Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Wenn das Handy den Bass killt

Die meisten Menschen hören heute Musik auf Smartphones und Laptops. Das verändere auch die Musikproduktion, sagt der Musikethnologe Wayne Marshall. Die sich ausbreitende Treble Culture sei aber kein Grund zum Kulturpessimismus.

Interview: Philipp Rhensius

Wayne Marshall: «Thomas Edison, der Erfinder des Phonografen, hielt seinen geöffneten Mund in den Schalltrichter, wenn er Musik hörte.»

Musik ist immer auch Ausdruck der technologischen Entwicklung: Jedes neue Gerät zur Musikproduktion bringt neue Klänge hervor. Die Orchestermusik etwa veränderte sich im 18. Jahrhundert grundlegend mit der Erfindung des Klaviers, das das wesentlich leisere und weniger dynamische Cembalo ablöste. Und ohne die ersten tragbaren Synthesizer und Sampler wären Techno, Hip-Hop und House nie entstanden.

Auch die Wiedergabetechniken, von den ersten Wachswalzen 1888 über Kassetten und CDs bis zu den heutigen digitalen Formaten wie MP3, haben enormen Einfluss auf die jeweils aktuelle Musik. Heute, 35 Jahre nach der Walkmanrevolution, haben sich die Formate und Hörgewohnheiten, die sich etwa in den alltäglichen Mensch-Smartphone-Symbiosen zeigen, erneut geändert. Doch das Hören von Musik auf Handys geht immer auch mit einem Verlust der Klangqualität einher. Vor allem Bässe können die kleinen Lautsprecher nicht wiedergeben. So klingt das, was heute auf den Strassen dieser Welt, in den Bussen oder U-Bahnen zu hören ist, oft nur wie übersteuerter Lärm. Der US-Musikethnologe Wayne Marshall hört trotzdem ganz genau hin.

WOZ: Wayne Marshall, Sie bezeichnen die neuen Hörgewohnheiten als «Treble Culture», als Kultur der Höhen. Welche Folgen hat das?
Wayne Marshall: Die Kultur des mobilen Musikhörens bringt vor allem zwei Probleme mit sich. Da wären zum einen die Menschen, die sich von Handymusik in der Öffentlichkeit gestört fühlen. Zum anderen geben Handys die darauf abgespielte Musik nur sehr unzureichend wieder, denn oft sind nur die hohen Frequenzen zu hören.

Hat das auch Auswirkungen auf die Musik selbst, gibt es Zusammenhänge zwischen Klangwiedergabegeräten und Musik?
Ein frühes Beispiel ist die Vibratotechnik bei Violinen, also das Auf-und Abrollen der Fingerkuppe auf den Saiten, um Variationen in der Tonhöhe zu erzeugen. Sie wurde ursprünglich erfunden, um technische Defizite der Aufnahme auszugleichen. Ein späteres Beispiel sind Musikproduzenten wie Phil Spector oder Berry Gordy vom Motown-Label. Sie haben ihre Musik so abgemischt, dass sie besonders gut auf den tragbaren Radios klingen, die in den Siebzigern weitverbreitet waren. Heute wird Musik von den Soundingenieuren so optimiert, dass sie vor allem auf Handys noch verhältnismässig gut klingen.

Kaum hörbar auf Handys ist der Bass. Wie gehen die Produzenten damit um?
Manche Musikproduzenten begegnen dem Problem, indem sie die Bassmelodie einfach verdoppeln. So wird der Bass, der auf mobilen Geräten kaum hörbar ist, mit einer parallelen Melodie in den mittleren Frequenzen unterstützt, wodurch sie auch über das iPhone oder Laptoplautsprecher zu hören ist. Es gibt noch ältere Beispiele wie den charakteristischen Offbeat im Reggae. Denn ursprünglich spielten die Gitarristen immer nur diesen einen Schlag, also das «chke». Als sie dann begannen, den Echoeffekt zu verwenden, wurde aus dem einen Schlag das charakteristische «chke, chke». Heute spielen die meisten Gitarristen dieses Echo direkt mit, ohne Effekt. Es ist interessant, dass ein Musiker heute von einer Maschine inspiriert wird.

Steht die Affinität zu hohen Frequenzen nicht im Widerspruch zum Trend der aktuellen Clubmusik, immer basslastiger zu werden?
Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass gerade diese basslastige Musik besonders oft auf Handys zu hören ist.

Im Dubstep und in den verwandten Clubmusikstilen wie Grime oder Trap spielt der Bass eine zentrale Rolle und wird innerhalb der Szenen regelrecht mystifiziert, etwa aufgrund der enormen physischen Wirkung, die er auf einer grossen Clubanlage entfaltet.
Vielen Szeneanhängern geht es vor allem um das körperliche Erleben von Bass, also das, was mobile Geräte überhaupt nicht gewährleisten können. Gemäss dem britischen Autor und Hyperdub-Label-Gründer Steve Goodman, der auch als Kode9 bekannt ist, ist das Gefühl, wenn der Bass den ganzen Körper erfasst und zum Vibrieren bringt, ein geradezu philosophisches Erlebnis. Den Verlust der Wahrnehmung, der mit der Treble Culture einhergeht, kritisiert Goodman vehement. Er fragt sich, welche sozialen und politischen Konsequenzen es haben könnte, wenn die Leute ihr körperliches Bedürfnis nach Bass nicht mehr ausleben können.

Der deutsche Soundingenieur Robert Henke alias Monolake kritisiert vor allem die Verflachung des Klangbilds, die das MP3-Format mit sich bringt, indem bestimmte Frequenzen einfach herausgelöscht werden. Andererseits hat unser Gehör quasi eine Autokorrekturfunktion und ist in der Lage, fehlende Frequenzen auszugleichen.
Nicht nur das. Das Ohr hat auch eine natürliche Filterfunktion, durch die bereits einige Frequenzen verschwinden. Thomas Edison, der Erfinder des Phonografen, hielt deshalb seinen geöffneten Mund in den Schalltrichter, wenn er Musik hörte. Er war überzeugt, dass die Rezeption des Klangs auf diese Weise viel besser sei, als wenn sie durch die kleinen Knochen im Gehörgang erfolgt.

Eigentlich ist das menschliche Gehör gar nicht in der Lage, die fehlenden Frequenzen auf MP3s zu hören, denn sie sind nach bestimmten psychoakustischen Tricks, etwa dem «auditory masking», konzipiert. Was steckt dahinter?
Beim «auditory masking» wird jeder Klang, der geringfügig lauter ist als ein anderer, mit derselben Frequenz einfach überdeckt, um bei der Datenmenge zu sparen. Ein anderer Trick ist die «spatialization». Besonders hohe oder tiefe Frequenzen sind im Gegensatz zu den mittleren Frequenzen für Menschen nicht lokalisierbar. Bei der Erstellung von MP3s wird zum Beispiel alles über 16 000 Hertz entfernt, da ein Erwachsener ohnehin nicht hören könnte, was darüber liegt. In gewissem Sinn übernimmt das MP3 also eine Art Filterfunktion, die das menschliche Gehör ohnehin hat.

Kode9 oder Monolake betonen dagegen immer wieder, wie wichtig es ihnen ist, möglichst alle Frequenzanteile wiedergeben zu können. Besonders für Stile wie Dubstep, Trap oder auch Techno und House sind MP3s sehr ungeeignet.
Die meisten Künstler aus diesem Bereich würden argumentieren, dass man diese Frequenzen zwar nicht hört, aber fühlt. Es gibt aber auch Hörstudien, in denen die Hörer von MP3s eigentlich nichts vermissen.

Trotz aller Kritik an der Treble Culture enthält sie auch positive, womöglich sogar politisch progressive Aspekte. Denn selbst wenn viele das Abspielen von Musik in der Öffentlichkeit als Störung empfinden, ist es doch immer auch eine Aneignung des öffentlichen Raums.
Ja, und es ist eine Möglichkeit, den von Überwachung und Kontrolle kolonisierten öffentlichen Raum zu besetzen. Viele junge Leute machen das ja weniger auf konfrontative als auf eine passiv-aggressive Weise. Nicht um die Öffentlichkeit zu erobern, sondern um sie erst zu erzeugen. Es ist eine Einforderung des Rechts, ihr Leben auch öffentlich zu leben.

Den Aufsatz über Treble Culture von 
Wayne Marshall gibt es als PDF zum Download 
unter www.tinyurl.com/woz-marshall.

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