Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Pässe für die Würde

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Eine Menschenmenge drängt sich vor der einstigen Glasfabrik in Budapest: Lange galt die Stadt als Paris des Ostens, als Oase des Friedens während des Zweiten Weltkriegs. Doch nach der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht am 27. April 1944 schlagen Adolf Eichmann und seine SS-Schergen auch hier mit tödlicher Systematik zu und beginnen mit der Deportation der 800 000 in Ungarn lebenden JüdInnen in die Konzentrationslager. Das «Glashaus» wird zum Zufluchtsort: Hier werden rund um die Uhr Schutzpässe ausgestellt, um die JüdInnen vor der Verhaftung retten – ausgestellt vom Schweizer Diplomaten Carl Lutz und seinen HelferInnen.

Durch Daniel von Aarburgs Film «Carl Lutz. Der vergessene Held» führt Agnes Hirschi, Carl Lutz’ Stieftochter. Sie erzählt von den hohen moralischen Ansprüchen, die der methodistisch erzogene Lutz an sich selbst stellte. Und von der narzisstischen Kränkung, dass der Bundesrat seine Rettungsaktion, die schätzungsweise 60 000 Menschen vor dem Tod bewahrte, später nicht würdigte. Zu Wort kommen auch zahlreiche ZeitzeugInnen: Das Schlimmste, erzählt einer der Verfolgten, sei nicht die Angst vor dem Tod gewesen, sondern dass ihm die Menschenwürde geraubt worden sei.

Für seinen Film konnte von Aarburg bisher unveröffentlichte Aufnahmen des passionierten Fotografen und Filmemachers Lutz verwenden. So gelingt ihm ein packendes Stück Erinnerungsarbeit. Schade ist bloss, dass er Lutz zum einsamen Helden stilisiert – dabei waren die Rettungsaktionen der Schweizer Botschaft eng verflochten mit jenen der schwedischen Botschaft mit Raoul Wallenberg oder des Roten Kreuzes um Friedrich Born. Der Widerstand geschah kollektiv.

Am 8., 16., 22. November 2014 im «Kinok», St. Gallen, ab 27. November 2014 im «Stüssihof», Zürich.

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