Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Bruder Archibald – «Er war einer von uns»

Er hat die Kriegsverbrechen Österreich-Ungarns in Serbien dokumentiert. Noch heute gibt es dort um den Schweizer Rodolphe Reiss einen Kult.

Von Thomas Bürgisser

«Freund der Serben während ihrer schwersten Tage», «grosser Freund und Lehrer des serbischen Volkes», «Held der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Rechts» oder schlicht «Bruder Archibald» – so lauten einige der Beinamen, mit denen man in Serbien Rodolphe Archibald Reiss gedenkt. Reiss, aufgewachsen in Süddeutschland, war in den 1890er Jahren zu Studienzwecken nach Lausanne gekommen, etablierte sich als Professor für Polizeifotografie an der dortigen Universität und war Mitbegründer des Instituts für Kriminalistik. 1901 erhielt er das Schweizer Bürgerrecht. Als Pionier auf seinem Fachgebiet genoss er internationales Ansehen.

Im Herbst 1914 reiste Reiss auf Anfrage der Regierung in Belgrad nach Serbien. In einer Tour de Force besuchte er während Wochen zahlreiche Kriegsschauplätze, die im August von den K.-u.-k.-Truppen Österreich-Ungarns besetzt worden waren, die die Serben jedoch wenige Wochen später wieder – für kurze Zeit – zurückerobert hatten. Akribisch sammelte er Indizien, Dokumente, führte Hunderte von Interviews, untersuchte Hinrichtungsstätten, exhumierte Massengräber, fotografierte. Der «Reiss-Bericht», den die Alliierten 1915 und 1916 publizierten, war eine schreiende Anklage gegen die Kriegsverbrechen, die Österreich-Ungarn in Serbien begangen hatte. Mit einer brutalen Repressions- und Vergeltungspolitik wollte die militärische Führung die Entstehung von Aufständen unterbinden. Hunderte, vielleicht Tausende ZivilistInnen wurden in den ersten Augustwochen in gezielten Massakern umgebracht.

Als anerkannter Wissenschaftler und Bürger eines neutralen Staats hatte Reiss’ Urteil für die serbische Regierung und die Alliierten einen besonders hohen Stellenwert. Man darf annehmen, dass der Kriminologe seinen Untersuchungsbericht redlich recherchiert hatte. Bald schon war er jedoch zum entschiedenen Parteigänger Serbiens geworden. Als Korrespondent der «Gazette de Lausanne» prägte er mit seiner proserbischen Haltung die Berichterstattung über den Balkan im Weltkrieg. So folgte er der serbischen Armee 1915 auf ihrem langen Rückzug nach Albanien und begleitete sie 1918 bei der Rückeroberung der Heimat. An den Friedensverhandlungen 1919 war er Mitglied der serbischen Delegation in Versailles. Nach dem Krieg liess sich Reiss dauerhaft in Belgrad nieder, das nun Hauptstadt des ersten jugoslawischen Staats war.

Reiss arbeitete im jugoslawischen Staatsdienst, wandte sich jedoch bald bitter enttäuscht vom offiziellen Leben ab. Die serbische und jugoslawische Politik erschienen ihm durch und durch korrupt. Seine beissende Kritik formulierte er 1928, kurz vor seinem Tod, in seinem Appell «Écoutez, Serbes!». In diesem eigentlichen politischen Testament prangerte Reiss Politik und Gesellschaft an. Das serbische Volk beschwor er, sich auf seine ruhmreiche Vergangenheit, auf die «wahre» Demokratie der bäuerlichen Gemeinschaft, auf Moral, Gastfreundschaft und Patriotismus zu besinnen: «Lasst nicht zu, dass die Nation (…) von einer Handvoll egoistischer und bestechlicher Politiker, widerlicher Ausbeuter, verachtungswürdiger Drückeberger, verbrecherischer Profiteure und Wucherer geknechtet wird.»

Archibald Reiss starb 1929 in Belgrad, wo er beerdigt wurde. Sein Herz wurde auf seinen Wunsch hin auf dem Berg Kajmakcalan in Mazedonien beigesetzt, am Ort eines Schlachtensiegs des serbischen Heers 1916. Es erstaunt wenig, dass Reiss’ pathetisches Testament zu verschiedenen Zeiten immer wieder als düstere Prophezeiung Beachtung fand. Das breite Spektrum zwischen dem glühenden Bewunderer und scharfen Kritiker Serbiens lässt unterschiedlichste Deutungen zu. An seinem Grab in Belgrad fand diesen Sommer ein offizieller Gedenkanlass statt. Der serbische Präsident Tomislav Nikolic würdigte die Verdienste des Schweizers für das serbische Volk mit den Worten: «Er war einer von uns.»

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