Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Die Angst tanzt

Von Michael Saager

Linksherum singen, tanzen, feiern mit den Fehlfarben und Blumfeld, mit den Goldenen Zitronen, den Sternen oder Kreisky – das geht ziemlich gut. Nicht zuletzt, weil die Texte in ihrer aufgeklärt düsteren, ironisierend sarkastischen Wahrhaftigkeit adäquat knallen. Zu den besungenen Mistverhältnissen bloss doof rumzustehen, wäre eine ähnlich freudlose Alternative, wie einsam ins Sofakissen zu weinen. Also ruhig weitertanzen, auch wenn mal jemand meckert.

Prima klappt das auch zu den Popsongs von Jens Friebe. Nein, man muss das politische Anspruchsniveau der Songs des 1975 geborenen Wahlberliners mit der sympathisch melancholischen Jungsstimme nicht gleich irre hoch hängen. Unterschätzen sollte man den Mann aber besser nicht. Auf seinem letzten Album, «Abändern» von 2010, profanisierte Friebe mythisch gewordene Szenecodes mit müder Zärtlichkeit in der Stimme. Gleichzeitig belässt er ihnen eine ordentliche Portion Glamour. Und weil man eben gut zu Friebes Pop-’n’-Roll-Stücken tanzen kann, sind sie prompt Vehikel jener Ausgehgesellschaft, die die Texte von «Abändern» aufs Korn nehmen. Man kann tatsächlich uninspirierter mit Widersprüchen umgehen.

«Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus», das fünfte Friebe-Album, ist nicht ganz so spitze wie sein Titel, vor allem, wenn man Unerwartetes erwartet hat. Immer eine blöde Idee. Und es ist ja genug Hörenswertes darauf. Liegen bleiben, kapitulieren will Jens Friebe nicht. Er schnappt sich die Angst und geht mit ihr aus.

Interessant wäre auch die Variante einer sexuellen Angsteinverleibung gewesen: Nackte Angst, zieh mich aus, wir gehns an! Man kann nicht alles haben. Dafür wären da, abgesehen von Hookline-starkem, elektronifiziertem Ausgehpop im Pferdeklaviergalopp, schwermütig schwebende Moritaten in geschmackvollem Klavier- und Streichersamt.

Wenn Friebe in «Dein Programm» singt: «Ich bin ein Schwamm /Ich sauge, was du magst», denkt man ebenso an das übermächtige Google-Imperium wie an Spike Jonzes tollen Film «Her». Den guten alten Trost gibts bei Mama oder im Traum – und in Friebes «Schlaflied«: «Und alles, was vergangen war, fängt an / Mit allen, die man nicht vergessen kann / Und allen, mit denen man nicht schlafen darf / Schläft man im Schlaf». Widersprüche aufgehoben.

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