Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Bereitet Ihnen die ungewisse Zukunft des Dorfs Sorgen?

Wie Albin Zenhäusern die Veränderungen des Walliser Bergdorfs Unterbäch erlebte. Warum das Geld oft knapp, doch der Zusammenhalt umso grösser war. Und auf welche Errungenschaft Edith Zenhäusern heute auf keinen Fall mehr verzichten möchte.

Von Sibylle Dirren (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Albin Zenhäusern: «Ich bin der einzige Fussgänger im Dorf. Heute hat jeder ein Auto. Sogar das Brot kaufen viele Unterbächer im Tal.»

WOZ: Herr Zenhäusern, wenn Sie zurückschauen: Wie hat sich Unterbäch über all die Jahrzehnte verändert?
Albin Zenhäusern: Unterbäch hat heute rund 400 Einwohner. Am stärksten ist das Dorf in den fünfziger und sechziger Jahren gewachsen. 1937 wurde die Strasse nach Visp eröffnet, 1950 die Luftseilbahn nach Raron gebaut. Ab den späten Fünfzigern nahm auch der Fremdenverkehr zu – bekannt wurde Unterbäch ja nicht zuletzt durch den schweizweit ersten Urnengang im Jahr 1957, an dem auch Frauen abstimmen durften. Es folgten goldene Jahre. Die Strassen waren voll mit Touristen, die Restaurants und Hotels verdienten gut. Aber jetzt wird es je länger, je schwieriger, neben den bekannten Tourismusdestinationen zu bestehen.

Obwohl Unterbäch ein schönes Wandergebiet und ein eigenes Skigebiet hat?
Ja. Wobei auch in vielen anderen Orten die Übernachtungen abnehmen. Sogar Saas-Fee hatte eine schlechte Saison, und auch Zermatt hat schon bessere Zeiten erlebt.

Viele Junge ziehen weg. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des Dorfs?
Meine Sorgen sind vorbei. Natürlich hätte ich es gerne gehabt, wenn das eine oder andere unserer sechs Kinder hier im Dorf geblieben wäre. Aber damals musstest du einen guten Getti haben – nur schon, damit du jemanden in der Lonza unterbringen konntest. Eine Stelle in einem Büro zu bekommen, war schier unmöglich. Meine Kinder arbeiteten in einem Hotel in Zinal im Val d’Anniviers und kehrten nicht mehr zurück.

Und wie steht es um das lokale Gewerbe?
Grosse Teile haben nicht überleben können. So gibt es keinen Schuhmacher mehr. Und auch die Hammerschmiede ist eingegangen. Früher mussten die Pferde noch von Hand beschlagen werden. Heute ist alles mechanisiert – die Maschinen und Werkzeuge kauft man in Geschäften. Das alles sind aber Probleme, mit denen auch andere Bergdörfer im Wallis leben.

Gibt es in Unterbäch noch eine Poststelle?
Nein, auch sie wurde vor einigen Jahren geschlossen. Seither können wir zwar im Lebensmittelgeschäft noch Briefe abgeben und Rechnungen bezahlen, aber für viele Kommissionen müssen wir ins Tal. Jeder hat heute ein Auto. Ich bin der einzige Fussgänger im Dorf. Die Leute fahren nach Visp, um in der Migros einzukaufen – und jetzt, wo ihnen auch die Migros zu teuer ist, gehen sie in den Aldi. Sogar das Brot kaufen viele im Tal, weil es vielleicht billiger oder die Auswahl grösser ist.

Hat man sich früher im Dorf mehr unterstützt?
Ja, der Zusammenhalt war viel stärker. Wenn jemandem etwas fehlte oder er Hilfe brauchte, war es selbstverständlich, ihm einen Dienst zu erweisen. «Wenn ich etwas brauche, komme ich zu dir. Wenn du etwas brauchst, kommst du zu mir»: So lautete ein ungeschriebenes Gesetz. Statt mit Geld zu bezahlen, hat man sich gegenseitig unterstützt – beim Holzfällen etwa, beim Heueintragen oder bei der Feldarbeit.

Heute ist das nicht mehr so?
Das tut heutzutage kaum mehr jemand. Wenn du heute jemanden im Dorf um einen Dienst bittest, hat er meistens keine Zeit. Du siehst ja auch fast keine jungen Leute mehr auf der Strasse – höchstens noch, wenn sie mit dem Auto vorbeifahren. Früher haben wir viel gemacht für ein «Vergelts Gott». Und wenn der eine oder andere gerade kein Geld im Sack hatte, war das kein Problem. Das machte doch nichts! Man sah, dass er nicht die Möglichkeit hatte, Geld zu verdienen. Da haben wir ihm ausgeholfen, sodass er auch mitmachen konnte.

WOZ (zu Edith Zenhäusern, die soeben die Stube betreten hat): War der Zusammenhalt auch innerhalb der Familie so gross?
Edith Zenhäusern: Ja. Wenn zum Beispiel eines der älteren Kinder Geld verdiente, gab es immer einen Teil des Lohns zu Hause ab, damit es den jüngeren Geschwistern besser ging. Das hatte eine lange Tradition: Ich selbst erhielt bei meiner ersten Stelle zwanzig Franken im Monat – einen Teil davon schickte ich immer heim.

Das war damals selbstverständlich?
Albin: Ja, das mussten alle.

Edith: Zumindest bis 1947, als die AHV eingeführt wurde.

Albin: Die AHV war für viele Familien eine grosse Erleichterung. Bis dahin waren die Leute noch ganz auf sich allein gestellt. Heute gibt der Staat ein paar Hundert Franken für dies und jenes, etwa Zulagen für die Kinder. Damals hiess es: «Vogel friss oder verdirb.»

Gibt es sonst noch Dinge, auf die Sie heute nicht mehr verzichten möchten?
Edith: Ja, die Waschmaschine! Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter im Winter die Wäsche im Dorftrog waschen musste. Damals in den dreissiger Jahren hatten wir ja noch kein fliessendes Wasser. Und wir schliefen zu zweit oder zu dritt im selben Bett. Die meisten Familien im Oberwallis lebten damals so: eine Stube, eine Küche und ein Schlafzimmer – für alle zusammen. Die Toiletten waren ausserhalb des Hauses.

Obwohl sich in Unterbäch einiges verändert hat, gibt es noch heute ein reges Vereinsleben. 
Auch die meisten jungen UnterbächerInnen sind Mitglied in einem der rund zwanzig Dorfvereine. Albin Zenhäusern (93) war Trompeter in der Musikgesellschaft Alpenrose. Heute nimmt er zusammen mit seiner Frau Edith (83) an Veranstaltungen des Seniorenvereins teil.

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