Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Unheimliches Blöken jenseits des Zauns

Die Türkei hat die DschihadistInnen in den Nachbarländern lange gewähren lassen – zum Schaden der KurdInnen, die den türkisch-kurdischen Friedensprozess für gescheitert erklären.

Von Cigdem Akyol, Suruc und Mürsitpinar

Es sind die Nächte, die darüber entscheiden, wie mies der folgende Tag für den türkischen Soldaten wird. Wenn er Glück hat, kann er schlafen. Wenn er Pech hat, hört er im Traum wieder die Schafe blöken und schreckt aus seinem Schlaf hoch. Der Soldat steht seit drei Tagen fast ununterbrochen an einem Grenzabschnitt im Südosten der Türkei und kontrolliert die Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien. Er will seinen Namen nicht nennen, denn wenn er das täte, würde er entlassen.

Der Grenzübergang liegt etwa zehn Kilometer von Suruc entfernt, einer Stadt mit rund 60 000  EinwohnerInnen. Zahlreiche Absperrungen sind aufgebaut, die Flüchtlinge werden in kleinen Gruppen vorgelassen. Nicht immer geht alles gleich geordnet und ruhig zu. Um die Massen zurückzudrängen, setzen die Grenzbeamten schon mal Tränengas und Wasserwerfer ein. Mittlerweile sollen laut Ankara 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei leben; allein 160 000 Menschen seien seit dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vor zwei Wochen aus der nordsyrischen Stadt Ain al-Arab (kurdisch: Kobane) hierhergeflohen.

JedeR Einzelne wird von türkischen Katastrophenschutzbeamten mit Mundschutz nach Waffen durchsucht. Die Angst ist gross, dass ein Dschihadist sich ins Land schmuggelt. Wer in dieser kargen Landschaft nach Syrien hinüberschaut, sieht hinter dem Stacheldraht nicht enden wollende Reihen von Menschen, Tausende zurückgelassene Autos und mindestens so viele Tiere. Wegen Seuchengefahr müssen die Flüchtlinge ihre Kühe, Schafe und Lämmer zurücklassen.

Manchmal, erzählt der Soldat, trage der Wind das Blöken und Muhen herüber. «Für mich hört es sich an, als würden die Tiere sterben. Ich träume davon», sagt er. Gestern sei er nachts zum Stacheldrahtzaun gelaufen und habe Futter hinübergeworfen. Seit sechzehn Jahren sei er hier in der Region im Einsatz, im Kampf gegen die PKK, die von der Türkei, den USA und der EU als Terrorgruppe eingestufte Arbeiterpartei Kurdistans. «Aber so etwas Furchtbares wie hier habe ich noch nie erlebt», sagt der Soldat. Er zeigt auf seinen bandagierten Finger. Als er einem Flüchtlingskind durch einen Zaun Kekse reichte, habe das hungrige Mädchen so heftig danach gegriffen, dass er sich verletzte.

Aus dem und in den Krieg

Während hier täglich Tausende Flüchtlinge die Grenze zum Frieden überqueren, wollen einige Kilometer entfernt Hunderte wieder zurück in den Krieg: Im Dorf Mürsitpinar befindet sich der Grenzübergang, der dafür genutzt wird, denn gleich dahinter liegt Kobane. Diesen Stacheldrahtzaun bewachen lediglich ein Dutzend türkische Soldaten.

Ein Mann ruft in Mürsitpinar lautstark dazu auf, in den Krieg gegen den IS zu ziehen. «Brüder, auf in den Kampf, wir müssen unsere Heimat verteidigen! Wir dürfen sie nicht diesen Barbaren überlassen!», brüllt er auf Kurmandschi, einem kurdischen Dialekt. «Männer, bringt eure Familien in Sicherheit und kehrt zurück!» Etwa zwanzig Männer und Frauen scharen sich um ihn und klatschen. Die türkischen Soldaten stehen ruhig daneben, sie können die Syrer nicht davon abhalten, die Grenze zu überqueren, für den Krieg zu werben – und auch wieder in ihr Land zurückzugehen.

Weil aber immer mehr türkische KurdInnen sich dem Krieg im Nachbarland anschliessen wollen, liefern sich in Mürsitpinar türkische Sicherheitskräfte heftige Auseinandersetzungen mit den Kampfwilligen. Denn türkische StaatsbürgerInnen dürfen nicht nach Syrien. «Kobane steht unter Kontrolle der PKK. Wenn der Staat die Menschen hinüberlässt, könnte das als Unterstützung der PKK verstanden werden», sagt Fethi Akaslan, Vizechef der regierenden islamisch-konservativen AKP in Suruc. Wenn der Andrang am Grenzübergang gelegentlich zu gross wird oder wieder einmal eine Gruppe türkischer Kurden illegal versucht, die Grenze zu überschreiten, wird der Übergang geschlossen; dann werden auch Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt.

Die Solidarität unter den KurdInnen ist gross – das Misstrauen gegenüber der türkischen Regierung allerdings auch: Drei Jahrzehnte dauert der Konflikt zwischen der PKK und der Türkei nun schon an, derzeit gilt eine Waffenruhe. Das Parlament in Ankara verabschiedete kürzlich ein Gesetz, das eine Wiedereingliederung von PKK-Kämpfern ermöglichen soll. Doch zuletzt haben die Spannungen wieder zugenommen; die RebellInnen werfen der Regierung vor, die Rechte der KurdInnen nicht rasch genug auszubauen.

Viele KurdInnen sind auch verärgert über die Haltung der AKP, die bisher nur humanitäre Hilfe geleistet hat. Erst vor wenigen Tagen stellte die Türkei Unterstützung im Kampf gegen den IS in Aussicht. «Unsere Position hat sich nun geändert. Was folgt, ist etwas vollkommen anderes», sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan; der Einsatz von Bodentruppen werde in Erwägung gezogen.

Die türkische Zwickmühle

Doch warum hat sich Ankara so lange aus den blutigen Konflikten in seinen Nachbarländern herausgehalten? Sinan Ülgen, ein früherer türkischer Diplomat und Leiter des Zentrums für wirtschaftliche und aussenpolitische Studien mit Sitz in Istanbul, räumt ein, dass die Türkei die Bedrohung durch den IS zu spät erkannt habe. Mit «strategischer Blindheit» habe die Türkei jedes ihr zur Verfügung stehende Mittel eingesetzt, um in Syrien einen Regierungswechsel zu erreichen. Deswegen habe sie islamistische Kämpfer gewähren lassen. Zudem wolle Ankara unter allen Umständen vermeiden, die eigene kurdische Minderheit im Kampf gegen den IS zu unterstützen.

Der PKK geht es darum, der Demokratischen Unionspartei (PYD) im Kampf gegen die ExtremistInnen zu helfen. Die PYD ist die wichtigste kurdische Gruppe in Nordsyrien und eine Unterorganisation der PKK. Das Gebiet um Kobane wird bislang von den mit der PKK verbundenen Volksschutzeinheiten kontrolliert. Sollte Kobane in die Hände des IS fallen, verlören die KurdInnen damit eine von drei kurdischen Enklaven in Syrien.

Die PKK wirft Ankara vor, den IS sogar zu unterstützen. «Jede Kugel, die von der IS-Verbrecherbande auf den Norden Kurdistans abgefeuert wird, ist vom türkischen Staat abgefeuert worden», heisst es in einer Mitteilung der Union Kurdischer Gemeinschaften (KCK), die von der Türkei als ziviler Arm der PKK eingestuft wird. Die KurdInnen sollten «entsprechenden Widerstand leisten», auch der Kampf gegen die türkische Regierung müsse verschärft werden. Selbst Ismail Kaplan, Vorsitzender der gemässigten Kurdenpartei BDP in Suruc, sagt: «Der Friedensprozess ist tot, der Waffenstillstand auch.» In Suruc, das von der BDP regiert wird, gab es in den vergangenen Tagen immer wieder Zusammenstösse zwischen KurdInnen und türkischen Sicherheitskräften.

«Warum nur Waffen?»

Am Grenzabschnitt nahe Suruc werden gegen vier Uhr am Nachmittag drei schwer verletzte Kinder herübergebracht. Eine Mine ist in ihrer Nähe hochgegangen. Nachdem die Kinder im Notfallzelt ärztlich versorgt worden sind und der Krankenwagen mit einem Kind weggefahren ist, braucht der Soldat eine Pause von diesem ganzen Wahnsinn.

Er geht zum abseitsstehenden Toilettencontainer und zündet sich eine Zigarette an. «Ich verstehe all das einfach nicht», sagt er. «Journalisten aus aller Welt berichten von hier, aber es hilft kaum jemand. Warum werden nur Waffen geliefert?», fragt er. «Waffen kann man nicht essen, nicht trinken, sie sind nur zum Töten da.» Es wird eine miese Nacht für den Soldaten. Eines der Kinder wird am nächsten Tag seinen Verletzungen erliegen.

Nebenan in Mürsitpinar bleibt es an diesem Vormittag ruhig. Immer wieder kommen Familien oder Einzelpersonen an, werden von den wenigen türkischen Soldaten kontrolliert. Wer alle Fragen artig beantwortet und die richtigen Papiere hat, wird innerhalb weniger Minuten nach Syrien durchgelassen.

Einen Tag später sieht es ganz anders aus: Weil die Armee die Grenze in Mürsitpinar schliesst, stürmen Hunderte Menschen den Stacheldrahtzaun. Es gelingt ihnen, nach Kobane hinüberzurennen. Die Soldaten lassen sie gewähren. Sie wollten sich dem Kampf gegen die Dschihadisten anschliessen, berichten Augenzeugen. Auf Bildern ist zu sehen, wie die Ankömmlinge in Kobane jubelnd empfangen werden.

Trotz kurdischer Solidarität und US-Luftangriffen rückt der IS laut kurdischen Medien weiter vor. Mittlerweile hat Ankara Panzer in die Grenzstadt Mürsitpinar verlegt und strebt in Nordsyrien eine sogenannte Sicherheitszone an. Für viele KurdInnen ist klar, dass die türkische Regierung damit Einfluss auf die kurdischen Enklaven in Syrien nehmen will.

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