Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Dieser lockende Geruch des Authentischen

Das Handwerk erschafft den Menschen. Heute wird Do it yourself am Fernsehen zelebriert. Kann die Handarbeit alte Sehnsüchte und Hoffnungen befriedigen?

Von Stefan Howald

Dann steigt dieser frische, betörende Geruch hoch, wenn die Handsäge sich ins Holz hineinfrisst, ritsch, ratsch, entlang der vorgezeichneten Linie, und Sägemehl rieselt auf den Boden. Feiner Staub wirbelt hoch, wenn die auf die richtige Länge geschnittenen Latten geschmirgelt und geschliffen werden. An der vorbereiteten Stelle im Garten auf das Fundament legen, kreuzweise vernageln. Imprägnieren. Und dann, endlich, die erste Salon-Diskussionsrunde auf dem Gartenrost unter den schattigen Bäumen.

Welche Befriedigung liegt darin, die Dinge, die wir brauchen, gebrauchen, selber zu machen! Uns dem Konsumterror entziehen zu können (oder zumindest nur die unumgänglichen Materialien im Baumarkt kaufen zu müssen)!

Man kann natürlich auch zwei ungeschickte Hände mit zehn Daumen haben. Jedes Werkzeug liegt falsch in der Hand. Die Dinge, die zu formen wären, geraten schief, zerbrechen. Dafür mag man hinwiederum einen grünen Daumen haben. Da wächst und gedeiht alles und trägt die schönsten Früchte.

Oder dann gibt es diese anatomische Sensation: Seit Ende der neunziger Jahre werden in der westlichen Hemisphäre zunehmend Kinder gesichtet, deren Daumen flinker und beweglicher entwickelt sind und sich der Benutzung von Handys beim Simsen angepasst haben.

Ja, der Daumen. Er macht die Hand zum Greifwerkzeug; er treibt die Evolution voran, die zum Menschen führt. Stärker als beim Schimpansen differenziert sich die menschliche Hand aus, um sich mit verschiedenen Griffen die Dinge anzueignen. Greifen ist eine willentliche Handlung, das Resultat einer bewussten Entscheidung. Und so macht das Greifen die Menschen zu HandwerkerInnen.

Heute wollen das wieder mehr Menschen werden. Nicht nur, um die Wohnung zu renovieren, sondern womöglich gar, um den eigenen Stuhl zu schreinern. In Handarbeit werden glänzende Alphörner oder gleissende Lampen in Metalldrucktechnik produziert. Stricken erlebt einen Boom. In Trendläden wird von Hand Getöpfertes oder Gewebtes angeboten.

Biene und Baumeister

Das Handwerk beginnt, so hat es der Soziologe Richard Sennett beschrieben, mit einer körperlichen Praxis. Und es entwickelt sich dank der Kraft der Fantasie weiter. Körperlich und handfest setzen wir uns mit Gegenständen auseinander, die wir für unsere Zwecke zurechtbiegen: Holz, Lehm, Gestein. Dann geraten wir ins Tüfteln und treiben uns selbst voran.

«Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war», hat Karl Marx über den stofflichen Austausch im Arbeitsprozess geschrieben, bevor er sich dessen gesellschaftlicher Form zuwandte.

Das Greifen prägt noch das Denken oder einen seiner Grundbegriffe: den Begriff nämlich. Er bedeutet, eine Sache von allen Seiten zu erfassen, zu ergreifen, zu begreifen eben.

In der gesellschaftlichen Entwicklung ist dies zunehmend auseinandergefallen in die arbeitsteilige Hand- und Kopfarbeit. Mechanisierung und Automation treiben dem Handwerk das Denken aus, und die Dienstleistungstätigkeiten entfremden vom eigenen Körper.

Diejenigen, die sich neu fürs Handwerk interessieren, versuchen, solche Entwicklungen der gegenwärtigen Arbeitswelt rückgängig zu machen. Gegenüber der arbeitsteiligen Spezialisierung, in der in Massenproduktion lediglich ein Teil eines Produkts hergestellt wird, wollen sie die vielseitigen Fähigkeiten zurückholen, die es braucht, um einen Gegenstand in allen Arbeitsschritten herzustellen. Es geht ihnen um einen anderen Umgang mit den Materialien, um deren genaue Kenntnis. Womöglich folgt daraus auch ein anderer Umgang mit dem Produkt als Ware: Sie suchen den direkten Kontakt mit den KundInnen und kürzere Verkaufswege.

In der Schweiz machen Handwerks- und verwandte Berufe 12,7 Prozent aller Erwerbstätigkeit aus, ausgeübt von immer noch mehr als fünfmal so vielen Männern wie Frauen. 66 handwerkliche Berufe zählt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in ihrer umfassenden Rubrizierung auf. Die duale Schweizer Berufsbildung hat ihre unzweifelhaften Stärken, doch droht sich die Kluft zwischen schulischer und beruflicher Ausbildung zu vergrössern. Dafür zeigt SRF gerade die vierteilige Serie über die Berufsausbildung «Mini Lehr und ich».

Auf dem Do-it-yourself-Markt werden in der Schweiz etwa 1,9 Milliarden Franken pro Jahr ausgegeben. Das ist im Vergleich mit den Nachbarn unterdurchschnittlich, und wie in allen Ländern gibt es jährliche und saisonale Schwankungen. In der Schweiz ist allerdings, wie meistens, alles ein bisschen edler und teurer. Handwerk wird hier schnell zum Kunsthandwerk.

1930/31, in der Wirtschaftskrise, wurde vom Schweizerischen Bauernverband das Heimatwerk als Genossenschaft gegründet, um einheimisches Schaffen zu fördern und Arbeitsplätze zu erhalten. Noch heute ist es eine Genossenschaft, wirkt aber als Einzelhandelsgeschäft fürs Hochpreissegment. Mit dem Freilichtmuseum Ballenberg hat es 1996 die Stiftung Heimatwerkschule Ballenberg geschaffen. Diese entwickelt eine lebhafte Ausbildungstätigkeit; im zweiten Halbjahr 2014 werden nicht weniger als 125 Kurse angeboten.

Selbsthass

Ikea bildet das Scharnier zwischen Fertigproduktion und Do it yourself. Die Möbel kommen vorgefertigt, verlangen aber doch ein paar handwerkliche Griffe, um aufgestellt zu werden. Ikea steht gelegentlich wegen fragwürdiger Geschäftspraktiken in der Kritik; vor allem aber muss sie immer wieder herhalten als Symbol kleinbürgerlicher Spiessigkeit. Doch in dieser Kritik wird der ängstliche Snobismus des Mittelstands zum Selbsthass.

In vielen deutschsprachigen Fernsehsendern wird gegenwärtig gewerkelt. Die ARD bietet nüchtern einen «Ratgeber Bauen+Wohnen» an, Kabel 1 verspricht «Die Super-Heimwerker», RTL richtet «Unsere erste gemeinsame Wohnung» ein; auf dem zweiten RTL-Kanal schaffen Fachleute ein «Zuhause im Glück», und in «WohnSchnellSchön» werden materiell Bedürftigen Wohnungen gratis renoviert. Auch SRF hat vor ein paar Jahren ein ähnliches Format, «Tapetenwechsel. Das grosse Zügeln», versucht, aber SchweizerInnen lassen sich offenbar nicht so gern in die Wohnungen blicken oder für der Wohltätigkeit bedürftig erklären.

Im englischen Fernsehen, zumeist ein verlässlicher Gradmesser für das, was ein wenig später auch auf dem europäischen Kontinent ankommt, gibt es eine neue Serie innerhalb dieser Gattung von Programmen, in denen Laien via Fernsehen zu Profis werden möchten. «Monty Don’s Real Craft» verspricht, AmateurInnen zu HandwerkerInnen auszubilden: Töpferin, Schreiner, Schlosserin, Glasbläser, Weber. Und so wird das angepriesen: «Im ganzen Land träumen Tausende Menschen davon, dem heutigen Alltagsstress zu entrinnen und sich dem Handwerk vergangener Zeiten zuzuwenden. Diese neue Generation begabter Amateure nimmt alte Traditionen und Fähigkeiten auf und erfindet sie neu.» Allerdings kann dem Stress des modernen Lebens nur entrinnen, wer mit jeweils zwei MitkandidatInnen um den Auftrag eines renommierten Unternehmens konkurriert.

Handwerker waren einst politisch progressiv, indem sie gegen feudale Bevormundung antraten. Die Französische Revolution wurde von Handwerkern, Kaufleuten und Intellektuellen getragen. Dann spalteten sich die Klasseninteressen bürgerlicher Lehrmeister und ihrer Gesellen. Deutsche Handwerksburschen gründeten in der Schweiz die frühkommunistische Bewegung. Längst hat sich das Handwerk unter dem Druck des Verdrängungswettbewerbs durch die Massenfertigung ins konservative Lager verschoben. Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) besteht aus lokalen und nach Branchen organisierten Verbänden. Schon im Namen steht nicht das stoffliche Handwerk, sondern dessen wirtschaftliche Form, das Gewerbe, im Vordergrund. Der SGV ist ein Verband der KMU-BesitzerInnen, und er definiert seine neoliberale Rolle wie folgt: «Der Schutz des Gewerbes vor staatlichen Interventionen sowie der Kampf gegen neue Steuern und Abgaben sind seither die wichtigsten Aufgaben des SGV.» Die Mindestlohninitiative ist unter anderem auch daran gescheitert, dass unterschiedliche Interessenlagen in KMU nicht angesprochen werden konnten.

Authentizität

Die Produkte der neuen HandwerkerInnen versprechen eine besondere Qualität: Sie sind einmalig und «authentisch». Aber warum sollten wir das Massenprodukt weniger schätzen, wenn seine Qualität womöglich dieselbe ist wie die des von Hand Geschaffenen? Nein, das Lob des Unikats gilt nicht nur dem Produkt. Im «authentischen» Handwerksprodukt stecken vielmehr zwei weitere Bedeutungen. Es lässt unsere Sehnsucht nach dem «echten», unentfremdeten Leben handgreiflich werden, und wir verleihen dem Handwerker soziale Anerkennung für seinen Mut, mit dem er sich den herrschenden Verhältnissen entgegenstemmt.

Wie auf allen technischen Entwicklungsstufen zeigen sich lockende Formen, die neue technologische Möglichkeiten, verbunden mit einer nicht entfremdeten Verfügungsgewalt, versprechen. Gegenwärtig sind das die 3-D-Drucker. Wenn wir zu Hause alles selber herstellen könnten, wären wir wieder Herren über unseren Konsum. Doch der Kampf um die Verfügung dieser neuen Fähigkeit des Homo faber ist vielleicht schon zugunsten der Grosskonzerne entschieden, bevor er richtig begonnen hat.

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