Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

«Die AKP will uns Kurden tot sehen»

Die Türkei weigert sich, die türkischen KurdInnen im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat zu unterstützen. Deshalb radikalisieren sich viele KurdInnen. Eine Reportage aus dem Grenzgebiet zu Syrien.

Von Cigdem Akyol, Suruc

Eine Leiche fehlt an der Beerdigung an diesem Nachmittag. Die syrische Kurdin, so erzählt man sich hier auf einem Friedhof in Suruc, sei von den Dschihadisten enthauptet worden. Den Körper der Frau habe man in die Stadt in der südostanatolischen Provinz Sanliurfa gebracht – aber ohne Kopf. Und weil der Anblick so grausig sei, finde sich kein Leichenwäscher für die Verstorbene. Jetzt liegt sie im Kühlhaus, und niemand weiss, was mit ihr zu tun ist.

In jedem Krieg gibt es Schauergeschichten, die unter den Betroffenen weitergereicht werden. Niemand weiss, ob sie wahr sind. Aber das scheint auch nicht so wichtig. Für die türkischen KurdInnen an der nordsyrischen Grenze ist es die eigene Wahrheit, die gerade ihren Alltag bestimmt. Die Geschichte der enthaupteten Frau wird auf dem Friedhof neben vielen anderen entsetzlichen Schilderungen über Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Folter durch den Islamischen Staat (IS) erzählt.

Ein Nicken und Beileidswünsche

An diesem Nachmittag werden in Suruc, einer Stadt mit 60 000 EinwohnerInnen, acht syrische KurdInnen aus der nur zehn Kilometer entfernten syrischen Stadt Kobane beigesetzt. Das ist nichts Aussergewöhnliches. Wie meistens weiss auch heute niemand, wie die Toten heissen. Deswegen werden von den Leichen Fotos gemacht, um nach dem Krieg vielleicht doch noch die Angehörigen zu finden. Die Spur der geköpften Frau aber scheint verloren.

Zuhal Ekmez, Mitglied der kurdischen sozialdemokratischen Partei BDP und Bürgermeisterin von Suruc, hört sich all den Wahnsinn an. Sie läuft ruhelos auf dem Friedhof umher, ein Assistent trägt ihr die Tasche. Die 36-Jährige schüttelt Hände, tröstet weinende Frauen. Ständig klingelt Ekmez’ Mobiltelefon. Eine geflohene Kurdin berichtet ihr, dass die Dschihadisten ihren Sohn ermordet und seine Körperteile einzeln vor ihr Haus geworfen hätten. Die Mutter habe den Körper ihres Sohnes dann von Hand zusammengenäht und ihn auf dem Rücken hierhergeschleppt, um ihn beisetzen zu können. Ekmez zieht an einer Zigarette. Da gibt es keine schreckgeweiteten Augen, kein Erstaunen. Nur ein Nicken und Beileidswünsche.

Hunderte KurdInnen stehen auf dem Friedhof, Fahnen mit dem Konterfei Abdullah Öcalans, des inhaftierten Chefs der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, in den Händen. Junge Männer in Pluderhosen und olivgrünen Overalls, der Uniform, die auch KämpferInnen der PKK tragen, rufen: «Kobane wird zum Grab für den IS.»

Ankaras Doppelspiel

Seit mehr als vier Wochen ist die Grenzregion im Ausnahmezustand. Aber auch in vielen anderen Orten der Türkei gab es in den vergangenen Wochen Proteste gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung. In den kurdischen Hochburgen kam es zu Zusammenstössen zwischen IS-SympathisantInnen und PKK-AnhängerInnen. Bei Demonstrationen starben mindestens 31 Menschen.

Suruc gleicht einer Festung, Hunderte Sicherheitskräfte befinden sich im Zentrum. In einem Nachbardorf wurde PKK-Chef Öcalan geboren. «Die AKP will uns Kurden tot sehen», sagt Bürgermeisterin Ekmez. «Oder wie sonst ist es zu erklären, dass wir seit Jahrzehnten unterdrückt werden? Dass die Polizisten mit ihren Tränengasgeschossen direkt auf die Köpfe der Demonstranten zielen?»

Die meisten KurdInnen in der Türkei fordern, dass Ankara kurdischen KämpferInnen erlaubt, die Grenze nach Syrien zu überqueren. Denn mit dem Verlust Kobanes und der umliegenden Region könnten die syrischen KurdInnen ihre in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs errungene Selbstverwaltung wieder einbüssen.

Stattdessen griff die Türkei letzte Woche erstmals seit dem Inkrafttreten einer Waffenruhe vor eineinhalb Jahren wieder Stellungen der PKK an. Laut Ankara handelte es sich um eine Vergeltungsmassnahme, weil Tage zuvor die PKK-KämpferInnen einen Posten türkischer Sicherheitskräfte angegriffen haben sollen. Auf jeden Fall entsteht der Eindruck, dass die Türkei die KurdInnen, statt sie im Kampf gegen den IS zu unterstützen, lieber im eigenen Land bombardiert. Dazu passt auch der Widerstand Ankaras gegen die US-Waffenlieferungen an die KurdInnen vom syrischen PKK-Ableger PYD, um Kobane zu verteidigen (vgl. «Isolierte Türkei» im Anschluss an diesen Text).

In einem Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Sanliurfa liegt ein Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG, die zum PYD gehören und in Kobane gegen den IS kämpfen. Der Mann, der anonym bleiben will, erzählt, dass er es vor drei Tagen aus der kurdischen Enklave herausgeschafft habe.

Er hat einen Bauchschuss erlitten, das Sprechen fällt ihm schwer. Deswegen nur ein paar kurze Fragen: Wie kommen die Kurden an neues Kriegsgerät? «Schmuggler bringen uns Handfeuerwaffen über die türkische Grenze.» Wie kann der IS in Nordsyrien gestoppt werden? «Die Türkei muss einen Hilfskorridor öffnen. Wir Kurden wissen, wie man kämpft, aber dazu brauchen wir Waffen.» Dann sagt er noch: «Das sind keine Muslime, gegen die wir uns verteidigen. Das sind Monster.»

«Was soll uns denn noch passieren?»

In Suruc macht Bürgermeisterin Ekmez kein Geheimnis aus ihrer Sympathie für die PKK, die Ankara jetzt mit der Wiederaufnahme des Guerillakriegs droht. Ekmez’ Bruder ist seit neunzehn Jahren im Gefängnis, weil er mit der PKK zu tun hatte. «Wenn es die PKK nicht geben würde, dann wären wir Kurden in der Türkei vielleicht schon alle tot», sagt Zuhal Ekmez. Sie fürchtet keine Repressalien wegen ihrer PKK-Unterstützung. «Was soll uns denn noch passieren?», fragt sie. «Wir sind verzweifelt. Die Regierung arbeitet kaum mit uns zusammen, weil wir Kurden sind. Bald kommt der Winter, wir brauchen Unterstützung für all die Flüchtlinge.»

Mittlerweile ist der Flüchtlingsstrom aus Syrien in die türkischen Städte abgeebbt. An den Grenzen ist es viel ruhiger als noch vor drei Wochen. Jeden Tag steht ein Dutzend der Entkommenen auf den Hügeln und schaut mit Ferngläsern in die umkämpfte Heimat um Kobane. Sie warten darauf, dass der IS endlich vertrieben wird. In Sichtweite stehen ein Dutzend türkische Panzer. Ihre Schussrohre zeigen in viele Richtungen – aber nicht nach Kobane.

Fragt man die Entkommenen, wie der IS zu stoppen sei, antworten alle das Gleiche: «Ankara hat dem IS über Jahre hinweg Waffen geliefert. Deswegen misstrauen wir der Regierung. Sie soll nicht einmarschieren, aber einen Hilfskorridor öffnen.» Nie ist Hass auf die Mitmenschen zu spüren. Die Flüchtlinge schimpfen über die AKP und betonen, dass sie nicht die TürkInnen, sondern die Regierung für ihre Situation verantwortlich machen.

Hinter Zuhal Ekmez, auf dem Friedhof in Suruc, schüttet ein Bagger die Gräber zu. Frauen schnalzen mit den Zungen, so zeigen sie ihren Respekt vor den als MärtyrerInnen bezeichneten Verstorbenen. Die leeren Särge liegen gestapelt am Rand des Friedhofs. Sollte irgendwann der Kopf der enthaupteten Frau nach Suruc gebracht werden, dann will man auch sie hier beisetzen.

Der Kampf um Kobane

Isolierte Türkei

Die nordsyrische Grenzstadt Kobane wird nun schon seit über fünf Wochen von den Kämpfern des Islamischen Staats (IS) belagert. Daran haben auch die bisher über 130 Luftangriffe der von den USA angeführten Koalition nichts geändert. Die Türkei kommt zunehmend unter Druck, sich aktiv an der Verteidigung der Stadt zu beteiligen und eine Unterstützung der dortigen KurdInnen zumindest zuzulassen.

Diese können nun Waffen und Munition einsetzen, die US-Flugzeuge seit Sonntagabend über Kobane mit Fallschirmen abwerfen. Allerdings scheint schon jetzt ein erster Abwurf bei den IS-Kämpfern gelandet zu sein. Der IS setzt bereits viele US-Waffen ein, die seine Kämpfer von den überforderten irakischen Streitkräften erbeutet haben. Die Türkei verurteilte die US-Waffenlieferungen an die syrischen KurdInnen scharf, was die USA jedoch ignorierte.

Seither ist die internationale Isolation der Türkei offensichtlich. Auch bei der Regierung in Ankara, die wohl deshalb am Montag eine überraschende Ankündigung machte: Sie will irakischen KurdInnen von den Peschmergastreitkräften erlauben, über türkisches Territorium nach Nordsyrien zu gelangen, um dort gegen den IS zu kämpfen. Wie viel Ankaras Konzession zur Verteidigung Kobanes beitragen wird, ist allerdings fraglich. Denn die Peschmerga können sich gar nicht erlauben, viele ihrer KämpferInnen nach Syrien zu schicken: Im Norden des Irak werden sie dringend gebraucht, um die kurdischen Gebiete vor dem IS zu schützen.

Markus Spörndli

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