Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Magische Prosa der Roma

Von Erich Hackl

Der Tiroler Komparatistin Beate Eder-Jordan ist es zu verdanken, dass Jozsef Holdosis packender Roman über das Schicksal einer ungarischen Romafamilie dreissig Jahre nach seiner Veröffentlichung im Verlag Neues Leben wieder auf Deutsch vorliegt, in der alten, tadellosen Übersetzung von Peter Scharfe, aber unter einem anderen Titel. Der frühere, «Die Strasse der Zigeuner», wurde offenbar für politisch anstössig gehalten.

Der Roman erschien ursprünglich Ende der siebziger Jahre, als sein Verfasser Gymnasiallehrer in Szombathely war. Er offenbart eine Welt, die bis dahin nur von aussen – von EthnologInnen, SoziologInnen, natürlich auch romantisch gestimmten DichterInnen – beschrieben worden war. Neu war ausserdem, dass diese Geschichte einer zerbrechenden Gemeinschaft mit magischen und surrealen Stilmitteln erzählt wurde und den herkömmlichen Realismus also weit überstieg.

Holdosi verband die mündlich überlieferten Mythen seines Volks mit den gesellschaftlichen Ereignissen im Ungarn des 20. Jahrhunderts. So schonungslos er auch das Elend der Roma schilderte – es ging ihm nicht darum, sie als Opfer oder willige Werkzeuge der Herrschenden hinzustellen, sondern als Menschen, die bemüht sind, die ihnen aufgezwungenen Verhältnisse abzuschütteln. Sie wollen nicht mehr, als in Würde zu leben und in Frieden zu sterben. Dass es ihnen nicht gelingt, ist kein Grund, die Hoffnung fahren zu lassen.

Das jedenfalls ist das Empfinden, das sich den LeserInnen mitteilt. Es verdankt sich dem Vermögen dieses zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, die Sehnsucht der Romanfiguren so vehement darzustellen, dass sie als das eigentliche Thema erscheint, mehr aber noch seiner grossen Empathie. Es wäre nicht vermessen, Holdosis Herzensprosa aus Ungarn in die weite Welt zu verpflanzen. Die Strasse, die er beschreibt, könnte auch unter der Sonne der Karibik bestehen und sein Bruder im Geist Gabriel García Márquez heissen.

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