Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Vom Rinderklau zum blutigen Krieg

Wechselseitige Überfälle auf Dörfer gab es im Südsudan schon immer. Doch mit dem Bürgerkrieg ist die Gewalt eskaliert. Der neue Friedensvertrag könnte dazu beitragen, das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Von Corina Fistarol

Letzte Woche hat der südsudanesische Präsident Salva Kiir nach langem Zögern einen Friedensvertrag mit seinem Widersacher Riek Machar unterzeichnet. Besser als gar nichts, kommentierten einige hiesige Zeitungen. Andere meinten, der Vertrag sei das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben wurde. Die Gräben zwischen den Kriegsparteien seien so gross wie noch nie, sagt auch Peter Schumann, ehemaliger politischer Direktor der Uno-Mission im Sudan. Die Gewalt werde immer brutaler, und nichts deutet auf Veränderungen vor Ort hin, die ein Ende der Kämpfe vermuten liessen. Bereits sieben Waffenstillstandsabkommen sind oft schon nach wenigen Tagen gebrochen worden, und Präsident Kiir hat auch dieses Mal bereits vor der Unterzeichnung Vorbehalte geäussert. Zudem ist die Vereinbarung nur dank massiven Drucks der internationalen Staatengemeinschaft zustande gekommen. Dennoch ist die Situation heute anders: Der Südsudan hat kein Geld mehr, um den Krieg gegen Oppositionelle zu finanzieren – und auch keine Aussichten, weitere Kredite zu erhalten.

Vertrauen bald verschenkt

Der Südsudan erlangte die Unabhängigkeit von der Republik Sudan 2011. Ein Jahr später schien der junge Staat auf gutem Weg zu sein: Nie gingen mehr Kinder in die Schule, Strassen wurden gebaut, viele Menschen konnten sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Dies zwar vorwiegend wegen der vielen internationalen Organisationen, doch das Land hat Erdöl, mit dem es seine Ausgaben hätte finanzieren können: 96 Prozent des Staatshaushalts und zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts werden durch Öl gespeist.

Doch der Südsudan baute kaum staatliche Strukturen auf, sondern verteilte primär die Machtpositionen: Diese wurden von ehemaligen Warlords als Pfründen für ihren langen Kriegseinsatz gesehen. Kriegsfürsten waren aber noch nie gute Staatsmänner; das dafür nötige Rüstzeug fehlt ihnen. Die Zivilbevölkerung wartete vergeblich auf Unterstützung aus der Hauptstadt Juba. Und auch das traditionelle klientelistische System griff nicht – unter anderem weil fast von Anfang an der grösste Teil des Geldes in die Taschen der Eliten und dann ins Militärbudget floss.

Die Armee, ein Konglomerat aus Milizen, die sich zuvor gegen den gemeinsamen Feind, die Republik Sudan, hatten verbünden können, brach auseinander, als der Präsident seinen Stellvertreter und Kontrahenten Riek Machar 2013 entliess. Doch den Konflikt primär als Machtkampf zweier machthungriger Warlords zu verstehen, wäre zu kurz gegriffen. Auf der einen Seite taten sich viele ethnische Dinka unter Salva Kiir zusammen, auf Machars Seite ein grosser Teil der Nuer. Ein Grundübel dieses verheerenden Kriegs, der schon Zehntausenden das Leben gekostet, über zwei der elf Millionen SüdsudanesInnen in die Flucht getrieben und die Hälfte der Bevölkerung von humanitärer Hilfe abhängig gemacht hat, ist in uralten ethnischen Rivalitäten zu finden, die der Ethnologe Edward Evan Evans-Pritchard schon in den 1930er Jahren detailliert beschrieben hat.

Krieg potenziert traditionelle Gewalt

Sowohl Dinka als auch Nuer sind RinderzüchterInnen. Das Rind ist in allen Lebenslagen bestimmend: Es ist Nahrung, Brautpreis, Zahlungsmittel, sein Besitz oder Nichtbesitz bestimmt über den Status in der Gesellschaft. Traditionellerweise überfallen die einen die anderen, stehlen das Vieh (und oft auch Frauen). Wenn sich die überfallene Gemeinde wieder erholt hat, stiehlt sie in der kommenden Trockenzeit alles zurück. Der aktuelle Krieg schreibt sich in diese gesellschaftlich geduldete Tradition ein. Aber er hat die Gewaltspirale ins Unerträgliche gedreht.

Denn im Windschatten der Armee, die nun angeblich regierungsfeindliche Gemeinschaften mit schweren Waffen angreift, laufen Kämpfer mit, die an der Beute teilhaben wollen. Das sind eigentlich keine Krieger, sie tun nur das, was sie schon immer getan haben, doch mit zunehmender Brutalität. Nun werden nicht mehr nur die Rinder gestohlen. Auch Schafe, Ziegen, Essensvorräte und alles, was irgendwie zu brauchen ist, wird mitgenommen. Die Kämpfer werden schon lange nicht mehr bezahlt: Das Plündergut ist ihr Lohn. In den letzten Monaten haben Massaker an ZivilistInnen, sexuelle Gewalt und Gewalt gegen Kinder massiv zugenommen. «Die Lage in den Gebieten, die am härtesten vom Konflikt betroffen sind, ist verheerend», sagt Gregor Müller, stellvertretender Delegationsleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). «Viele Dorfgemeinschaften haben alles verloren, was sie zum Überleben benötigen, und sind heute vollkommen von humanitärer Nothilfe abhängig.»

Das IKRK müsse aber trotz der Friedensvereinbarung auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein, so der Delegierte. «Die Wunden, die beinahe zwei Jahre Krieg aufgerissen haben, sind tief. Nach dem Friedensschluss wird es nicht einfach sein, auch auf der Ebene der Stammesgesellschaften eine Versöhnung zu erreichen. Das wird Jahre dauern – mit unsicherem Ausgang.»

Angst vor Splittergruppen

Dass die Überfälle auf die Gemeinden weitergehen, bezweifeln wenige. Denn irgendwann werden die Geschädigten zurückholen wollen, was ihnen genommen wurde. Die Tradition der Rache, um die Ehre zu retten, aber auch, um wirtschaftlich und gesellschaftlich zu überleben, hat schon Evans-Pritchard geschildert. Doch nun gehen den Kriegsparteien langsam die Finanzen aus, und Loyalitäten kosten. Weniger Geld bedeutet aber nicht zwangsläufig weniger Überfälle. BeobachterInnen befürchten, dass sich mehr Splittergruppen bilden, die entweder selbstständig oder verdeckt im Auftrag der Kriegsparteien agieren. Diesen Gruppen können gut die Gräueltaten zugeschrieben werden, denn wenn die Kriegsparteien selbst den Friedensvertrag verletzen, müssen sie mit Sanktionen der Uno rechnen.

Die internationale Staatengemeinschaft steht beim jüngsten Land des Kontinents, dessen Unabhängigkeit sie damals so stark forciert hat, unter Zugzwang. Doch um eine Staatlichkeit aufzubauen, braucht es mehr als Projekte von Hilfsorganisationen und Milliardenspritzen der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und von einzelnen Staaten, die sich ihrerseits wieder einen Profit erhoffen. So hat etwa China, der Hauptabnehmer des südsudanesischen Öls, dem Staat im April 2012 einen Kredit von acht Milliarden US-Dollar zugesprochen. Aber allein im August 2014, als der Bürgerkrieg schon voll im Gang war, wurden Waffen im Wert von zwanzig Millionen US-Dollar geliefert.

Offiziell verkauft derzeit kein Land Kriegsmaterial in den Südsudan. Ein Waffenembargo der Uno wird aber erst verhängt, wenn der Krieg erneut ausbrechen sollte. Falls wirklich keine Waffen mehr geliefert und die verfeindeten Parteien nicht mehr unterstützt werden, könnte der Krieg zumindest so weit eingedämmt werden, dass die Gewaltexzesse zurückgehen.

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