Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Ein Schlamm aus Macht, Waffen und Öl

Im kriegsgeplagten Südsudan verschärft die Regenzeit die Katastrophe. Die Kämpfe gehen weiter – auch weil China und die USA um Einfluss in der ressourcenreichen Region konkurrieren.

Von Cedric Rehmann, Bentiu

«Die Kämpfer müssen es einfach so machen wie die Geier: warten, bis die Flüchtlinge im Schlamm verrecken», sagt Simon, ein Mitarbeiter der UN-Mission im Südsudan (Unmiss). «Die Menschen bleiben im Camp, sogar wenn sie dort sterben. Sie haben zu viel Angst vor dem, was mit ihnen passieren würde, wenn sie die UN-Zone verlassen», sagt er. Simon will seinen vollständigen Namen nicht verraten. «Wer hören will, was wirklich in Bentiu passiert, fragt nicht nach Namen.»

Das Lager Bentiu im Norden des jungen Staats ist seit Beginn der Regenzeit eine nasse Hölle mitten im Busch; das Wasser steht seit Wochen knietief. Ende August wurde ein Helikopter von einer Rakete abgeschossen, der Essen und Medizin bringen sollte. Darauf stellten die Unmiss und andere internationale Organisationen vorübergehend ihre Hilfsflüge ein, weil nicht klar war, wer hinter dem Anschlag steckt. Als die Unmiss wieder nach Bentiu flog, war Simon mit an Bord. «Im Wasser schwammen Leichen», erinnert er sich.

Alles fliesst zusammen

Auch das Flüchtlingslager Thongping in der Hauptstadt Juba gleicht seit Wochen einem Sumpf: Die Regenflut dringt durch die Ritzen der Zeltplanen, Lebensmittel schimmeln, die Decken sind feucht und stinken. Irgendwann fliesst alles zusammen: das Regenwasser, die Kloake, der Müll. Mütter halten in der Nacht ihre Kinder im Arm, weil sie Angst haben, dass sie im Dunkeln am Boden ertrinken. Die Regenzeit wird noch Wochen andauern. Die Unmiss möchte das Lager räumen und alle Flüchtlinge auf einem höher gelegenen Gelände unterbringen. Aber die Flüchtlinge wollen nicht gehen.

Der Medikamentenhändler John Dok weiss warum. «In der Nähe des anderen Lagers stehen Militärbaracken. Wenn wir mit den Soldaten auf dem gleichen Fleck leben, haben die es leichter, uns umzubringen», sagt Dok. Manchmal verstehe er nicht, was in den Köpfen der Unmiss-Mitarbeitenden vor sich gehe. «Glauben die denn, dass wir freiwillig in diesem Dreck leben? Wir hatten alle mal anständige Häuser. Aber wir können nirgendwo anders hin.» Auf einem Tisch unter einem Zeltdach stapelt John Dok seine Malaria- und Typhustabletten. Seine LieferantInnen ausserhalb des Lagers gehörten zu neutralen Stämmen. «Die Dinka in Juba würden sie töten, wenn sie wüssten, dass sie uns unterstützen. Und sie würden uns töten, wenn die Unmiss nicht wäre», sagt er.

Kreislauf der Vergeltung

Die Frage, ob im Sudan ein Völkermord droht (oder bereits im Gang ist) und wenn ja, welcher Bevölkerungsteil Opfer, welcher Täter ist, ist nicht einfach zu beantworten. Internationale Organisationen warnen seit Jahresbeginn vor einem Völkermord wie 1994 in Ruanda. Die Dinka, die derzeitige Elite rund um Präsident Salva Kiir, beschuldigen die Nuer, für Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich zu sein. Ohne Zweifel haben Truppen des früheren Vizepräsidenten Riek Machar im April dieses Jahrs in Bentiu Hunderte von Dinka ermordet. ZivilistInnen, die sich in Kirchen geflüchtet hatten, wurden niedergemetzelt. PatientInnen eines Krankenhauses wurden nach ethnischer Zugehörigkeit selektiert und, sofern sie Dinka waren, ermordet. Ein halbes Jahr später flüchten nun die Nuer in die UN-Camps – allein in Bentiu sind rund 45 000 Menschen zwischen den Fronten eingeschlossen – oder ziehen sich in den Busch zurück, wo sie von jeglicher Versorgung und Infrastruktur abgeschnitten sind.

Nicht alle Menschen in Juba glauben, dass im Südsudan der Kampf der Völker im Vordergrund steht. Der Politikwissenschaftler Zacharia Diing Akol spricht von zwei Ebenen des Konflikts: International stehen sich die USA und China gegenüber, die nicht zulassen wollen, dass das erst 2011 gegründete Land mit seinem Ölreichtum in die Einflusssphäre des Rivalen fällt. Auf der nationalen Ebene kämpfen ehemalige Rebellen aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen den Sudan um die Pfründe des jungen Staats.

Machtstreit in der Einheitspartei

Diing Akol hat den Machtkampf innerhalb der ehemaligen Volksbefreiungsarmee und heutigen Einheitspartei SPLM (Sudan People’s Liberation Movement) kommen sehen. «Die SPLM hat sich auch nach der Unabhängigkeit 2011 nie klar entschieden, was sie sein wollte: eine bewaffnete Organisation oder eine politische Partei», so der Politologe. «Weil die führenden Politiker der SPLM Zugriff auf die militärischen Ressourcen haben, ist der Wettbewerb unter ihnen so gefährlich.» Gemeinsam mit anderen ExpertInnen hat er deshalb 2012 den Thinktank Sudd Institute gegründet. Ziel war es, die Regierung beim Aufbau des jungen Landes nach Jahrzehnten des Unabhängigkeitskriegs zu beraten. «Wir haben im vergangenen Sommer Präsident Salva Kiir und Vizepräsident Riek Machar gebeten, ihren Ton zu mässigen, weil das Klima im Land wegen des Machtstreits immer aggressiver wurde. Sie haben nicht auf uns gehört», so Diing Akol. Im Sommer 2013 überwarf sich Machar mit Kiir, im Dezember eskalierte der Machtstreit, als der Präsident befahl, die AnhängerInnen seines bereits im Juli entlassenen Vizepräsidenten zu entwaffnen.

Wenn Zacharias Diing Akol von Südsudans Pfründen spricht, um deren Verteilung die SPLM-Kader so erbittert kämpfen, meint er das Erdöl. Denn dessen Verkauf deckt fast hundert Prozent des südsudanesischen Haushalts. Von der Unabhängigkeit bis zum Beginn des Kriegs im Dezember 2013 hat dies in Juba einen Bauboom ausgelöst, von dem viele nackte Betonklötze zeugen. Die Hotels der Stadt sind trotz des Kriegs noch immer gut belegt; die Geschäfte scheinen weiterzugehen. Nachts, wenn fast nur noch die Generatoren der grossen Hotels Strom liefern, sitzen Geschäftsleute aus Beijing oder Schanghai mit den Kadern der SPLM auf den Dachterrassen und blicken hinab auf die in Dunkelheit gehüllte Hauptstadt. Auf den Tischen der ChinesInnen und ihrer südsudanesischen Partner stehen Champagnerflaschen: Feierlaune in einem Land, das viele bereits in einer schweren Hungersnot wähnen.

Südsudan will Öl und Hut

«Niemand ist über die Allianz zwischen Beijing und Juba so verärgert wie die Amerikaner», sagt Diing Akol. Washington habe sich schon zu Zeiten der sudanesischen Einheit als Schutzmacht des christlichen Südsudans gesehen. Es war George Bush, der Salva Kiir den Cowboyhut schenkte, den er heute noch als Markenzeichen trägt. Als Belohnung für die jahrzehntelange Unterstützung erwarteten die Amerikaner den Löwenanteil an der Erschliessung der Ölquellen Südsudans. Juba hielt sich aber an Verträge, die noch vor der Unabhängigkeit mit Beijing geschlossen worden waren. Kiir behielt also George Bushs Hut, machte dann aber doch Geschäfte mit China. Die US-Regierung wolle ihn stürzen und mit einer neuen Regierung Konzessionen für neue Ölquellen aushandeln, liess Kiir verkünden, nachdem die USA sich für eine Übergangsregierung ohne ihn als Präsidenten ausgesprochen hatten. Im UN-Sicherheitsrat scheiterten die USA bislang mit ihren Resolutionsentwürfen zum Konflikt. Denn Russland und China legten gemeinsam ihr Veto gegen alles ein, was Salva Kiir schaden könnte.

 Solange Russland, China und die USA von der Ukraine bis nach Syrien miteinander über Kreuz liegen, sieht Zacharias Diing Akol wenig Chancen für die Friedensgespräche, die seit Anfang Jahr in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba stattfinden. «Es geht immer nur darum, wie die Macht aufgeteilt werden kann, anstatt darum, wie das System geändert werden müsste», sagt der Politikwissenschaftler. Anders, als es die USA fordern, glaubt Akol nicht an einen Neuanfang ohne Salva Kiir und Riek Machar. Die USA würden den Frieden verunmöglichen, wenn sie die beiden Anführer unter Druck setzten. «In unserer Kultur setzen sich Kontrahenten zusammen und regeln alles hinter verschlossenen Türen. Dann machen sie weiter, als wäre nichts geschehen. Das verstehen die Amerikaner nicht», sagt er. Ausgerechnet die Männer, die das Land in den Abgrund gerissen haben, sind für ihn die Einzigen, die es wieder befrieden können – indem sie zur Versöhnung aufrufen und Reformen in Gang bringen, die letztlich ihre Macht begrenzen. «Es gibt niemanden ausserhalb der SPLM, der einen Wandel durchsetzen könnte», so Diing Akol.

Dinka gegen Nuer – ein alter Konflikt

Der ethnische Konflikt ist für Diing von nachrangiger Bedeutung: Dinka und Nuer würden nur von den rivalisierenden Führern der SPLM gegeneinander aufgehetzt, sagt er. Mit dieser Sicht steht der Politologe allerdings ziemlich alleine da. Ethnologen dokumentierten ethnische Feindseligkeiten bereits im 19. Jahrhundert.

Während des Kriegs gegen Khartum nach 1983 rivalisierten die zwei Ethnien um die Führung in der SPLM und kämpften zum Teil erbitterter gegeneinander als gegen die Muslime aus dem Norden. 1991 ermordeten Nuer unter der Führung von Riek Machar Tausende von Dinka in der Stadt Bor – ein Verbrechen, das nie gesühnt wurde: Die Machtteilung innerhalb der SPLM und das Versprechen eines Spitzenpostens für Machar nach einem Sieg waren der Preis für die Einheit im Kampf gegen den Sudan.

Die Dinka unter Salva Kiir haben diese Übereinkunft nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit aufgekündigt. Statt durch eine juristische Aufarbeitung Sühne für das Verbrechen von Bor einzufordern, entschieden sie sich für eine späte Rache und provozierten Vergeltung an den Nuer. Ein Kreislauf wurde in Gang gesetzt, von dem niemand weiss, wohin er das Land führen wird. Die politischen Komponenten des Konflikts, die Zacharias Diing Akol so betont, folgen zumindest einer Logik widerstreitender Interessen. Vielleicht könnten die Machtansprüche mit viel Mühe und Geschick in Einklang gebracht werden. Für den alten ethnischen Hass, der stärker brennt als je zuvor, gilt das kaum. Dagegen kennen weder Diplomatie noch Politikwissenschaft ein Rezept.

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