jetzt ist es zu spät. Der Bürgerkrieg ist da und hat seine eigene Logik gefunden. Ideologischer Fanatismus, psychische Störungen und permanente Paranoia gehören dazu – und in der Folge kriminelle Exzesse der Gewalt.

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